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Unwetter deckte Schwächen im Netz der Fußball-EM auf

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Nicht nur das Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die türkischen Fußballer war, trotz Sieg, überaus kläglich und peinlich für den DFB. Auch das Design der Netzwerk-Übertragungstechnik war fehlerhaft angelegt, wie es ein Unwetter zeigte, das das Übertragungszentrum (IBC) in Wien außer Gefecht setzte. Nur das Schweizer Fernsehen und der arabische Sender Al-Dschasira hatten Bilder, weil sie nicht vom IBC abhängig waren.

Netzwerktechniker von hochkritischen Systeminstallationen kennen ihn und haben nächtens Alpträume, in denen das SPOF-Monster zuschlägt. SPOF, der Single Point of Failure besagt vereinfacht, dass alle Komponenten redundant ausgelegt sein müssen, wenn das System wirklich hochverfügbar sein soll. Die schlichte Regel wurde bei der Fußball-EM nicht konsequent beachtet, wie ein Unwetter zeigte, das über Wien niederging, während im schweizerischen Basel Deutschland gegen Türkei rumpelfußballte. Mit Windgeschwindigkeiten bis zu 130 km/h sorgte das Unwetter dafür, dass das Pressezentrum evakuiert werden musste, weil die Zeltkonstruktion der Anlage neben dem Ernst-Happel-Zentrum nicht für solche Geschwindigkeiten ausgelegt war. Dann fiel zu allem Überfluss der Strom im internationalen Übertragungszentrum (IBC) aus. Die Notstromaggregate aber reagierten nicht schnell genug und überbrückten die sehr kurzen Ausfälle der Stromleitungen nicht – die Ausfallzeiten waren aber immerhin so lange, dass die meisten Rechnersysteme im IBC neu gebootet werden mussten. Nach Angaben von Alexandre Fourtoy, Geschäftsführer der UEFA-Tochterfirma Media Technologies SA, war das Notstromsystem schadhaft; die Ausfälle auf den Stromleitungen selbst hätten sich im Millisekundenbereich bewegt, erklärte Fourtoy auf einer Pressekonferenz in Wien.

Die Schuld nun allein auf Stromausfälle und eine angeblich schadhafte Notstromversorgung zu schieben, erscheint aber etwas vorschnell. Denn es rächte sich, dass nach Auskunft von Telekom Austria zwar redundante Wege von den Stadien zum IBC und vom IBC zu den Sendern vorhanden waren, das IBC selbst aber ohne Ersatz da stand. "Von zwei digitalen Transmission-Wagen mit der Ausstattung einer multifunktionalen, mobilen Erdefunkstelle werden bestimmte Signale als komprimierte Datenströme vom jeweiligen UEFA EURO 2008-Stadion über Satellit zum IBC und gleichzeitig zum Teleport (Erdefunkstelle) in Aflenz übertragen." Auch für die vom IBC ausgehenden Signale gab es Vorkehrungen. Das Systemdesign wurde so ausgelegt, dass alle europäischen Sender vom IBC über einen JetStream-Glasfaser-Gateway, alle internationalen Sender via Satellit über die Erdfunkstelle Aflenz versorgt wurden. Diese Leitungen waren redundant konzipiert, weil notfalls europäische Sender den Satellitenfunk nehmen sollen und umgekehrt der Satellitenfunk über Gateways in München und Frankfurt laufen kann. Nur zum IBC selbst war keine Alternative eingeplant worden. Das IBC wurde so zum Single Point of Failure.

Anders als bei der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 2006, als das IBC aus einem Komplex von Holzhütten bestand, die in den weitläufigen Hallen des Münchener Messenzentrums untergebracht waren liegt die Verantwortung für das EM-IBC nicht mehr bei einem externen Dienstleister (2006: Host Broadcast Services) und den jeweiligen Telekom-Anbietern (2006: T-Com und Avaya mit zwei Ausweichzentren). Eigens zur Europameisterschaft hatte die Europäische Fußball-Union (UEFA) eine eigene Firma namens UEFA Media Technologies gegründet, die das IBC in Eigenregie betreibt. Aus diesem Grunde gehen erste Regressansprüche Zeitungsberichten zufolge direkt gegen die UEFA. Immerhin konnten bedingt durch den Ausfall deutsche Zuschauer einmal Flitzer-Bilder sehen, die sonst von der UEFA zensiert werden, die das Schweizer Fernsehen, das das ZDF zeitweise versorgte, aber zeigte. Der Mann war jedenfalls schneller als die deutschen Fußballer unterwegs. (Detelf Borchers) / (jk)

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