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VCFB zu 50 Jahre GUI: Historische grafische Benutzeroberflächen ganz lebendig

Computerarchäologe: "Über das Alte kann man über das Neue lernen

Interview mit Stefan Höltgen (HU Berlin), Computerarchäologe und VCFB-Mitinitiator

heise online: Was für Menschen kommen auf das VCFB, was kann man dort erleben?

Computerarchäologe Dr. Stefan Höltgen

(Bild: privat)

Stefan Höltgen: Das VCFB wird von allen Altersklassen besucht: Erwachsene kommen, um sich die Computer Ihrer Kindheit (und davor) anzuschauen. Und sie bringen ihre Kinder mit, die dort Computerspiele spielen und bei Löt- und Roboterbau-Workshops mitmachen. Die Kinder staunen über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten historischer Rechner zu dem, was sie selbst heute benutzen. Das Deutsche Technikmuseum bildet den idealen Hintergrund dafür, ein buntes Publikum anzulocken.

Zudem bietet das Festival Angebote für das "Fachpublikum" – sowohl für private Sammler als auch für Museumskuratoren, denn in den Vorträgen und Workshops kann man viel Neues über Altes erfahren.

Das Vintage Computing Festival Berlin ist inspiriert von dem Münchner Vintage Computer Festival Europa (VCFe). Computing oder Computer – auf diesen Unterschied legen Sie großen Wert – warum?

Eigentlich ist das Festival das "Franchise" US-amerikanischer VCFs. Die Idee, ein VCF nach Berlin zu holen, entstand allerdings auf dem Münchner Ableger. Wir stehen in regem Austausch, verfolgen aber recht unterschiedliche Ansätze und Absichten. München legt viel Wert auf Dokumentation von Geschichte und ist eher ein Szenetreffen. Aber viele VCFe-Aussteller kommen auch nach Berlin, wo die gegenwärtigen Nutzungsmöglichkeiten und Projekte mit historischer Technik im Zentrum stehen. Wir gehen sozusagen arbeitsteilig vor.

Vintage Computing heißt nicht nur, alte Maschinen und Codes zum laufen zu kriegen, sondern auch neue Software für historische Hardware zu schreiben. Aktuell wird etwa an einem neuen grafischen Betriebssystem für den C64 gearbeitet. Was treibt Menschen an, die so etwas machen?

Wenn man die Entwickler solcher Projekte fragt, dann antworten sie oft: "Ich wollte wissen, ob so etwas funktioniert." Im Hintergrund steht also auch eine Selbstermächtigungsfrage. Angesichts der heutigen Computertechnik, die die Nutzer oft unwissend und ohnmächtig mit "Black Boxes" konfrontiert, die sie zwar Nutzen können aber kaum verstehen, sind historische Computer "offener". Da sie im Prinzip aber genauso funktionieren wie heutige Rechner, kann man über das Alte etwas über das Neue lernen.

Bei der Entwicklung neuer Software für alte Systeme spielt das eine nicht unwichtige Rolle. Die Entwicklung eines GUI-Betriebssystems stellt im Prinzip auch die "praktische Analyse" von kommerziellen Produkten dieser Art dar. Manche Programmierer haben sich auf diese Weise die praktische Informatik der Betriebssystementwicklung selbst beigebracht.

Wie wird man Computerarchäologe und was macht man da eigentlich?

Computerarchäologe wird man, wenn man fragt, wie Computer als Medien zum Speichern, Übertragen und Verarbeiten von Informationen das Wissen historisch und aktuell mit-prägten und prägen. Als Computerarchäologe befragt man auch die Computergeschichtsschreibung vor dem Hintergrund, dass die Computer als "historische Artefakte" ja heute auch noch computieren. Das heißt konkret, dass sich Computer, wie auch andere technische Medien, der menschlichen Zeitmessung entziehen und ihre Eigenzeiten haben. Diese untersuche ich und lasse dabei die Computer eher für sich selbst sprechen (also ihre Zeitlichkeit demonstrieren) als sie in menschliche Zeitverständnisse einzuengen.

Der Kulturwissenschaftler Claus Pias hat gesagt, "What you see is what you get" sei nicht bloß ein Versprechen, sondern auch eine Beschränkung. Was meint er wohl damit?

Der Nutzer sieht alles, was er (angeblich) braucht – mehr zeigt ihm die Oberfläche des Betriebssystems nicht. Diese Einschränkung schien notwendig zu werden, als immer mehr Privatleute mit Computern zu arbeiten begangen – eben, um sie vor der Komplexität der Technik zu schützen.

Andererseits stellt die GUI aber auch eine Anpassungsschnittstelle dar: die Signalprozesse im Computer, die zu schnell, zu reichhaltig und zu fremdartig sind, um für den Menschen direkt nutzbar zu sein, werden in andere Zeichensysteme kodiert: Zunächst als Text-Symbole, dann als Icons. Damit wird eine Operation wie "eine Datei löschen" über den Weg der Bildmetapher "ein Dateiicon mittels Mausgeste auf das Papierkorbicon zu bewegen" zu einer Betriebssystemoperation, die für normale Nutzer über die Text-Konsole (angeblich) zu kompliziert wäre.

Es hat fünf Jahrzehnte gedauert, die Signaloperationen des Computers "benutzerfreundlich" zu gestalten - und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, wie man an Motion Controllern, Touch-Screens und der Gestensteuerung sieht. Aber nicht bloß die Technik wurde an die menschlichen Bedürfnisse angepasst; auch der Mensch wurde auf die technischen Gegebenheiten dressiert. So intuitiv eine GUI mit Gestensteuerung auch erscheint: selbstverständlich ist sie nicht. Wir lernen von Kindesbeinen an, wie man Medien "bedienen" muss, damit sie tun, was man von ihnen will.

Was fasziniert Sie als Medienwissenschaftler speziell am Thema GUI?

Mich fasziniert vor allem diese dialektische Beziehung zwischen Computer und Mensch, denn die zeigt sich ganz im Sinne der Kybernetik als Regelkreis, als Feedback-Schleife: Technikentwicklung und menschliche Anpassung beeinflussen sich gegen- und wechselseitig. Dabei wird einerseits der Mensch immer mehr auch in seiner Fähigkeit der unvermittelten Signalverarbeitung etwa bei neuronalen Interfaces betrachtet – quasi als "operatives Medium". Andererseits wird der Computer immer häufiger auf seine "Performativität" reduziert – also die Möglichkeit, seine Operationen von Außen als Handlungen zu betrachten und zum Beispiel ethisch zu bewerten.

[Update 19.10.2018 – 08:10 Uhr] Angabe zum Plan 9 Port geändert. (Pit Noack) / (mho)

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