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Von kostenlosen Online-Kursen zu neuronalen Lernschnittstellen

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35 Experten der von Google finanzierten Denkfabrik Collaboratory haben mehrere Monate lang die Zukunft des Lernens in der digitalen Gesellschaft beleuchtet und jetzt ihren Abschlussbericht mit Szenarien und Empfehlungen vorgelegt. "Wir können keine Patentrezepte liefern, sondern wollen Denkanstöße geben", erklärte die Mainzer Nachwuchswissenschaftlerin Luise Ludwig am Montag in Berlin.

Die Experten wagen eine Vorschau auf "global vernetzte, immer und überall" bereit stehende Ausbildungsformen im Jahr 2023. Lernen wird permanent von intelligenten Algorithmen erfasst und ausgewertet, heißt es in dem Ausblick. Potenzielle Arbeitgeber "legen immer weniger Wert auf formelle Abschlüsse". Die nachvollziehbare Darstellung von Vernetzung und der erworbenen Kenntnisse in "E-Portfolios" löse Zeugnisse und Diplome ab.

Neben "klassischen Institutionen" wie Hochschulen etablierten sich Firmen und Non-Profit-Einrichtungen im Bildungsbereich, prophezeien die Sachverständigen. Mehrere Open-Education-Universitäten entstünden, die weltweit "Millionen von Menschen ausbilden". Technisch hervorragend ausgestattete Lernzentren in Ballungsräumen würden von verschiedenen Hochschulen für Kurse und Tests gebucht.

Ein Szenario geht davon aus, dass physischer und des virtueller Raum verschmelzen. "Holografische Systeme, die quasi ein Beamen anderer Personen zulassen, bewirken das Gefühl von Präsenz". Datenbrillen oder auch Sprachsteuerungen seien wichtige Innovationen für die nahtlose technische Unterstützung. "Neurointerfaces" hätten den klinischen Anwendungsbereich verlassen und erlaubten "eine Nutzung unserer geistigen und physischen Lernfähigkeiten über die bisherigen Dimensionen hinaus".

Soziale Netzwerke und ortbasierte Dienste gestalteten das Lernen weiter interaktiv. Aktuell relevante Lerninhalte würden kontextbezogen und oft in Peer-to-Peer-Umgebungen erfahrbar gemacht. "Matching-Systeme" vernetzten Menschen "hinsichtlich ihrer aktuellen Interessen". So entstünden globale Lerngemeinschaften, die "problem- und lösungsorientiert" seien. Lernfortschritte würden automatisiert dokumentiert, Informationen dazu stünden Interessierten zur Verfügung.

Das bereits fassbarere Phänomen kostenlos angebotener Online-Kurse ("Massive Open Online Courses", MOOCs) stand zuvor im Zentrum eines Streitgesprächs zur Einführung in die Thematik. Schon die ersten Angebote hätten "den Diskurs über Lernen verändert", meinte Hannes Klöpper von der Online-Plattform iversity. Schließlich hätten sich "Zehntausende dafür angemeldet und mitgemacht". Im Vordergrund gestand habe dabei neben der Abfrage von Wissen über "Multiple-Choice"-Fragen die Möglichkeit, "sich untereinander auszutauschen".

Die Aussteigerrate bei den neuen Online-Welten sei relativ hoch, räumte Klöpper ein. Viele "Nutzer" meldeten sich aber zunächst aus reiner Neugier an. Von allen Teilnehmern, die die erste Prüfung auf sich nähmen, machten 45 Prozent weiter. Für den Gründer steht außer Zweifel, dass Lerninhalte künftig zumindest im Einführungsbereich "mehr oder weniger frei" sind. Offene Lizenzen wie Creative Commons stellten Regeln auf zum "Remixen" oder zum "Zusammenbasteln" eigener Kurse. Geld verdienen könnten Anbieter mit dem Prüfungswesen, mit dem Angebot eines "traditionellen College-Erlebnisses" vor Ort oder indem sie Studierende persönlich betreuen. Dabei werde es auch "neue Dienstleister" geben.

Markus Deimann von der Fernuniversität Hagen vermochte in MOOCs zunächst "kein neues didaktisches Konzept" erkennen. Was da online geboten werde, sei seit Jahrzehnten Standard der auf Medien angewiesenen Tele-Ausbildung. Kostenfrei ins Netz gestellte Lernmaterialien, wie sie das MIT seit 2001 unter dem Aufhänger Open Educational Resources propagiere, hätten zudem noch kaum jemand zu einem wissenschaftlichen Abschluss verholfen. Wer "die ganze Welt beglücken" wolle, müsse zwangsweise Abstriche bei der Online-Didaktik machen. Der MOOC-Trend lasse zudem wenige große Akteure als Anbieter entstehen, die den Markt unter sich aufteilten. Deimann plädierte dafür, "das Netz als digitalen Kulturraum" auch für den Bildungssektor zu gestalten.

Immer nur auf "kostenfrei" zu setzen, hält Deimann für die falsche Strategie. Staatlich geförderte wissenschaftliche Forschungsergebnisse müssten nach dem Prinzip "Open Access" zwar gratis online veröffentlicht werden. Im Bildungsbereich selbst könne der Preis dagegen auch ein "Regulierungselement" darstellen. Schließlich sei die Produktion vernünftiger Online-Lehrmaterialien kostspielig. Getrennt davon sei die Frage der Wiederverwertbarkeit einmal entstandener Inhalte zu sehen. Die Collaboratory-Experten insgesamt setzen sich dafür ein, freie Bildungsmedien zu fördern. (anw)