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VCFB zu 50 Jahre GUI: Historische grafische Benutzeroberflächen ganz lebendig

Das Vintage Computing Festival Berlin widmete sich dieses Jahr schwerpunktmäßig der GUI. Anlass genug, sich an die Rechner zu setzen.

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VCFB 2018: Historische GUIs – angetestet

(Bild: Pit Noack)

Das fünfte Vintage Computing Festival Berlin (VCFB) am vergangenen Wochenende hat gut 2600 Besucher ins Deutsche Technikmuseum gelockt. Einer der Schwerpunkte war das Thema "50 Jahre GUI", dem eine Sonderausstellung gewidmet war. Anlässlich des 50. Jubiläum der "Mother of all Demos" wählten die Veranstalter in diesem Jahr das Sonderthema GUI. Ausprobieren konnten die Interessierten die C64-GUIs GEOS und Final Cartridge III, eine NeXT-Workstation, einen Apple IIGS, das PDA-System Magic Cap, den Sinclair Dateibrowser Vision und das Betriebssystem Plan 9.

Beim Herumprobieren fiel zunächst auf, dass die heute selbstverständlichen Standards etwa bei Dateioperationen wie Speichern, Laden und Kopieren oder bei der Bedienung von Text- und Grafikprogrammen fehlen – jeder Hersteller hat früher sein eigenes Süppchen gekocht. Ebenfalls wegen fehlender Vereinheitlichungen kann sich das Übertragen von Dateien von einem Rechner auf den anderen auf klassischen Plattformen mitunter zu einem raketenwissenschaftlichen Unterfangen entwickeln.

Zudem war festzustellen, dass einige Systeme ihrer Zeit weit voraus waren und manch interessanter Ansatz vielleicht zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. Der Apple IIGS unter dem System Apple GS/OS und der NeXTcube unter dem System NeXTSTEP fühlen sich überraschend modern an. Gut gefallen hat unter NeXTSTEP insbesondere das hierarchische, kontextbasierte Listenmenu.

VCFB 2018 – 50 Jahre GUI (11 Bilder)

Apple IIGS mit Grafikprogramm
(Bild: Pit Noack)

Ab 1990 hatte General Magic das objektorientierte PDA-Betriebssystem Magic Cap entwickelt. Magic Cap wurde von Motorola und Sony lizenziert und auf Handhelds wie dem Sony PIC-1000 und dem Motorola Envoy 100 eingesetzt. Diese Geräte boten unter anderem E-Mail-Funktionen, Adress- und Notizbuch, Kalender, Tabellenkalkulation und telefonieren konnte man damit auch. Der Icras DataRover 840 Handheld hatte zuletzt sogar einen Web-Browser an Bord.

Die visuelle Oberfläche von Magic Cap folgt einer "Raum-Metapher”, bei dem Systemfunktionen und Anwendungen auf Räume wie "Desk" (für persönliche Daten), "Hallway" für lokale Anwendungen und "Downtown" für externe Dienste verteilt dargestellt sind.

50 Jahre GUI – Magic Cap (3 Bilder)

Das PDA-System Magic Cap
(Bild: Fritz Hohl)

Die Entwickler von General Magic strickten an einer eigenen, auf mobilen Agenten basierten Programmiersprache für verteilte Anwendungen unter dem Namen Telescript. Diese Sprache hat nie den Weg in die kommerzielle Anwendung gefunden. Der Aussteller Fritz Hohl stellte das auch aus heutiger Sicht innovative Konzept in einem Vortrag in englischer Sprache vor.

Der Aussteller Angelo Papenhoff hatte das UNIX-Grafikterminal Blit und die Betriebssysteme Smalltalk 76 und Plan 9 als Emulation im Gepäck und präsentierte sie ebenfalls. Vor allem Plan 9 und der zugehörige, von Niklaus Wirths Oberon inspirierte Editor Acme überzeugt beim Ausprobieren. Das besondere an diesem System ist unter anderem, dass (gegenüber UNIX) die grafische Bedienoberfläche und das Netzwerk nichts nachträglich hinzugefügtes, sondern integraler Bestandteil des Designs sind. Jeder Prozess besitzt in Plan 9 einen eigenen Namensraum und kann sich einen Dateibaum nach Bedarf zusammenstellen.

Damit wird die UNIX-Philosophie "alles ist eine Datei" auf die Spitze getrieben. Das Fenstersystem rio hat für jedes Fenster ein Verzeichnis, welches Inhalte (Text und Bild), Eigenschaften (Position und Titel) sowie zugehörige Ein- und Ausgabekanäle (analog zu UNIXs /dev/tty) als Dateien verfügbar macht. Auf dem VCFB wurde am Raspberry Pi Port von 9front, einem Plan 9 Fork, gearbeitet. Ein Image von Bell Labs Plan 9 für alle Raspberry Pis steht bereits zum Download bereit.

VCFB 2018 (11 Bilder)

Der Game Room
(Bild: René Meyer / www.schreibfabrik.de
)

Die C64-Fraktion war auf dem VCFB gleich mit zwei Ausstellern vertreten. Martin Sauter präsentierte ein laufendes GEOS von Berkeley Softworks. Abgesehen von der (im Vice Emulator gut erlebbaren) geringen Arbeitsgeschwindigkeit erscheint der grafische Texteditor GEOWRITE auch aus heutiger Sicht durchaus brauchbar. Der C64 Club Berlin stellte unter anderem das Betriebssystem Final Cartridge III und die Bildbearbeitungssoftware Digison vor. Die Möglichkeit, ein Portraitfoto mit Digitalkamera, C64, Digison und Nadeldrucker anzufertigen wurde vielfach genutzt.

Auch an der C64-Front wird emsig gearbeitet. Unter der Leitung des Entwicklers Gregory Nacu entsteht unter dem Namen C64 OS ein modernes grafisches Betriebssystem. Die Entwicklung aktueller Software für klassische Plattformen ist also nicht bloß auf die Demoszene beschränkt. Auch der Aussteller Sebastian Bach zeigte auf dem VCFB neue Spiele für klassische Computer und Konsolen.

50 Jahre GUI – C64 (6 Bilder)

C64 GEOS: Desktop und Applications-Ordner
(Bild: Martin Sauter / Pit Noack)

Auf dem VCFB kamen Hobbyisten, Techniker, Sammler, Wissenschaftler, Gamer und andere computerbegeisterte Menschen auf ihre Kosten. Die historische Entwicklung von IT und von grafischen Bedienoberflächen stellt sich dabei als eine vielfach verzweigte Suchbewegung dar, bei der vieles probiert, aufgegriffen und verworfen wird. Auf dem VCFB lässt sich diese Genese von IT-Standards am lebenden Objekt (sprich: am laufenden Computer) nachvollziehen. Angesichts Gigahertz-schneller Mehrkernprozessoren und Speichervolumen im Terabyte-Bereich erinnert das VCFB daran, dass man auch mit weniger üppig ausgestatteten Maschinen einiges anstellen kann.

Interview mit Stefan Höltgen (HU Berlin), Computerarchäologe und VCFB-Mitinitiator

heise online: Was für Menschen kommen auf das VCFB, was kann man dort erleben?

Computerarchäologe Dr. Stefan Höltgen

(Bild: privat)

Stefan Höltgen: Das VCFB wird von allen Altersklassen besucht: Erwachsene kommen, um sich die Computer Ihrer Kindheit (und davor) anzuschauen. Und sie bringen ihre Kinder mit, die dort Computerspiele spielen und bei Löt- und Roboterbau-Workshops mitmachen. Die Kinder staunen über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten historischer Rechner zu dem, was sie selbst heute benutzen. Das Deutsche Technikmuseum bildet den idealen Hintergrund dafür, ein buntes Publikum anzulocken.

Zudem bietet das Festival Angebote für das "Fachpublikum" – sowohl für private Sammler als auch für Museumskuratoren, denn in den Vorträgen und Workshops kann man viel Neues über Altes erfahren.

Das Vintage Computing Festival Berlin ist inspiriert von dem Münchner Vintage Computer Festival Europa (VCFe). Computing oder Computer – auf diesen Unterschied legen Sie großen Wert – warum?

Eigentlich ist das Festival das "Franchise" US-amerikanischer VCFs. Die Idee, ein VCF nach Berlin zu holen, entstand allerdings auf dem Münchner Ableger. Wir stehen in regem Austausch, verfolgen aber recht unterschiedliche Ansätze und Absichten. München legt viel Wert auf Dokumentation von Geschichte und ist eher ein Szenetreffen. Aber viele VCFe-Aussteller kommen auch nach Berlin, wo die gegenwärtigen Nutzungsmöglichkeiten und Projekte mit historischer Technik im Zentrum stehen. Wir gehen sozusagen arbeitsteilig vor.

Vintage Computing heißt nicht nur, alte Maschinen und Codes zum laufen zu kriegen, sondern auch neue Software für historische Hardware zu schreiben. Aktuell wird etwa an einem neuen grafischen Betriebssystem für den C64 gearbeitet. Was treibt Menschen an, die so etwas machen?

Wenn man die Entwickler solcher Projekte fragt, dann antworten sie oft: "Ich wollte wissen, ob so etwas funktioniert." Im Hintergrund steht also auch eine Selbstermächtigungsfrage. Angesichts der heutigen Computertechnik, die die Nutzer oft unwissend und ohnmächtig mit "Black Boxes" konfrontiert, die sie zwar Nutzen können aber kaum verstehen, sind historische Computer "offener". Da sie im Prinzip aber genauso funktionieren wie heutige Rechner, kann man über das Alte etwas über das Neue lernen.

Bei der Entwicklung neuer Software für alte Systeme spielt das eine nicht unwichtige Rolle. Die Entwicklung eines GUI-Betriebssystems stellt im Prinzip auch die "praktische Analyse" von kommerziellen Produkten dieser Art dar. Manche Programmierer haben sich auf diese Weise die praktische Informatik der Betriebssystementwicklung selbst beigebracht.

Wie wird man Computerarchäologe und was macht man da eigentlich?

Computerarchäologe wird man, wenn man fragt, wie Computer als Medien zum Speichern, Übertragen und Verarbeiten von Informationen das Wissen historisch und aktuell mit-prägten und prägen. Als Computerarchäologe befragt man auch die Computergeschichtsschreibung vor dem Hintergrund, dass die Computer als "historische Artefakte" ja heute auch noch computieren. Das heißt konkret, dass sich Computer, wie auch andere technische Medien, der menschlichen Zeitmessung entziehen und ihre Eigenzeiten haben. Diese untersuche ich und lasse dabei die Computer eher für sich selbst sprechen (also ihre Zeitlichkeit demonstrieren) als sie in menschliche Zeitverständnisse einzuengen.

Der Kulturwissenschaftler Claus Pias hat gesagt, "What you see is what you get" sei nicht bloß ein Versprechen, sondern auch eine Beschränkung. Was meint er wohl damit?

Der Nutzer sieht alles, was er (angeblich) braucht – mehr zeigt ihm die Oberfläche des Betriebssystems nicht. Diese Einschränkung schien notwendig zu werden, als immer mehr Privatleute mit Computern zu arbeiten begangen – eben, um sie vor der Komplexität der Technik zu schützen.

Andererseits stellt die GUI aber auch eine Anpassungsschnittstelle dar: die Signalprozesse im Computer, die zu schnell, zu reichhaltig und zu fremdartig sind, um für den Menschen direkt nutzbar zu sein, werden in andere Zeichensysteme kodiert: Zunächst als Text-Symbole, dann als Icons. Damit wird eine Operation wie "eine Datei löschen" über den Weg der Bildmetapher "ein Dateiicon mittels Mausgeste auf das Papierkorbicon zu bewegen" zu einer Betriebssystemoperation, die für normale Nutzer über die Text-Konsole (angeblich) zu kompliziert wäre.

Es hat fünf Jahrzehnte gedauert, die Signaloperationen des Computers "benutzerfreundlich" zu gestalten - und der Prozess ist noch nicht abgeschlossen, wie man an Motion Controllern, Touch-Screens und der Gestensteuerung sieht. Aber nicht bloß die Technik wurde an die menschlichen Bedürfnisse angepasst; auch der Mensch wurde auf die technischen Gegebenheiten dressiert. So intuitiv eine GUI mit Gestensteuerung auch erscheint: selbstverständlich ist sie nicht. Wir lernen von Kindesbeinen an, wie man Medien "bedienen" muss, damit sie tun, was man von ihnen will.

Was fasziniert Sie als Medienwissenschaftler speziell am Thema GUI?

Mich fasziniert vor allem diese dialektische Beziehung zwischen Computer und Mensch, denn die zeigt sich ganz im Sinne der Kybernetik als Regelkreis, als Feedback-Schleife: Technikentwicklung und menschliche Anpassung beeinflussen sich gegen- und wechselseitig. Dabei wird einerseits der Mensch immer mehr auch in seiner Fähigkeit der unvermittelten Signalverarbeitung etwa bei neuronalen Interfaces betrachtet – quasi als "operatives Medium". Andererseits wird der Computer immer häufiger auf seine "Performativität" reduziert – also die Möglichkeit, seine Operationen von Außen als Handlungen zu betrachten und zum Beispiel ethisch zu bewerten.

[Update 19.10.2018 – 08:10 Uhr] Angabe zum Plan 9 Port geändert. (Pit Noack) / (mho)

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