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Vaporware Awards 2004 vergeben

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Wenn ein Unternehmen großspurig ein Produkt ankündigt, das trotz aller sehnlicher Erwartungen der potenziellen Konsumenten nicht zum vorgesehenen Termin kaufbar ist, dann mag das auf eine unverschuldete Produktionsverzögerung zurückzuführen sein. Oder, wie so mancher skeptische Beobachter gerne schnell mutmaßt, auf eine hinterhältige Taktik. Zum Beispiel um sich in den Medien als "äußerst innovativ" in Erinnerung zu bringen und sich so Finanzierungsgelder zu beschaffen. Wenn in diesem Sinne von "Vaporware" die Rede ist, dann kann es auch sein, dass ein Unternehmen das Erscheinungsdatum seines in höchsten Tönen angepriesenen Produkts derart weit in die Zukunft verlegt, dass sich später, wenn es eigentlich so weit sein sollte, kaum jemand daran erinnert.

Das US-amerikanische Magazin Wired verlässt sich aber auf das Elefantengedächtnis seiner Leser und lässt von ihnen alljährlich die Produkte wählen, um die am meisten "nichts als heiße Luft" verbreitet wurde. Die diesjährige Hitparade der zehn "angekündigtsten, nicht-erschienensten Produkte" wird angeführt von der Phantom Game Console von Infinium Labs, die 2004 noch den dritten Platz erobert hatte. Der Leser, den Wired voriges Jahr aus den Zuschriften zu dieser Vaporware zitiert hatte, schreibt, das Zitat sei auch in diesem Jahr wieder zu verwenden: Das System sei nichts weiter als ein Betrug, zusammengeschraubt aus ein paar alten PCs in einer bemalten Xbox, um leichtgläubige Journalisten und Investoren zu täuschen. Ein Produkt, das seinen Namen verdiene.

Der mutmaßliche Mac-Emulator CherryOS ist nach Meinung der Wired-Leser auch so ein Fall. Zu schön um wahr zu sein waren die vom Ankündiger Maui X-Stream veröffentlichten Eigenschaften der sagenhaften Software: Zum Beispiel sollte der mit CherryOS emulierte Mac-Rechner auf einem schnellen PC bis zu 80 Prozent der Geschwindigkeit eines realen Macintosh erreichen und für nur 50 US-Dollar zu haben sein. Nachdem das Unternehmen einen Download-Termin angekündigt hatte, sind laut Wired die Server so schnell vor dem Ansturm in die Knie gegangen, dass sich niemand die Software besorgen konnte. Nun soll sie im ersten Quartal 2005 erhältlich sein. Beobachter unken, CherryOS sei, wenn es überhaupt jemals existierte, höchstens lediglich eine Kopie der Software PearPC.

Ob Microsoft es nötig hat, Investoren durch (noch) nicht erfüllte Produktankündigungen an sich zu fesseln, mögen andere beurteilen. Für Wired-Leser steht fest, dass sich auch die Redmonder in die Reihe der Dampfablasser stellen müssen, und zwar auf Platz drei mit dem für 2006 angekündigten Windows-XP-Nachfolger Longhorn -- nach Verzögerungen nun schon als "Longwait" verulkt. Offenbar würden die Entwickler das Betriebssystem erst fertigstellen, wenn sie einen Blick auf Apples kommendes Mac OS X 10.4 Tiger geworfen haben, scherzt Wired.

Auch wenn die Lästermäuler fröhliche Urständ feiern, es ist nicht gesagt, dass die "preisgekrönten" Produkte nie das Licht der Welt erblicken. So konnte Vorjahres-Vaporware-Award-Spitzenreiter Half-Life 2 endgültig von der Hitliste gestrichen werden, da er seit November die Grafikkarten der Shooter-Enthusiasten ausreizen hilft. Der Handgelenk-PDA von Fossil, voriges Jahr auf Platz 8, ist mittlerweile ebenfalls am Markt gesichtet worden. Half-Life-2-Entwickler Valve verblieb aber in den Top-Ten, und zwar auf Platz 7 mit dem angeblich aktionsgeladenen Spiel Team Fortress 2: Brotherhood of Arms, das seit 1999 erwartet werden durfte.

Weiter finden sich auf der Liste alte Bekannte wie Tivo mit der Software TivoToGo auf Platz 4, die zwar ein Jahr nach Ankündigung endlich erhältlich sei, aber nicht für Mac-Nutzer und auch nicht mit der versprochenen DVD-Brennfunktion. Auf Platz 5 wurden die ATI-Grafikkarten der Serie Radeon X800 gewählt, gefolgt vom Rennspiel Gran Turismo 4. Ebenfalls als Vaporware auserkoren wurden G5-Prozessoren mit 3 GHz. Steve Jobs habe im Juni 2003 gesagt, diese könnten innerhalb von zwölf Monaten verfügbar sein. Der Pentium 4 mit 4 GHz findet sich nach Intels Fahrplanänderung im Oktober ebenfalls auf der Liste. Den Schlussplatz der Top Ten nimmt das von Alienware ursprünglich für das dritte oder vierte Quartal 2004 angekündigte Video-Array-Verfahren ein.

Wie nachhaltig das Gedächtnis der Wired-Leser ist, zeigt sich am 1997 angekündigten Spiel Duke Nukem Forever. Wenn sie nicht bereits vor einem Jahr den "Lifetime Achievement Award" bekommen hätte, wäre die "ultimative Vaporware" wohl auch in diesem Jahr auf Platz 1 gelandet. (anw)

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