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Vor 20 Jahren: Ein schwer vermittelbarer Vorschlag - und der Anfang des Web

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Am heutigen Freitag-Nachmittag um 14 Uhr beginnen im Genfer Kernforschungsinstitut CERN die Feierlichkeiten für einen Text, der vor 20 Jahren die Geburt des World Wide Web im Internet einleitete. Das Datum dieser Geburtstagsfeier ist etwas willkürlich gewählt und passt damit bestens zur Geschichte des Internet, ohne das es ein WWW in dieser Form nie gegeben hätte.

Im März 1989 schrieb Tim Berners-Lee auf einem Mac am CERN einen Vorschlag auf. Sein Text Information Management: A Proposal gilt als Grundsteinlegung für das World Wide Web, auch wenn er zunächst kaum Beachtung fand. Gegen Ende des Monats überreichte Berners-Lee den Vorschlag seinem Chef Mike Sendall. Dieser hatte ihn im Dezember gebeten, einmal seine Ideen zu einem System aufzuschreiben, wie denn eine digitale Bibliothek mit den Texten all der in aller Welt verstreuten Forscher aussehen könnte, die mit dem CERN verbunden sind oder waren.

Sendall las den Text und kommentierte ihn mit Vague, but exciting..., um ihn dann zu vergessen. In seinem Buch Weaving the Web klingt die Enttäuschung durch, die Berners-Lee erfahren musste: By the end of March 1989 I had given the proposal to Mike Sendall; to his boss David Williams; and to a few others. I gave it to people at a central committee that oversaw the coordination of computers at CERN. But there was no forum from which I could command a response. Nothing happened.

Auch ein weiterer Anlauf von Berners-Lee im Mai 1990 mit einem verbesserten Text, den er direkt an David Williams schickte, endete in einem staubigen Archiv des CERN. Eine neue Maschine rettete schließlich die Idee: Mike Sendall kaufte 1990 eine der ersten NeXTstations in Europa und gab sie dem als RPC-Programmierer angestellten Berners-Lee mit den Worten: "Once you get the machine, why not try programming your hypertext thing on it?"

Zu diesem Zeitpunkt hatte Berners-Lee bereits einige Erfahrungen mit dem in Pascal geschriebenen Programm Enquire darüber gesammelt, wie Informationen aus unterschiedlichen Quellen gebündelt und gefunden werden können. Sein 1989 geschriebener Vorschlag nennt außerdem das Xanadu-Projekt von Ted Nelson. Dieser hatte zu seiner Zeit nicht die leistungsstarken Rechner zur Verfügung, mit denen sein ambitioniertes Konzept von Links und aktiven Back-Links programmiert werden konnte.

Als RPC-Programmierer hatte Berners-Lee hingegen beizeiten gelernt, dass ein Konzept, das auf die ständige Verfügbarkeit von Rechnern in einem Netzwerk aufbaut, sehr verletzlich sein kann. Sein auf dem NeXT entwickeltes Programm sollte zunächst Mesh oder Information Mesh heißen, dann MOI für Mine of Information, alternativ The Information Mine (TIM). Am Ende stand der Name "World Wide Web", komplett mit ht als Hypertext-Kürzel für all die Programme, die das WWW erst möglich machen. Sie liefen zuerst auf dem NeXT, aber am CERN, das im Jahre 1991 der größte Internet-Node in Europa war.

Im CERN selbst wurde die Arbeit von Berners-Lee am WWW-Projekt durchaus honoriert, aber kaum als nützliches System außerhalb der "Scientific Community" bewertet. Mit dem Belgier Robert Caillau gewann Berners-Lee frühzeitig einen Mitstreiter, der das Projekt auch in schlechten Tagen vorantrieb, vom verbitterten Ted Nelson als Sancho Pansa der IT-Industrie verspottet.

Abseits programmtechnischer Schwierigkeiten kam mit dem Verhandlungsgeschick von Cailliau schließlich die dritte Komponente ins Spiel, mit der das WWW im heutigen Sinn schlussendlich durchstarten konnte: Ohne den ersten Vorschlag, ohne den ersten NeXT und dann noch ohne die Freigabe wichtiger Software wie libwww wäre das World Wide Web von Berners-Lee nie der Sarg geworden, in dem das Gutenberg-Zeitalter zu Grabe getragen wird. "Kurzum, das Ende wie der Anfang ist an keiner Stelle abzusehen", wusste schon sein Landsmann Tristram Shandy über alle großen Erfindungen zu berichten, die auf den Schultern von Riesen gemacht werden.

Siehe dazu auch:

(jk)

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