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Varjo VR-1 ausprobiert: Das schärfste Virtual-Reality-Headset der Welt

Das Profi-VR-Headset Varjo VR-1 hat zwei Displays, ein normales und ein extrem hochaufgelöstes. Das funktioniert erstaunlich gut.

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Varjo VR-1 ausprobiert: Das schärfste Virtual-Reality-Headset der Welt

Der größte Kritikpunkt an aktuellen VR-Headsets ist neben einem zu kleinem Sichtfeld die geringe Auflösung: Gerade wenn man in der VR nahe an virtuelle Objekte herangeht, stören häufig Unschärfen. Das finnische Start-up Varjo löst das Schärfeproblem in seinem VR-1-Headset mit zwei unterschiedlich auflösenden OLED-Displays: Eingebaut sind ein konventioneller Bildschirm mit einer Pixeldichte, wie es auch die Konkurrenz bietet (1920 × 1440 Pixel bei 3,5 Zoll, was 686 ppi entspricht) sowie ein extrem hochauflösendes Display mit einer Pixeldichte von sage und schreibe 3147 ppi (1920 × 1080 bei 0,7 Zoll).

Diese Vergleichsbilder hat Varjo laut eigener Angaben durch die Linsen fotografiert. In unserem Probelauf haben wir einen ähnlichen Schärfegewinn festgestellt.

(Bild: Varjo)

Das Bild des hochauflösenden Bildschirms ("Focus-Display" genannt) wird in der Mitte des Sichtfelds angezeigt, im peripheren Blickfeld ist das unschärfere Bild des konventionelles Bildschirms ("Context-Display") zu sehen. Varjo überlagert die Bilder der beiden Displays mit Hilfe von halbdurchlässigen Spiegeln. Biologisch ergibt das durchaus Sinn: Da wo der Mensch hinschaut, kann er am schärfsten sehen.

Ursprünglich wollte man die Position des Focus-Display in Echtzeit an die Blickrichtung anpassen, berichtet Varjo-CEO Niko Eiden im Gespräch mit heise online. Nach vielen Experimenten habe sich sein Unternehmen aber vorerst für eine starre Position in der Bildmitte entschieden, weil die dynamische Nachführung technisch zu fehleranfällig war. Eyetracking-Sensoren hatte Varjo zu diesem Zeitpunkt aber schon entwickelt – und deshalb sind diese auch ohne Nachführungs-Funktion eingebaut.

Varjo-Gründer Niko Eiden entwickelt seit zweieinhalb Jahren an der VR-1.

(Bild: heise online / jkj)

In einem ausführlichen Probelauf haben wir der Varjo VR-1 auf dem Zahn gefühlt. Der Schärfegewinn durch das Focus-Display ist tatsächlich immens, der Unterschied zum Context-Display gewaltig. In einer der Demos spazierte man beispielsweise durch ein fotorealistisches, mit Hilfe von Photogrammetrie erstelltes Künstleratelier. In einem Regal standen ein paar CDs – und wir konnten problemlos den Text auf dem CD-Rücken lesen. Aber auch VR-Objekte in der Ferne sahen auf dem Focus-Display deutlich besser und ruhiger aus als auf dem Context-Display. Pixel beziehungsweise Fliegengitter-Effekte waren im Focus-Display nicht zu erkennen. Keines der jemals von uns ausprobierten VR-Headsets zeigte ein so scharfes Bild wie die VR-1. Die Demos liefen alle flüssig, im Testsystem steckte laut Varjo eine Nvidia RTX2080.

Gut gelungen ist Varjo auch die Überblendung zwischen den beiden Displays. Zwar ist bei schnellen Kopfbewegungen der Übergang deutlich wahrnehmbar, sobald der Blick aber ruht, scheint das Gehirn die Grenzen auszublenden. Ganz unsichtbar werden die Displays aber alleine schon nicht überblendbar sein, weil der Schärfeunterschied so groß ist.

Das Eyetracking funktioniert zuverlässig und akkurat, und zwar in unserem Probelauf sogar mit einer Brille unterm Headset. Nicht besser als bei den Mitbewerbern Vive und Oculus ist das Sichtfeld: Varjo gibt 90 Grad horizontal für das Context-Display an und 30 Grad horizontal fürs Focus-Display. Der "Fernglas"-Effekt tritt hier deutlich stärker auf als beispielsweise bei den Pimax-Headsets.

Die Varjo VR-1 hat kein eigenes Tracking- und Handcontrollersystem, sondern benötigt HTC-Vive-Zubehör. Lighthouse-Sensoren und Handcontroller werden nicht mitgeliefert – dafür aber ein 10 Meter langes Glasfaser-Anschlusskabel.

Die Frontplatte ist mit einem stark spiegelndem Kunststoff überzogen, der Rest des VR-1-Gehäuses ist matt.

(Bild: heise online / jkj)

Das Headset ist kompatibel mit Unity, Unreal, Autodesk Vred, Zerolight, VBS Blue IG und Prepar3D. Der etablierte Standard OpenVR, der von allen VR-Titeln auf Steam verwendet wird, funktioniert nicht mit der VR-1, er beherrscht nämlich nicht die Ausgabe von vier unterschiedlichen Renderansichten. Diese werden aber dringend benötigt: Jeweils fürs linke und fürs rechte Auge eine hoch- und eine niedrig aufgelöste Variante. Die Funktion ist allerdings für den OpenVR-Nachfolger OpenXR geplant.

Ursprünglich wollte Varjo übrigens gar kein VR-Headset entwickeln, sondern eine Augmented-Reality-Brille – und zwar eine, die statt mit einem transparenten Display à la Hololens mit Kameras arbeitet. Bisherige solcher Kamera-Versuche führten wegen hoher Latenzen schnell zu Übelkeit (zum Beispiel bei der See-Through-Funktion von Samsungs Gear VR). Varjo-CEO Eiden verspricht jedoch für das Kameramodul der VR-1, dass die Displayansicht lediglich 15 Millisekunden verzögert ist. Das AR-Modul soll noch in diesem Jahr nachgeliefert werden, ein Preis dafür steht noch nicht fest.

Die VR-1-Brille ist ab sofort verfügbar und kostet 5995 Euro. Hinzu kommt noch eine jährliche Servicegebühr von 995 Euro plus Steuern. Die Preisgestaltung und die fehlende OpenVR-Kompatibilität machen es deutlich: Die Zielgruppe der VR-1 sind Profis aus den Bereichen Produktdesign, Architektur, Training und Simulation, keine Hobbyisten. (jkj)