VideoDays Köln: "Danke, ihr seid krass."

Das Kölner Familientreffen für YouTuber präsentiert sich als effektives und schamloses Marketing-Spektakel für Musikproduktionen. Am Samstag konnten Fans noch Autogramme und Selfies sammeln.

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Videodays Köln: "Danke, ihr seid krass."
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  • Torsten Kleinz
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Gleich nach Öffnung der Tore am Freitagmittag bekommt der arglose Besucher einen Eindruck, was ihm bevorsteht. Ein Promoter ruft einer Traube von zirka 100 Mädchen zu: "Wer am lautesten schreit, bekommt ein Armband." Die lassen sich nicht lange bitten; der Geräuschpegel steigt ins Schmerzhafte.

"Wer am lautesten schreit, bekommt ein Armband" - Promoter waren im Dauereinsatz.

Seit 2012 laden die VideoDays in verschiedenen Städten zum YouTuber- Familientreffen ein. Hier können sich die Performer, die einander sonst nur vom Bildschirm kennen, treffen und Erfahrungen austauschen, aber auch mit Fans interagieren. Letzterer Aspekt ist angesichts der Dimensionen mittlerweile zurückgedrängt worden. Bei über 200 YouTubern, ebensovielen Journalisten und über 10.000 Gästen sind die VideoDays zur marketing-lastigen Massenveranstaltung geworden. Für die Veranstalter geht das Konzept jedenfalls auf: So sollen neben den bisherigen Veranstaltungen in Berlin und Köln künftig auch VideoDays in München und Zürich stattfinden.

Veranstalter Christian Krachten verweist bei der Pressekonferenz stolz darauf, wie viele Musikveröffentlichungen auf die VideoDays abgestimmt wurden. So präsentierten Die Lochis hier ihr Debut-Album mit dem Titel "#Zwilling", die Comedy- und Musik-Gruppe ApeCrime ein neues Musikvideo. "Die YouTuber produzieren mit einem Aufwand, der einer Lady Gaga um kaum etwas nachsteht", sagt Krachten. Das mag zwar eine maßlose Übertreibung sein, die Zahlen bleiben aber eindrucksvoll. So habe alleine das YouTuber-Paar Julian und Bibi mehr monatliche Views angehäuft als die Hauptnachrichtensendung des ZDF.

Zwar ist die Lanxess Arena an diesem Wochenende nicht völlig ausverkauft, aber mehr als 10.000 Fans haben den Weg nach Köln angetreten, überwiegend weibliche Teenager. Sie haben mehr als 30 Euro für die Gelegenheit bezahlt, ihre YouTube-Stars live zu sehen, ihnen zuzujubeln oder sogar ein Selfie mit ihnen zu machen. Viele kommen in Begleitung von Mutter oder Vater.

Während andere Konzerte Aufnahmen einschränken, ist Mitfilmen auf den Videodays ausdrücklich erlaubt.

Die VideoDays sind zweigeteilt: Am ersten Tag kommt das große Schaulaufen der YouTube-Stars, bei der sich jeder YouTuber mit genug Gefolgschaft auf der großen Bühne präsentieren darf. Im Fünf-Minuten-Takt werden die Performer auf die große Bühne geholt - unterbrochen von Werbepausen für den Livestream. Insgesamt dauert die Show mehr als sechs Stunden.

Insbesondere Musiker sind die Stars der VideoDays. Jugendliche Sänger wie Lukas Rieger inspirieren das Publikum zu immer neuen Begeisterungsstürmen. Die Texte drehen sich um Teenager-Liebe, Eifersüchteleien und das wunderbare Leben als YouTube-Star. Gleichzeitig wird das Image des Jungen oder des Mädchens von Nebenan gepflegt. Als der 16-jährige Sänger Mario Novembre den Publikumspreis für seine Musik entgegennimmt, bedankt er sich schlicht: "Danke, ihr seid krass."

Die Sponsoren haben der Veranstaltung ihren Stempel unübersehbar aufgedrückt. Der rote Teppich für die YouTuber wird von der Telekom gesponsert und ist deshalb in Magenta gehalten; Google bietet Unterstützung für die YouTube-Stars von morgen an; RTL II organisiert das Fan-Voting zur Promotion der eigenen Videoplattform "You".

Besonders präsent ist die App Musical.ly, mit der Teenager Lip-Sync-Videos drehen und gleich teilen können. In nur zwei Jahren hat die App über 90 Millionen registrierter Nutzer weltweit erreicht und will diesen Erfolg weiter ausbauen. In einem minutenlangen Song auf der Bühne wird geschwärmt, wie toll es doch ist, in der App die "Krone" zu erringen. Auf der Bühne werden die "Muser" – so nennen sich die Nutzer der App – Lisa und Lena gefeiert, 14-jährige Zwillinge mit Millionen Followern.

Die freischaffenden YouTuber wollten den großen Marketing-Kampagnen nicht nachstehen. Kaum einer der 200 Performer unterlässt es, vom Publikum immer neue Begeisterungsstürme einzufordern. Wer einen Plattenvertrag hat, macht auf seine neue Veröffentlichung aufmerksam. Wer kein Produkt im Handel hat, dreht ein Snapchat-Video mit Tausenden jubelnder Fans im Hintergrund. Will das Publikum nicht mehr mitspielen, wirft einer der Moderatoren den Namen eines Top-Acts wie Die Lochis, ApeCrime oder Lukas Rieger in den Raum, was das ermüdete Publikum aufweckt.

Wer seine YouTube-Stars sehen will, musste mitunter länger warten als auf der benachbarten Spielemesse Gamescom. Dafür waren Selfies erlaubt.

Die Veranstalter sind sehr darauf bedacht, die Show familienfreundlich zu halten. Ein YouTuber, der vor den VideoDays einen "Prank" mit einer vermeintlichen Rucksackbombe gedreht hatte, wurde im Vorfeld öffentlich ausgeladen. Sexuelle Anspielungen und Konflikte werden auf der Bühne auf ein Mindestmaß reduziert; stattdessen gibt es Werbung für eine Anti-AIDS- Aufklärungskampagne und Appelle zum gegenseitigen Respekt. Die Moderatoren fordern das Publikum zum Mittanzen auf – aber bitte nicht zu wild, damit niemand mit einem blauen Auge nach Hause gehen muss: "Ein bisschen Hüpfen ist OK".

Der zweite Tag der VideoDays war direkten Fan-Kontakten vorbehalten. Am Samstag durften sich die Besucher Autogramme abholen und Selfies mit ihren liebsten YouTube-Stars schießen. Vorher mussten sie sich jedoch lange warten. Schon am Freitag hatten Sicherheitskräfte vor dem Eingang der Lanxess Arena eine mehrere hundert Meter lange Wartezone abgesteckt, die sogar die benachbarte Spielemesse Gamescom in den Schatten stellte. Um die Wartezeiten zu verkürzen, mussten sich die Fans entscheiden, welchen der anwesenden Stars sie aufsuchen wollen. (ghi)