Menü

Vodafone startet digitalen Notruf mit Ortungsfunktion

Beim Notruf entscheiden oft Sekunden über Leben und Tod. Die Notrufsoftware EmergencyEye mit Ortungs- und Videofunktion soll Retter besser zum Notrufort leiten.

Von
vorlesen Drucken Kommentare lesen 148 Beiträge
Leitstellen orten Notruforte

Mit der Notrufsoftware EmergencyEye sollen Leitstellen bei Notrufen Anrufer orten können – wenn diese zustimmen.

(Bild: Vodafone)

Egal, ob es um einen Verkehrsunfall geht, einen Herzinfarkt oder einen anderen Notfall: Wenn man die Notrufnummer 112 wählt, wollen die Leitstellen möglichst schnell wissen, was genau wem und wie vielen wo passiert ist. Das "wo" bereitet dem Ersthelfer an Ort und Stelle bisweilen Kopfzerbrechen: Wer weiß schon genau, wie die Landstraße zwischen Klein- und Groß-Hintertupfingen heißt? Auch was eigentlich passiert ist, können Ersthelfer in der Dimension nicht immer richtig einschätzen.

Das Grevenbroicher Start-Up Corevas hat ein Notrufsystem namens EmergencyEye entwickelt, das Vodafone nun einsetzen will – vorerst ist das System aber nur in der Leitstelle Neuss aktiv. Sie ist für rund eine Million Menschen im Rhein-Kreis zwischen Düsseldorf, Mönchengladbach und Köln zuständig.

Ruft man vom Vodafone-Netz aus diese Leitstelle an, erhält der Anrufer anschließend eine SMS mit einem Link zu den EmergencyEye-Funktionen. Stimmt der Helfer zu, aktiviert die Zentrale die Ortsbestimmung im Smartphone. Die Einsatzzentralen erhalten somit den festgestellten Standort direkt. Als zweite Komponente können Ersthelfer auch eine Live-Videoverbindung mit der Rettungsleitstelle herstellen und somit den Rettern die Situation vor Ort zeigen. Damit kann die Leitstelle besser einschätzen, welche Kräfte vor Ort benötigt werden.

Vodafone hat für diese Art der Rettungskommunikation einen separaten Kanal eingerichtet, über den außer der üblichen Notrufsprechverbindung auch die Ortsdatenübertragung und die Videoverbindung mit voller Geschwindigkeit für den Anrufer kostenfrei abgewickelt werden kann – laut Vodafone auch, wenn das Datenvolumen bereits aufgebraucht ist. Eine spezielle App ist für Anrufer nicht nötig. Das System funktioniert laut Vodafone mit jedem Handy, das Positionsdaten senden kann und das eine Kamera für die Videofunktion hat.

Üblicherweise beziehen Leitstellen seit 2012 Informationen über den Ort des Anrufers nur grob per Mobilfunkzellenortung, was für etliche Einsätze nicht genau genug ist. Einige Leitstellen waren jedoch selbst 2017 noch nicht in der Lage, Standortinformationen zu empfangen.

Für Unfälle mit dem Auto werden die Retter perspektivisch eher durch eCall erfahren, wo der Einsatzort ist. Das System ist seit April für neu typzugelassene Autos Pflicht und soll durch Sensorauswertung selbst Unfälle erkennen und dann einen Notruf mit Ortsdatenübermittlung auslösen. Allerdings braucht es noch etliche Jahre, bis eCall in den meisten Autos tatsächlich eingebaut ist.

Die europäische Notrufgesellschaft EENA (European Emergency Number Association) hat bereits 2016 den AML-Standard für weitergehende Notruf-Informationen entwickelt. In Apples iOS ist AML seit Frühling 2018 verfügbar. Auch bei der Apple Watch Series 4 ist bereits eine solche Standortübermittlung in Notfällen möglich – nach einem Anruf erhält die Notrufnummer eine Textnachricht mit dem Standort.

Für Android-Nutzer gibt es mit ELS (Emergency Location Service) bereits eine Möglichkeit, Standorte bei Unfällen oder Notlagen melden zu lassen. ELS wird in Deutschland jedoch nicht eingesetzt.

Verwertet werden diese Standortinformation hierzulande nicht. Ein erfolgreicher Feldversuch zeigte in Großbritannien, dass bereits 2015 rund 90 Prozent der damals verwendeten Smartphones bei Notrufen Ortsinformationen übermitteln konnten, die auf weniger als 50 Meter genau waren, größtenteils sogar sogar wesentlich besser.

Die Telekom und O2 bieten vergleichbare Dienste nicht an. Ein O2-Sprecher sagte auf c't-Anfrage, dass die Einführung und Umsetzung der ELS/AML-Funktionen durch die Mobilfunkanbieter derzeit geprüft werde. Es gebe hierfür Gespräche mit den zuständigen Stellen, etwa der Bund-Länder-Expertengruppen Leitstelle und Notruf. (mil)