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Vista-Effekt und EU-Bußgeld: Microsoft mit Gewinnschwund

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"Sie müssen aufhören rumzualbern und den Vertrag machen". Ken Smith, Analyst bei Munder Capital Management, spricht damit wohl vielen Beobachtern aus der Seele. Gebannt blickt die Wall Street auf den Übernahmepoker zwischen Microsoft und Yahoo und wünscht sich ein schnelles Ende. Die Hängepartie setzt den Aktienkurs des Redmonder Riesen unter Druck, das sehen die Anleger nicht gerne. Doch dem aggressiven Werben Steve Ballmers, der mit einer feindlichen Übernahme droht, will der Yahoo-Chef noch nicht nachgeben. Jerry Yang ziert sich, sieht sein Unternehmen durch Microsofts milliardenschweres Angebot unterbewertet und spricht derweil mit allen möglichen potenziellen Partnern.

In dieser Gemengelage eignen sich die Quartalsergebnisse, um eine Duftmarke zu setzen. Yahoo gab sich – auch dank eines Einmaleffekts aus Börsengeschäften – keine Blöße und legte am vergangenen Dienstagabend trotz der US-Wirtschaftskrise solide Konzernzahlen vor. War Microsoft also in Zugzwang? Mitnichten, meint wohl Ballmer, der sich wenig interessiert an Yangs Zahlen gab und sein Angebot nicht nachbessern will. Microsofts Ultimatum läuft am Wochenende aus, dann werden die Handschuhe ausgezogen.

Kopfschmerzen dürfte Ballmer weniger wegen Yahoo als vielmehr den Europäern haben. Denn das Kartellbußgeld der EU-Kommission hat dem CEO die Bilanz verhagelt. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2008 (31. März) erwirtschaftete Microsoft einen Umsatz von 14,45 Milliarden US-Dollar und blieb damit in etwa auf Vorjahresniveau (14,40 Milliarden US-Dollar). Der Nettogewinn ging um 11 Prozent von 4,93 Milliarden US-Dollar (0,50 US-Dollar pro Aktie) auf 4,39 Milliarden US-Dollar (0,47 US-Dollar pro Aktie) zurück. Das Ergebnis wird durch die EU-Kartellstrafe mit 1,42 Milliarden US-Dollar oder 0,15 US-Dollar pro Aktie belastet.

Negativ entwickelte sich das Kerngeschäft. Der Umsatz der Windows-Sparte Client ging um 24 Prozent von 5,27 auf 4,02 Milliarden US-Dollar zurück. Ein überraschend starker PC-Markt konnte die wegen der Vista-Verspätung im Vergleichsquartal 2007 verbuchten Umsätze aus Gutscheinen von 1,6 Milliarden US-Dollar nicht kompensieren. Das operative Ergebnis der Sparte schrumpfte wegen des "Vista-Effekts" deutlich von 4,2 auf 3,1 Milliarden US-Dollar. Die Business-Sparte, in der das Office-Geschäft verbucht wird, verzeichnete einen Umsatzrückgang von 2 Prozent auf 4,83 Milliarden Euro. Ein schwächelnder Absatz von Office an Endverbraucher sowie in Japan habe die Sparte negativ beeinflusst, erklärte Liddell.

Hoffnung setzt Microsoft auch auf das Online-Geschäft. Die noch kleinste Sparte des Konzerns konnte den Umsatz um 40 Prozent auf 843 Millionen US-Dollar steiger, weitete aber auch die Verluste auf 228 Millionen US-Dollar aus. Zur Stärkung des Online-Geschäfts, das unter anderem Suchmaschine und Anzeigen umfasst, soll künftig Yahoo beitragen – wenn die geplante Übernahme über die Bühne geht. Lidell wies in der Analystenkonferenz die Forderung nach einer höheren Offerte erneut zurück, sie beruhten auf "unrealistischen Erwartungen" seitens Yahoo. Sollte bis zu diesem Wochenende keine Einigung gelingen, werde sich Microsoft mit seinem Angebot direkt an die Yahoo-Aktionäre wenden oder die Offerte zurückziehen, sagte Liddell. Anfang nächster Woche soll es dazu Näheres geben.

Zulegen konnte die Server-Sparte, deren Umsatz von 2,75 auf 3,25 Milliarden US-Dollar zulegte. Das operative Ergebnis stieg von 911 Millionen auf 1,09 Milliarden US-Dollar. Die Unterhaltungs- und Gerätesparte legte dank reger Xbox-Nachfrage beim Umsatz deutlich von 936 Millionen auf 1,57 Milliarden US-Dollar zu und wies nach anhaltenden Verlusten (minus 324 Millionen US-Dollar im Vorjahresquartal) einen Gewinn von 89 Millionen US-Dollar aus. Für den weiteren Verlauf des Jahres rechnet Microsoft mit anhaltender Nachfrage nach der Spielkonsole. Im Februar erreichte der Onlinedienst Xbox Live die Zielmarke von 10 Millionen Nutzern.

Auch wenn Microsoft die Erwartungen der Wall Street weitgehend erfüllte, war es nicht das großartige Quartal, auf das die Analysten gehofft hatten. Microsofts Prognose war zudem nicht geeignet, die kritischen Finanzexperten milde zu stimmen. Der Softwarehersteller erwartet für das laufende letzte Quartal des Geschäftsjahrs einen Gewinn pro Aktie zwischen 0,45 und 0,48 US-Dollar bei Umsätzen von 15,5 bis 15,8 Milliarden und blieb damit hinter den Erwartungen zurück. Für das Gesamtjahr rechnet Microsoft mit einem Gewinn pro Aktie von 2,13 bis 2,19 US-Dollar bei Umsätzen von bis zu 68 Milliarden US-Dollar.

Umsatz- und Gewinnentwicklung bei Microsoft in US-Dollar
(Das Geschäftsjahr beginnt jeweils im Juli)

Quartal Umsatz Nettogewinn
3/00 5.660 Mio. 2.390 Mio.
4/00 5.800 Mio. 2.410 Mio.
1/01 5.800 Mio. 2.200 Mio.
2/01 6.590 Mio. 2.620 Mio.
3/01 6.460 Mio. 2.450 Mio.
4/01 6.580 Mio. 66 Mio.
1/02 6.130 Mio. 1.280 Mio.
2/02 7.740 Mio. 2.280 Mio.
3/02 7.250 Mio. 2.740 Mio.
4/02 7.250 Mio. 1.530 Mio.
1/03 7.750 Mio. 2.730 Mio.
2/03 8.540 Mio. 2.550 Mio.
3/03 7.840 Mio. 2.790 Mio.
4/03 8.070 Mio. 1.920 Mio.*
1/04 8.220 Mio. 2.610 Mio.*
2/04 10.150 Mio. 1.550 Mio.*
3/04 9.180 Mio. 1.320 Mio.*
4/04 9.290 Mio. 2.690 Mio.
1/05 9.189 Mio. (2.901 Mio.)
2.530 Mio **
2/05 10.818 Mio. 3.463 Mio.
3/05 9.620 Mio. 2.563 Mio.
4/05 10.161 Mio. 3.700 Mio.
1/06 9.741 Mio. 3.141 Mio.
2/06 11.837 Mio. 3.653 Mio.
3/06 10.900 Mio. 2.977 Mio.
4/06 11.804 Mio. 2.828 Mio.
1/07 10.811 Mio. 3.478 Mio.
2/07 12.542 Mio. 2.626 Mio.
3/07 14.398 Mio. 4.926 Mio.
4/07 13.371 Mio. 3.035 Mio.
1/08 13.762 Mio. 4.289 Mio.
2/08 16.367 Mio. 4.707 Mio.
3/08 14.454 Mio. 4.388 Mio.
* Gewinne unter Bilanzierung der Umstellung auf das neue Aktienprogramm für Microsoft-Mitarbeiter
** nach nachträglichem Abzug der Sonderkosten durch die Einigung mit Novell
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