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Vergessen im Internet: Der Radiergummi lässt grüßen

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Mit der feierlichen Preisverleihung an sieben Gewinner unter 113 Einsendern in verschiedenen Kategorien endete gestern Abend der BMI/Acatech-Wettbewerb Vergessen im Internet. Den Softwarepreis bei den Erwachsenen sicherte sich der Physikstudent Sebastian Sterz mit seinen Minks und der Idee, Angaben in einer verschlüsselten Datenbank mit einem Verfallsdatum so zu versehen, dass die Rückverfolgbarkeit zu einem Nutzer erschwert wird. Einer von drei Schülersonderpreisen ging an den Zehntklässler Stephan Lukas, der in seinem Paper (PDF-Datei) das Konzept von X-Pire nach Ansicht der Jury entscheidend weiterentwickelt haben soll.

Der digitale Radiergummi ist nun doch toll – zumindest, wenn es nach Ex-SAP-Chef Henning Kagermann geht. Der Präsident des Mitausrichters Acatech war in seiner Laudatio ganz hingerissen. "Da kommt ein junger Mann, nimmt sich das Konzept von X-Pire, entwickelt von Michael Backes, dem Superstar der Verschlüsselungsszene, und macht es noch besser." Kagermann prophezeite dem Ansatz, der zudem mit einem tragfähigen Geschäftsmodell eingeschickt worden sei, eine große Zukunft und versprach Hilfe bei der Suche nach Investoren.

Damit war er wieder im Rennen, der digitale Radiergummi, einstmals das Lieblingsprojekt von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner. Ganz anders die schmelzenden Links des Physikers Sebastian Sterz, dem Sieger bei den Erwachsenen. Ihn amüsierten Fragen nach dem Geschäftsmodell seines Angebotes: Sterz entwickelte das gesamte System allein deshalb, "weil ich vernünftig PHP lernen wollte und vor allem an der Arbeit mit einer Datenbank interessiert war," erklärte Sterz gegenüber heise online.

Mit Andreas Ebert und Steffen Horstmannshoff vom Lüneburger "Social Startup" Explainity gewannen weitere Erwachsene einen der mit 5000 Euro dotierten Hauptpreise. Der 17. Geburtstag von Maike habe alles Zeug, ähnlich prägnant wie die Sendung mit der Maus die Gefahren von Facebook zu erklären, befand Laudator Johannes Helbig von der Deutschen Post. Einen kategorienübergreifenden Sonderpreis gab es für Jasmine Mikolay und ihr Konzept einer Suchmaschine, die Ergebnisse farblich geordnet anzeigt, wobei rot für besonders private Daten steht.

Alle übrigen Gewinner kamen aus dem schulischen Umfeld. Die 16 Jahre alte Alexandra Person überzeugte mit einem analog (Schreibmaschine, Rollfilmkamera) produzierten Fotoalbum (PDF-Datei) "ganz ohne Foto-App und Speichern in der Cloud", wie sich Laudatorin Marit Hansen vom ULD in Schleswig-Holstein freute. Der Schülerpreis in der Kategorie "Umgangsformen und Regeln" ging an eine Plakatserie (PDF-Datei) , die in der Kieler Grund- und Gemeinschaftsschule Freiherr von Stein entwickelt wurde. Einen Sonderpreis bekam die Video-AG der Pestalozzischule Papenburg für einen Film über Cybermobbing, der zwei alternative Endungen anbietet. In der positiven Version schafft es das Mobbing-Opfer, mit den Peinigern zu reden und sich wieder in der Schule zu integrieren.

Zwei mögliche Endungen werden auch im Bundesinnenministerium diskutiert. Entweder war der Wettbewerb ein einmaliger Akt oder er wird regelmäßig veranstaltet und stachelt so vor allem Schulen und Lehrer an, Datenschutz im Unterricht experimentell zu visualisieren. So doof sind Deutschlands Schüler jedenfalls nicht, sich blindlings Facebook anzuvertrauen, befand Martin Schallbruch, IT-Direktor im Innenministerium in seiner Laudatio auf Jasmine Mikolay. Sein Chef Hans-Peter Friedrich erteilte dem digitalen Radiergummi zwar eine Absage, machte aber auch auf den Fall einer Sportlerin aufmerksam, der zeige, dass strafbare Handlungen nicht einfach digital zu einer "Schwamm-drüber-Haltung" führen dürften. Allgemein wünschte sich Friedrich mehr Medienkompetenz und eine bessere Kenntnis des Urheberrechtes. Das Thema für den nächsten Wettberwerb winkte mit dem berühmten Zaunpfahl.

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