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Urheberrechtsstreit um das Tagebuch der Anne Frank

Eigentlich läuft das Urheberrecht am weltberühmten Tagebuch der Anne Frank in der EU Anfang 2016 ab, 70 Jahre nach dem Tod des jüdischen Mädchens im Konzentrationslager. Doch nun wollen die Rechteinhaber Anne Franks Vater Otto zum Mitautor erklären.

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Tagebuch Anne Frank

Cover der deutschen Erstausgabe

(Bild: Woodland987, CC BY-SA 4.0 )

Kurz vor dem eigentlich anstehenden Auslaufen des Urheberrechtsschutzes für das Tagebuch der Anne Frank sorgt der zuständige Anne Frank Fonds für eine Debatte um das Copyright. Wie die New York Times berichtet, weist die gemeinnützige Stiftung derzeit Verlage darauf hin, dass Anne Franks Vater Otto aus rechtlicher Sicht nun Mitautor an dem Werk sei. Sollte sich das durchsetzen, würde das Urheberrecht an dem Tagebuch in der Europäischen Union nicht am 1. Januar 2016 auslaufen, sondern erst in Jahrzehnten. Der Fonds könnte dann viel länger als ursprünglich absehbar Einnahmen aus dem Urheberrecht erzielen und an wohltätige Zwecke weitergeben.

Anne Frank im Jahr 1940

(Bild: Unbekannter Fotograf)

Wie die Zeitung zusammenfasst, würde das Urheberrecht an dem weltbekannten Tagebuch des Holocaust-Opfers eigentlich Anfang 2016 erlöschen, 70 Jahre nach dem Tod der damals 15-jährigen Anne Frank im Konzentrationslager Bergen-Belsen Anfang 1945. Sollte aber Otto Frank, der die Texte umfangreich redigiert hat, als Mitautor anerkannt werden, wäre sein Todesdatum grundlegend für die Länge des Urheberrechtsschutzes. Er hat den Holocaust überlebt und starb 1980. Dann würde das Tagebuch noch lange nicht gemeinfrei werden. Das gälte jedenfalls für Europa, in den USA erlöscht das Copyright im Jahr 2047, ganze 95 Jahre nach der Erstveröffentlichung.

Gegen diese versuchte Ausweitung des Urheberrechtsschutzes formiert sich aber Widerstand, so die New York Times. So gebe es Pläne, das Tagebuch trotzdem im Januar im Internet zu veröffentlichen. Eine solche Version, die jahrelang vorbereitet wurde, stammt demnach vom Anne-Frank-Museum, die andere Organisation, die sich um das Erbe des Mädchens kümmert. Gemeinsam mit Historikern und Forschern hat das Museum demnach an einer Version gearbeitet, die ins Internet gestellt werden sollte, sobald das Urheberrecht erlischt. Ob dieser Plan beibehalten wird, sei noch nicht entschieden. Eine Sprecherin habe jedoch bereits erklärt, dass weder Otto Frank noch jemand anders Mitautor sei.

Die Auseinandersetzung hat auch damit zu tun, dass es zwei Organisationen gibt, die mit der Sorge um den Nachlass betraut sind. Das Museum in Amsterdam und der Fonds mit Sitz in Basel wurden beide von Otto Frank gegründet. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung anlässlich des 70. Todestags von Anne Frank erklärt hatte, gründete ihr Vater den Fonds, als das Tagebuch bereits Gewinne abwarf, um das Geld wohltätigen Zwecken zugute kommen zu lassen. Er habe auch festgelegt, dass der Fonds aufgelöst werden soll, wenn nach dem Erlöschen der Autorenrechte keine Gewinne mehr zu erwarten seien.

Das jüdische Mädchen Anne Frank war als Kind mit ihren Eltern aus Deutschland ausgewandert, um den Nationalsozialisten zu entgehen, die 1933 an die Macht gelangt waren. In der niederländischen Hauptstadt Amsterdam, in die sich die Familie in Sicherheit gebracht hatte, mussten sie sich ab Juli 1942 vor den Deutschen verstecken. Bis sie zwei Jahre später verraten und in Konzentrationslager gebracht wurden, hatte Anne Frank Tagebuch geführt. Nach dem Krieg und dem Tod fast ihrer gesamten Familie veröffentlichte Otto Frank die Texte. Sie wurden rasch zu einem der bekanntesten Augenzeugenberichte über die Judenverfolgung zu Zeiten des Nationalsozialismus. (mho)