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Vor 10 Jahren: Mozilla.org nimmt die Arbeit auf

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Heute vor 10 Jahren verkündete Netscape eine Ausgründung besonderer Art: Mozilla.org ging an den Start, eine eigene Abteilung innerhalb der erfolgsverwöhnten Firma, die als Scharnier zwischen den Belangen der Open Source-Community und Netscape funktionieren sollte. Benannt war die neue Abteilung nach dem Firmenmaskottchen, einem Tabaluga-artigen Drachen, der damals vor der Kantine von Netscape hockte und an die ersten Tage erinnerte, als man noch Mos(z)aic entwickelte, den Browser, mit dem das Internet kommerzialisiert wurde. Mozilla.org war die organisatorische Antwort auf die Ankündigung von Netscape, den Source-Code des Netscape Navigators freizugeben. Das passierte -- nicht ohne Hintertürchen -- wenig später am 31. März.

Mozilla.org war bei weitem nicht das erste Projekt, bei dem proprietärer Source-Code freigegeben wurde, doch war es das erste Projekt, das eine wirklich große Firma anstieß. Mit Mozilla wurde "Open Source" abseits der IT bekannt, popularisiert vom Internet-Wunderkind Marc Andreessen. Beraten vom Consultant Eric Raymond setzte man bei Netscape bewusst den Begriff "Open Source" ein, um sich von dem, so Raymond, "ideologisch verkorksten" Begriff "Free Software" abzusetzen.

Die Entscheidung von Netscape war alles andere als freiwillig. Kurz nach der Ankündigung, den Source-Code zu veröffentlichen, hatte Netscape am 27. Januar mit der Veröffentlichung der Geschäftszahlen gestehen müssen, dass der Browser-Krieg verloren war: Allein im vierten Quartal 1997 hatte man 88,3 Millionen Dollar verloren. Prompt wurden 300 Programmierer gefeuert. Die Firma, die allein mit dem Navigator-Browser bis dahin 750 Millionen Dollar verdient hatte, musste darauf reagieren, dass Microsoft seinen Internet Explorer verschenkte und tat dies mit aller Grandezza, wie die damalige englische Presseerklärung zeigt (die deutsche war harmloser formuliert): "Netscape has found a way to turn a market defeat into an asset for the Internet community -- and a real wild card that may yet have a significant impact on the computer industry."

Jamie Zawinski stellt 1998 am Netscape Strategy Day die Strategie und Struktur von Mozilla.org vor.

Den Geschäftsplan für Mozilla.org hatte Netscape-Gründer Marc Andreessen zumsammen mit Eric Hahn und Jamie Zawinski als künftigem Abteilungsleiter im Herbst 1997 entwickelt. Das Ziel war schlicht formuliert: "Keep Microsoft from owning the Net". Mozilla sollte alle guten Ideen von Programmierern so schnell wie möglich in den Navigator Browser integrieren und umgekehrt Firmen dazu animieren, aus dem freien Code eigene Browser zu entwickeln. "Ich habe kein Problem mit einem IBM-Navigator, bei dem die Hilfe-Funktion zum Support von IBM schaltet", erklärte Andreessen seine Idee. Mit der ersten Presserklärung nahm man sich viel vor: "Die gegenwärtigen Projekte von Mozilla.org sind Verbesserungen beim Anlegen von Lesezeichen (Bookmarks), die automatische Komplettierung von URLs und die Portierung von Mozilla auf neue Plattformen wie Apples Rhapsody, BeOS und OS/2."

Die Reaktion auf die Gründung der Abteilung Mozilla.org reichte vom überschwenglichen Jubel durch Raymond & Co. bis zur Skepsis der Wirtschaftsblätter. Nüchtern urteilte der Netscape-Biograf Michael Cusumano: "Es hängt sehr viel davon ab, ob die freien Programmierer Netscape verzeihen. Zweifelsohne gibt es eine Community, die so etwas stemmen kann. Aber Netscape hat diese Leute nach Kräften verärgert. Netscape war viel zu gierig aufs große Geld aus, wie Microsoft viel zu gierig auf Marktmacht aus war. Da ist viel Porzellan zerschlagen worden. Außerdem sollte man Microsoft nicht unterschätzen. Was immer diese Community hervorzaubert, Microsoft wird es in sechs Monaten kopiert haben."

Zunächst aber zauberte die amerikanische Justiz. Kaum hatte Jamie Zawinski den nach Mountain View eingeladenen Journalisten die Strategie von Mozilla.org vorgestellt, verkündete das US-Justizministerium am 18. Mai, dass man im Verein mit 20 Bundes-Staatsanwälten eine Antitrustklage gegen Microsoft eingereicht habe, weil die Firma mit illegalen Mitteln ein Monopol im Browser-Markt geschaffen habe. Während Microsoft verärgert reagierte, konnte Netscape ungehindert Gespräche mit Investoren aufnehmen. Denn die Geschäfte gingen weiterhin äußerst schlecht. Im ersten Quartal 1998 wies die Firma einen Verlust von 54,2 Millionen Dollar aus. Das Resultat der Verkaufsbemühungen ging in die Wirtschaftsbücher als Paradebeispiel einer misslungenen Fusion ein und soll hier nicht weiter interessieren: AOL kauft Netscape.

Für das junge, ambitioniert gestartete Mozilla-Projekt war dies die nackte Katastrophe. Inmitten einer Internet-Firma gestartet, befand man sich nun in einem Medienkonzern, der wenig Interesse an der Fortentwicklung eines offenen Internet hatte. Wenige Monate später warf Projektleiter Zawinsiki genervt das Handtuch. In einem denkwürdigen Abschiedsbrief verkündete er: "Wenn es eine Lehre aus dieser Geschichte gibt, dann ist es wohl die, dass man kein sterbendes Projekt nehmen kann, es mit dem magischen Zauberstaub 'Open Source' besprenkeln kann, worauf alles wieder in Ordnung ist. Software ist eine harte Sache. Die Dinge sind nicht so einfach."

Immerhin erschien im Juni 2002 dann endlich die erste Version der Websuite von Mozilla, die aus dem Code der Netscape-Suite entwickelt worden war, während Netscape 7 dann wiederum auf dem Mozilla-Code beruhte. Es dauerte allerdings bis zum 15.Juli 2003, bis sich das Mozilla-Projekt mit einer kleinen AOL-Mitgift von 2 Millionen Dollar von AOL freimachen und als Mozilla Foundation durchstarten konnte. Heute gründet diese Foundation selbst fleißig Projekte aus, während die Websuite nur noch als separates Seamonkey-Projekt existiert und sich die Mozilla-Entwickler ganz auf den (im November 2004 in Version 1.0 erschienenen) Firefox-Webbrowser konzentrieren. Der entstand, nachdem die Kritik am aufgeblähten und nur noch schwer wartbaren Code der Websuite immer lauter wurde.

Während die Mozilla Foundation gerade eine halbe Milliarde Firefox-Downloads feiert, hat die Familie der Mozilla-Entwickler derweil inzwischen in der Regel Besseres zu tun, als sich an den Start vor 10 Jahren zu erinnern. Auf der heute in Brüssel beginnenden FOSDEM haben die Mozilla-Entwickler in ihrem vollgepackten Referatsplan jedenfalls kein Plätzchen gefunden, sich an den Start der Organisation zu erinnern. (Detlef Borchers) / (jk)

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