Verbraucherschützer begrüßen kopierschutzfreies Musikangebot

Die als ausgewiesene DRM-Kritiker profilierten Verbraucherschutzorganisationen einiger EU-Staaten sehen nach EMIs teilweisem DRM-Verzicht die Musikindustrie auf dem richtigen Weg, aber noch nicht am Ziel.

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Von
  • Volker Briegleb

Der Bundesverband der deutschen Verbraucherzentralen (vzbv) hat das von EMI angekündigte DRM-freie Musikangebot begrüßt. "Dies ist ein wichtiger Teilschritt zur Erfüllung unserer Forderungen. Nun müssen die anderen Musikkonzerne nachziehen", kommentierte der stellvertretende Vorstand des vzbv, Patrick von Braunmühl, die heute von EMI-CEO Eric Nicoli und Apple-Chef Steve Jobs vorgestellte Vereinbarung zwischen EMI und iTunes.

Die deutschen Verbraucherschützer fordern gemeinsam mit den Verbänden anderer europäischer Ländern mehr Interoperabilität und Transparenz bei Online-Musikangeboten und hatten zuletzt den Druck auf die Branche, allen voran Marktführer iTunes, erhöht. Am vergangenen Freitag trafen sich Vertreter der Verbraucherschutzverbände Deutschlands, Frankreichs, Finnlands und Norwegens mit einer Abordnung des internationalen Verbandes der Phonoindustrie (IFPI) zu einem Spitzengespräch in Oslo. In dem Gespräch sei es vor allem um die Zukunft so genannter DRM-Systeme und deren fehlende Interoperabilität gegangen, teilte der vzbv mit. Die IFPI habe erklärt, dass Interoperabilität auch für die Musikindustrie ein wichtiges Ziel sei. Insofern stimme man mit der Forderung der Verbraucherorganisationen überein, wolle das Thema aber dem Markt überlassen.

Das Gespräch in Oslo war auf Initiative von IFPI zustande gekommen. "Wir werden IFPI beim Wort nehmen. Nachdem sich jetzt sowohl iTunes als auch die Musikindustrie zum Ziel der Interoperabilität bekannt hat, muss dieses jetzt zügig umgesetzt werden. Bis September muss sich zeigen, wie ernst es beiden Parteien damit ist", so von Braunmühl. Die Verbraucherschützer hatten iTunes ein Ultimatum gesetzt, durch Nachverhandlungen mit den Plattenfirmen bis September eine Einigung zu erzielen, sonst werde man rechtliche Schritte einleiten. Die Initiative von EMI kommt dieser Forderung nun entgegen. Apple-Chef Jobs erwartet, dass bis Jahresende die Hälfte aller Songs in iTunes ohne Kopierschutz angeboten werden könne. "Unsere Kunden werden das lieben", sagte er heute in London. Abzuwarten bleibt, wer jetzt nachziehen wird. Der deutsche Anbieter Musicload hatte sich bereits gegen DRM ausgesprochen und ist damit ein nahe liegender Kandidat. Über entsprechende Pläne war von der Telekom-Tochter kurzfristig nichts zu erfahren.

In einer gemeinsamen Erklärung hatten der vzbv, die französische Verbraucherorganisation UFC Que Choisir und die Verbraucherombudsmänner aus Finnland und Norwegen im Januar die Apple-Tochter iTunes angegriffen, weil die bei iTunes gekaufte Musik nur auf dem hauseigenen iPod und nicht auf einem beliebigen MP3-Player abgespielt werden kann. Die Organisationen hatten zudem die Musikindustrie aufgefordert, auf nutzerfeindliche Kopierschutzsysteme zu verzichten. Unterstützung kam dabei von Apple-Chef Steven Jobs: Er hatte Anfang Februar den völligen Verzicht auf so genannte DRM-Systeme gefordert und der Musikindustrie vorgeworfen, den Einsatz dieser Systeme entgegen den Kundeninteressen zu forcieren.

Auch die deutsche Online-Branche erwartet einen positiven Effekt des von EMI angekündigten Paradigmenwechsels. "Verzichten die Plattenlabels künftig tatsächlich auf einen Kopierschutz, so läutet das Jahr 2007 einen grundlegenden Richtungswechsel beim Online-Vertrieb von Musik ein", sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) heute in Berlin. Der Verband erwartet 2007 eine weitere Steigerung des Online-Musikmarktes in Deutschland. Die Zahl der Downloads werde von 26 Millionen im Vorjahr auf 33 Millionen Einzelsongs und Alben steigen, die Umsätze würden mit 60 Millionen Euro erstmals die Marke von 50 Millionen überschreiten. Nach den vergangene Woche von der deutschen Phonoindustrie veröffentlichen Zahlen hat sich das Internet mit einem Umsatzanteil von 17,9 Prozent mittlerweile zum zweitwichtigsten Vertriebskanal hinter den Elektronikfachmärkten entwickelt. (vbr)