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Von Beat zu Bea: Transgender-Menschen in der IT-Branche

Von Beat zu Bea: Transgender-Menschen in der IT-Branche

Bea Knecht, vormals Beat, Gründerin des Streaming-Dienstes Zattoo.

(Bild: Zattoo)

Bug oder Feature? Transgender und Gender in der Tech-Welt: Bea Knecht, Gründerin des Schweizer Fernseh-Streamingdienstes Zattoo verrät Überraschendes über Geschlechterrollen, Techies und das Internet.

Als sich der Apple-Chef Tim Cook als schwul geoutet hat, war er nur einer von mehreren prominenten Homosexuellen im Rampenlicht. Rollenbilder für Transgender hingegen gibt es kaum. Die Gründerin und Verwaltungsrats-Chefin des Fernseh-Streamingdiensts Zattoo [1] ist im Jahr 2012 als Beat Knecht in eine viermonatige Auszeit gegangen und nach ihrer Geschlechtsangleichung als Bea Knecht zurückgekehrt. Mit dem großen Schritt hatte sie kaum Probleme, erzählt sie rückblickend. Trotzdem sie in der Männer-dominierten Tech-Branche arbeitet – oder vielleicht genau deswegen?

heise online: Ist es in der Tech-Szene einfacher oder schwieriger, Transgender zu sein?

Bea Knecht: Viel einfacher! Die Tech-Szene tickt so, dass die Wahrheit im Code liegt. Man sagt: Schauen wir mal, was du produzierst und wie du denkst. Es ist eigentlich völlig wurscht, ob man dabei Birkenstocks oder High Heels trägt.

Und wie ist es, in der Tech-Szene eine Frau zu sein?

Eine Frau, die Tech macht, ist selten genug. Eine Transfrau ist schon deswegen besonders. Männer stellen den klar überwiegenden Teil der Tech-Fachkräfte. Sie freuen sich in der Regel über Kolleginnen in der Branche. Vor allem, wenn die es auch noch drauf haben.

Spielt die Vorstellung eine Rolle, dass alles Soziale eh konstruiert und eine Art großer Code ist?

Das ist gut formuliert. Meiner Erfahrung nach gibt es nicht wenige Asperger unter ITlern. Sie sind talentiert in Computerwissenschaft. Es fehlt ihnen aber die soziale Intuition. Sie müssen sich im Kopf eine Art Alltags-Code zusammenbasteln. Dieser verrät ihnen beispielsweise, was das Anheben eines Mundwinkels beim anderen bedeutet. So gesehen ist das ganze Leben etwas weird und vieles ist erlernte Repräsentation.

Kann man eigentlich sagen, dass Transgender eine Art Bug ist ... Sie sind eine Frau, wurden aber fälschlicherweise als Mann geboren, und diesen Bug musste man fixen?

Transgender kann man als Bug oder Feature sehen. Unsere Hirnstrukturen entsprechen nicht unserem biologischen Körper. Niemand wünscht sich das. Aber vielleicht ist es auch ein Geschenk, und damit eine Art Feature.

Wieso?

Ich habe mich mit vielen anderen Transgendern unterhalten. Meine Erfahrung ist, dass etwa 50 Prozent der Mann-zu-Frau-Transgender ein sehr gutes räumliches Denk- und Wahrnehmungsvermögen haben. Es gibt dazu in den USA Studien, die im Gang sind. In der gesamten Bevölkerung haben etwa 5 Prozent diese Fähigkeit, also zehn mal weniger. Vielleicht hat unsere Prägung, die uns zunächst benachteiligt, diese und noch weitere, noch nicht erforschte Konsequenzen im Hirn.

Eine These ist, dass die linke und die rechte Gehirnhälfte intensiver miteinander korrespondieren. Viele Transfrauen sind wegen ihrem räumlichen Denkvermögen in Mathematik Elektrotechnik oder Informatik sehr gut. Einige haben in der Tech- und IT-Bereich Wichtiges geleistet. So hat zum Beispiel die US-Informatikerin Lynn Conway die heute gängige Design- und Layout-Methode für Chips entwickelt. Aber es gibt auch auffällig viele Architektinnen, Chirurginnen, Pilotinnen, Rennfahrerinnen oder Künstlerinnen.

Welche Rolle spielt allgemein das Internet für die Transgender-Identität?

Das Internet ist das Gateway für den Austausch mit anderen, für das Erkennen, die Behandlung und am Schluss das Teilen der Erlebnisse und die Weiterführung der Forschung. Das gilt auch für andere Aspekte des Lebens, die ein Bug oder Feature sind.

Früher war es ein großes Problem, überhaupt an Informationen zu Transsexualität zu kommen. Heute ist das alles nur wenige Klicks entfernt. Wie war es bei Ihnen?

Ich hatte schon mit sechs Jahren geahnt, dass ich bin, wie ich bin. Anfangs dachte ich allerdings, ich wäre die einzige Person in der Welt. Das geht allen so. Im Jahr 1986 hatte ich gerade mein Informatikstudium an der Universität von Kalifornien in Berkeley begonnen. Ich bin in die Bibliothek gegangen. Da gab es etwa 6 Millionen Bücher und genau sechs Bücher zu Transgender. Und dann bin ich ins Internet. Alles lief damals über textbasierte, hackermäßige Message Boards, und die gab es zu wirklich jedem Thema. Heute ist das allen zugänglich ohne Spezialkenntnisse.

Wieso gibt es Ihrer Meinung nach noch heute so wenig Transfrauen und -männer in der Öffentlichkeit, beispielsweise im Vergleich mit Schwulen und Lesben?

Trans-Sein ist seltener als Schwul-Sein. Etwa 1 von 50 Personen tickt so. Noch seltener ist, das die Betroffenen diese Prägung auch zum Ausdruck bringen. Oft unterdrücken sie es selber. Damit ist das Thema in der Gesellschaft per Definition randständig. Hinzu kommt: Wir wollen nicht unter dem Mikroskop betrachtet irgendein rarer Schmetterling sein. Wir wollen eher fotografiert werden, wenn wir uns im Mikroskop etwas anschauen oder im Kontext unserer Firma oder Familie unterwegs sind. Transpersonen sind in der Regel bestrebt, sich zu integrieren und als normal wahrgenommen zu werden. Sie fühlen sich nach der Angleichung ja auch ganz normal. (Stefan Mey) / (axk [2])


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-2595257

Links in diesem Artikel:
[1] http://zattoo.com/
[2] mailto:axk@heise.de