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Vor 20 Jahren: 1984 wird nicht "1984"

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Heute vor 20 Jahren startete Apple die Werbekampgne, die den Verkaufsstart des Macintosh-Computers am 24. Januar 1984 bekanntmachen sollte. Eine kleine Fernsehstation in Twin Falls, Idaho, sendete am 15. 12. 1983 als erste das berühmte Video mit der Botschaft, dass George Orwells 1984 nicht eintreten wird und Big Brother keine Chance hat, solange es (von Apple gebaute) persönliche Computer für Menschen gibt.

Das vielfach und immer wieder aufs neue analysierte Video beginnt mit einer Reihe marschierender Arbeiter, einer Szene, die direkt aus Fritz Langs Film "Metropolis" abgekupfert wurde. Dann taucht eine blonde vollbusige und rotbehoste Eva auf, die den angebissenen roten Apfel des Paradieses weglegt und zum Vorschlaghammer greift. (Diese Szene wurde später gestrichen.) Unbeirrt läuft sie alsdann mit dem schweren Werkzeug auf einen Großbildschirm zu, verfolgt von Soldaten. Während Heerscharen von Zombies die Rede des Großen Führers über die "Information Purification Directive" verfolgen, die allen Menschen eine einheitliche Meinung zugesteht, läuft die Heroine durch die Reihen der Informations-Drohnen. Schließlich schleudert sie den Hammer in den Schirm und ein Tageslichtsturm ergießt sich auf die grauen Gestalten, die zu leben beginnen: "Apple Computer will introduce the Macintosh. And you'll see why 1984 won't be like '1984'."

Ein Blick in die Entstehungsgeschichte ist aufschlussreich: Das Video wurde ursprünglich von der Werbeagentur Chiat/Day im Jahre 1982 für den Apple II entwickelt, verschwand aber in der Schublade. Als die Werbekampagne für den neuen Mac ausgetüftelt wurde, entschied man sich für den Anti-Orwell und den Slogan "Why 1984 won't be like '1984'". Für 900.000 Dollar sollte der Regisseur Ridley Scott, der mit "Alien" und "Blade Runner" Erfolge hatte, das Video drehen. Es sollte zuerst im Inland getestet, dann zum Superbowl am 22. Januar 1984 landesweit übertragen und schließlich weltweit gezeigt werden. Gedreht wurde in England. Scott holte in London Skinheads von der Straße und besetzt die Hauptrolle mit der Diskuswerferin Anya Major, die den schweren Hammer ohne Straucheln schleudern konnte. Ursprünglich sollte Big Brother nur im Hintergrund murmeln, doch Ridley Scott schrieb eine Rede, die Big Brother und die Vernetzung von Großcomputern denunzierte: "My friends, each of you is a single cell in the great body of the State. And today, that great body has purged itself of parasites. We have triumphed over the unprincipled dissemination of facts. The thugs and wreckers have been cast out. And the poisonous weeds of disinformation have been consigned to the dustbin of history. Let each and every cell rejoice! For today we celebrate the first, glorious anniversary of the Information Purification Directive!"

In ersten Vorführungen bei Apple wurde das Video begeistert aufgenommen, im Aufsichtrat fiel es hingegen sang- und klanglos durch. Hektisch wurde beraten, wie die Katastrophe verhindert werden könne -- ein Werbeplatz beim Superbowl, dem wichtigsten amerikanischen TV-Ereignis, war fest gebucht. Die Hälfte der Sendezeit konnte man noch an einen Getränkehersteller verkaufen, doch 60 Sekunden blieben, in denen der Spot laufen musste. Steve Wozniak, der das "Desaster" nur am Rande mitbekam, erbot sich nach einer Vorführung spontan, die Hälfte der Kosten aus eigener Tasche zu zahlen. Gegen die Intervention des Aufsichtrates war jedoch kein Kraut gewachsen. Das Video lief nur einmal am Superbowl vor 96 Millionen Zuschauern und wurde dann weggeschlossen. Nur eine 30 Sekunden dauernde Version lief noch Monate später in den Kinos, ohne Bezahlung. Der Werbespot gewann über 30 Preise und gilt heute als das einflussreichste Werbevideo des vergangenen Jahrhunderts.

In den Pausen zum Superbowl gab es noch einen Werbespot mit einem Computerthema. Charlie Chaplin, mit "Modern Times" die Ikone im Kampf des kleinen Mannes gegen die Industrie, watschelte über den Fernsehschirm, einen Kinderwagen ziehend, in dem IBMs PCJr lag. Dieser Werbespot lief das ganze Jahr weiter, doch half es nichts, der PCJr wurde ein Misserfolg, anders als der Macintosh, der im Werbespot nicht einmal auftritt. Regisseur Scott sah den Computer erst viele Monate später.

In Twin Falls wurde die Werbung am 15. 12. 1983 übrigens nur deswegen gezeigt, damit sie noch 1984 für einen Award eingereicht werden konnte. Die Agentur Chiat/Day gewann, verlor jedoch den Kunden Apple. Die Filmrechte des kompletten ungekürzten Videos werden heute auf 30 bis 50 Millionen Dollar taxiert. (Detlef Borchers) / (jk)