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Vint Cerf und die Zukunft des Internet

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Für einen der Väter des Internet, Vint Cerf, der vor mehr als 20 Jahren gemeinsam mit Bob Kahn das TCP/IP Protokoll entwickelte und damit eine Vernetzung von Netzwerken ermöglichte, hat die Zukunft des Internet gerade erst begonnen. Wenn einmal die knapp drei Milliarden Nutzer eines Mobiltelefons sich problemlos im Internet einloggen können und Millionen von Objekten mit IP-Adressen versehen seien, dann sei das Internet nicht wieder zu erkennen, sagte Cerf in einer Rede zum Abschluss der Pacific Telecommunication Conference (PTC 06) in Honolulu. Bereits heute sei in rund 50 Ländern mehr als die Hälfte der Bevölkerung im Netz. Es sei nur eine Frage der Zeit, dass das vom Weltgipfel zur Informationsgesellschaft (WSIS) verkündete Ziel, die Hälfte der Menschheit online zu bringen, erreicht sei, meinte Cerf, der sowohl "Chief Internet Evangelist" bei Google als auch ICANN-Vorstandschef ist.

Der Erfolg des Internet sei hauptsächlich seiner Architektur geschuldet, die auf mehreren Layern sowie dem End-zu-End-Prinzip basiert. Das Internet habe wie kein Medium zuvor die Endnutzer gestärkt. Innovationen würden an den Enden entstehen – und zwar auf jeder Layer-Ebene – und sich wechselseitig vorantreiben. Laut Cerf sind die Möglichkeiten des Internet noch lange nicht ausgeschöpft. Insbesondere für Sprach- und Video-Dienste erwartet er schon in den nächsten Jahren bahnbrechende neue Erfindungen. Es werde eine immer größere Zahl kleinerer Unternehmen geben, die sich in Nischen ansiedeln und weltweit spezialisierte Dienste anbieten. Kühlschränke, Weinkorken, Socken: Alles könne miteinander vernetzt werden. So könne er beispielsweise überall auf der Erde kontrollieren, ob jemand aus seinem Weinkeller zu Hause eine Flasche entnommen habe.

All dies habe weitreichende Konsequenzen für die politisch-rechtlichen Rahmenbedingungen und die existierenden Geschäftsmodelle der weiter expandieren Informationswirtschaft. Die Zeit der großen Telekommunikations-, Kabel und Fernsehgesellschaften sei vorbei. Nationalstaatliche Regulierungen griffen mehr und mehr ins Leere. So wie Napster einst die Musikindustrie das Fürchten gelehrt habe, sei es nun BitTorrent, das den Markt der bewegten Bilder durcheinander bringe. Nach Cerfs Ansicht wird es zukünftig vier koexistierende Geschäftsmodelle geben: Free, Pay per View, Subscription und Sponsored Services. Eine der Folgen des Vormarschs des Internet im Bereich von Voice und Video werde zudem sein, dass sich der Werbemarkt zu verändern beginne. Von den 420 Milliarden US-Dollar, die im vergangenen Jahr für Werbung in den USA ausgegeben wurden, werde sich ein substanzieller Teil von den traditionellen Medien zum Internet bewegen.

Als ICANN-Vorstandschef will sich Cerf insbesondere dafür einsetzen, dass möglichst schnell eine klare politische Strategie zur Einführung neuer generischer Top Level Domains (gTLDs) verabschiedet wird. Priorität hat für Cerf, dessen Mandat bei ICANN 2007 ausläuft, auch die Lösung der aufgetretenen Probleme bei den internationalisierten Domains (iDNs).

Cerf ging auch auf das umstrittene Google-Projekt ein, für ganz San Francisco eine WLAN-Zone zu schaffen: Google plane zurzeit nicht mit den etablierten Telekommunikationsfirmen in Wettbewerb zu treten. Man wolle aber austesten, inwieweit man einen geographisch definierten Raum de facto "entkabeln" könne. Zurzeit laufen die Vorarbeiten bei einem Pilotprojekt in Mountain View in Kalifornien, den Firmensitz von Google. Erst nach dem Vorliegen der Ergebnisse dieses Projektes will man entscheiden, wie man weiter vorgeht.

Der "Vater des Internet" ließ auch sein Lieblingsthema, das interplanetarische Internet, nicht aus. Wenn es schon heute möglich sei, ein Flugzeug zu einer fliegenden WLAN-Zone mit wechselnden satelliten- und bodengestützten Routern zu machen, dann sei es im Grunde auch kein Problem, Objekte im Weltraum – vom Marsmobil bis zur Plutosonde – ans Internet anzuschließen. Dass es bislang nur mangelnden Fortschritt bei der Realisierung seines galaktischen Plans gebe, hänge primär damit zusammen dass die Nachfrage aus dem Weltraum nach Internetdiensten bislang noch zu gering sei, kalauerte Cerf. (Wolfgang Kleinwächter) / (jk)