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Venezuela koppelt Bolívar ans Kryptogeld Petro

Durch Streichung von Nullen und Kopplung der Landeswährung Bolívar an die Kryptowährung Petro will Venezuela Inflation bekämpfen.

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Venezuela koppelt Bolivar ans Kryptogeld Petro

Präsident Nicolás Maduro will die Währung des krisengeplagten Landes an eine Kryptowährung koppeln und mit Ölreserven absichern.

(Bild: Hugoshi CC BY-SA 4.0)

Das südamerikanische Krisenland Venezuela bringt von diesem Dienstag an neue Banknoten in Umlauf. Bei der Landeswährung werden wegen der Hyperinflation fünf Nullen gestrichen. Aus einer Million Bolívar fuerte (starker Bolívar) werden damit 10 Bolívar soberano (souveräner Bolívar). Dabei soll der Bolívar künftig an die neue staatliche Kryptowährung Petro gekoppelt sein. Ein Petro wird Berichten zufolge von der Regierung mit einem Wert von rund 60 US-Dollar angesetzt beziehungsweise 3600 souveränen Bolivar.

Die Menschen im Land mit den größten Erdölreserven der Welt leiden wegen Misswirtschaft unter dem sozialistischen Präsidenten Nicolás Maduro sowie wegen US-Sanktionen unter Hunger, Arbeitslosigkeit und einer Hyperinflation. Das heißt, die Preise steigen extrem schnell, und man kann sich für sein Geld immer weniger kaufen. Weil das Geld in Venezuela so rasant an Wert verliert, spricht man von einer Hyperinflation.

Was die Kopplung praktisch mit sich bringt, bleibt in vielem aber noch unklar. Denn die im Februar eingeführte Währung Petro ist immer noch ein großes Fragezeichen. Laut dem seit Januar nicht mehr aktualisiertem Whitepaper handelt es sich um Tokens auf der Blockchain der Kryptowährungsplattform NEM. Hinter diesem Token stehender Code ist bislang nicht offengelegt. Die auf der offiziellen Petro-Seite herunterladbare Wallet-Software scheint ein Fork der Nano-Wallet für NEM sein. Die Geldmenge ist auf 100 Millionen Einheiten festgesetzt, mehr soll nicht erzeugt werden – so wird zumindest versprochen.

Die Währung soll im Land als gesetzliches Zahlungsmittel eingesetzt werden können, zum Beispiel für Steuern und Gebühren öffentlicher Dienstleistungen. Wie Petro auch als Alltagswährung zum Einsatz kommen soll, ist fraglich. Denn um ein solches Währungstoken – bei NEM heißen sie Mosaics – zu transferieren, benötigt man für die Begleichung der Transaktionsgebühren eigentlich auch kleine Mengen von XEM, eine der Plattform eigene Kryptowährung. Denkbar wäre ein späterer Umtausch der Tokens in eine andere Lösung, die dann den eigentlichen Petro bildet. Vage Ankündigungen in diese Richtung gab es, passiert ist es bislang nicht.

Der Wert eines Petro soll auf dem Preis für einen Barrel venezolanischen Öls abzüglich eines Diskonts basieren. Die größte Besonderheit ist das Versprechen der Regierung, den Wert des Petro mit Öl zu hinterlegen. Die Kryptowährung soll durch ein Ölfeld im Orinoco-Gürtel abgesichert sein, in dem Berichten nach eine Fördermenge von fünf Milliarden Barrel Rohöl liegt (ein Barrel sind 159 Liter). Fraglich bleibt, wie Investoren im Fall des Falles die Besicherung einlösen können und das Öl für ihre Petros bekommen.

Zunächst hieß es, dass Venezuela 5 Milliarden US-Dollar an Investitionszusagen für den im Februar begonnenen, privaten Vorverkauf habe. Nach dem Ende dieser Vorverkaufsphase im März verkündete Präsident Maduro laut dem Wirtschaftsnachrichtendienst Bloomberg, dass Investoren Tokens für 3,3 Milliarden US-Dollar gekauft hätten. Belege dafür gab die Regierung nicht. Laut dem Whitepaper müsste nun eine öffentliche Verkaufsphase laufen, über deren Verlauf aber auch wenig bekannt ist.

Das klassische Charakteristikum einer Kryptowährung, nämlich Dezentralität, braucht man bei dieser staatlich kontrollierten Währung derzeit auch nicht zu suchen. Manche Beobachter stufen den Petro deshalb als Betrug ein. US-Präsident Donald Trump hatte bereits im April in den USA alle Geschäfte mit der venezolanischen Kryptowährung verboten.

Zuletzt prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) Venezuela für das laufende Jahr eine Inflationsrate von einer Million Prozent. Außerdem könnte die Wirtschaftsleistung des Landes um 18 Prozent einbrechen. Zwar gilt die Reform schon seit Montag, wegen eines Feiertages bekommen die Einwohner das Geld aber erst jetzt in die Hände.

Die Währungsumstellung gehört zu einer Reihe von Reformen, mit denen Staatschef Maduro die schwere Wirtschaftskrise beilegen will. Kritiker monieren allerdings, dass die Streichung der Nullen kein adäquates Mittel im Kampf gegen die rasante Teuerung ist. (Mit Material der dpa) / (axk)

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