Vier digitale Disruptionsfaktoren für mehr Nachhaltigkeit in der Klimakrise

Die internationale Forschungsorganisation Future Earth zeigt auf, wie gesellschaftliche Veränderungen hin zu mehr Nachhaltigkeit erzielt werden können.

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(Bild: Halfpoint/Shutterstock.com)

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Digitale Disruptionen können die gesellschaftliche Transformation hin zu mehr Nachhaltigkeit befördern. Zu diesem Schluss kommt der Bericht "Digital Disruptions for Sustainability" der internationalen Forschungsorganisation Future Earth, die weltweit rund 30 Forschungs- und Aktionsnetzwerke umfasst. Geleitet wird sie unter anderem vom Internationalen Wissenschaftsrat (ISC). Entwickelt wurde der Bericht in einem einjährigen gemeinschaftlichen Prozess von über 250 internationalen Nachhaltigkeits- und Digitalexperten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

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"Klimastrategien konzentrieren sich in der Regel darauf, Investitionen auf Emissionsreduzierungen nach Sektoren auszurichten", erklärt Future-Earth-Direktorin Amy Luers. Dies reiche aber nicht aus, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zur Bekämpfung des Klimawandels zu erreichen. Zwar halte die Forschung eine tiefgehende Dekarbonisierung dank technischer Lösungen für möglich, doch man wisse nicht, wie die Gesellschaft dazu gebracht werden könne, sich auf einen Dekarbonisierungspfad einzulassen.

Der Bericht zeigt auf, wo Forschung, Innovation und Maßnahmen erforderlich sind, um gesellschaftliche Veränderungen in Richtung Nachhaltigkeit voranzutreiben. Aus historischer Sicht werden Klima- und Digitalthemen unabhängig voneinander betrachtet, so der Bericht. Doch Menschen seien sowohl durch die digitale als auch die natürliche Welt miteinander verbunden und von beiden Welten abhängig. Die D^2S-Agenda untersucht daher, wie Regeln, Normen, Machtstrukturen und Denkweisen, die allen Sektoren zugrunde liegen, mit digitalen Mitteln so verändert werden, dass die Klimaziele des Pariser Abkommens erreicht werden können.

Der Bericht macht klar, dass es einer "bewussten kollektiven Anstrengung" bedarf, um Veränderungen zu erreichen. Vier "digitale Disruptionsfaktoren" könnten dabei die Macht, die Regeln und die Denkweise der heutigen Gesellschaft noch grundlegend verändern. Dazu gehöre eine "beispiellose Transparenz", die dank Satelliten und Sensoren Transparenz zur Norm machen und den Schutz der Privatsphäre schwieriger gestalten. Zudem eröffne eine "massenhafte Zusammenarbeit" in den sozialen Netzen und über mobile Geräte neue Möglichkeiten der Kooperation auf der ganzen Welt. Große Datenmengen, maschinelle Lernfähigkeiten und Cloud-Computing ermöglichten überdies "intelligente Systeme", mit denen menschliche und maschinelle Intelligenz kombiniert werden könne. Schließlich würden in einer "mixed Reality" virtuelle und erweiterte Realität die physische und die virtuelle Welt verschmelzen und damit den Umgang von Menschen untereinander und mit der Umwelt verändern.

Diese vier digitalen Disruptionsfaktoren treiben zwar schon jetzt den Wandel in sozialen und wirtschaftlichen Systemen voran, aber nicht in Richtung Nachhaltigkeit. Die D^2S-Agenda weist deshalb darauf hin, dass ein bewusstes Umsteuern aller Akteure notwendig ist, um die Veränderungen auch wirklich in Richtung einer nachhaltigen, klimasicheren und gerechten Welt voranzutreiben. "Um eine sinnvolle Transparenz zu erreichen, muss vielleicht erst einmal Vertrauen vorhanden sein", sagt Aarti Gupta von der Universität Wageningen. Deshalb sei es "entscheidend, nicht nur die Gestaltung von Transparenzsystemen zu erforschen, sondern auch die normativen und politischen Kontexte, in denen solche Systeme eingesetzt werden. Denn diese bestimmen, ob und unter welchen Bedingungen Transparenz ihr transformatives Potenzial in Sachen Nachhaltigkeit entfalten kann."

Aufklärungsvideo von Future Earth (Quelle: Future Earth)

Ansätze sieht die Agenda darin, Macht von oben zu dezentralisieren und mehr Interessengruppen zu befähigen. Damit könnten soziale Verbrauchsnormen in Richtung kohlenstoffarmer Produkte verschoben werden. "Das ursprüngliche Versprechen der digitalen Revolution bestand darin, demokratisierte Informationen, verantwortungsvollere Regierungen durch eine breitere Bürgerbeteiligung und das Wachstum einer gerechteren und grüneren Wirtschaft zu ermöglichen", sagt Amy Luers. Viele dieser Bestrebungen seien aber nicht verwirklicht worden, weil sich die digitale Revolution anders entwickelte.

Inzwischen bedrohe die digitale Welt heute die Rechte des Einzelnen, die Menschenwürde, die soziale Gerechtigkeit, die Zukunft der Demokratie und die ökologische Nachhaltigkeit. "Daten sind nicht das neue Öl – sie sind das neue Plutonium", sagt etwa Jim Balsilie vom Canadian Council of Innovators und Mitglied des Future Earth Advisory Committee. Er sieht "Data Governance" als politische Herausforderung, "weil der Missbrauch von Daten demokratische Prozesse gefährdet, auf die wir angewiesen sind, um Herausforderungen wie den Klimawandel intelligent und effektiv anzugehen."

Für Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes und Mitarbeiter des Projekts, ist klar: "Wir werden unsere Nachhaltigkeitsziele nur dann erreichen, wenn die Digitalisierung bewusst auf sie ausgerichtet ist." Diese Kernaussage findet sich auch bereits im Gutachten "Unsere gemeinsame digitale Zukunft", das vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen (WBGU) im Frühjahr 2019 vorgestellt worden war und an dem Messner ebenfalls mitwirkte. (olb)