Vor 20 Jahren: Game over, Herr Kasparow

Vor 20 Jahren verlor der damalige Schachweltmeister Garri Kasparow die entscheidende Partie gegen den Schach-Computer "Deep Blue"

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(Bild: c't)

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Schach galt über viele Jahrhunderte als Königsdisziplin der menschlichen Intelligenz. Mit den ersten Computern begann der Wettstreit, ob maschinelle Intelligenz den Menschen schlagen könnte. Alan Turing schrieb als erster ein Schachprogramm, konnte es aber nicht realisieren. Dies blieb dem deutschen Exilanten Dietrich Prinz vorbehalten.

Schließlich kam der Moment, an dem der stärkste Schachpieler seiner Zeit gegen einen Computer verlor: Als Schachweltmeister Garri Kasparow 1997 zur Revanche gegen Deep Blue antrat -- die Hinrunde hatte er 1996 gewonnen -- fühlte er sich wie der Hauer John Henry im Wettkampf mit maschinellen Bohrhämmern. Am 11. Mai 1997 verlor er die entscheidende Partie, überlebte aber die Niederlage.

Heute arbeitet Kasparow als "Botschafter" für Avast Software und spricht als Putin-Kritiker und russischer Bürgerrechtler auf Veranstaltungen wie der gerade beendeten re:publica. Mit "Deep Thinking" hat er gerade ein Buch veröffentlicht, das sich mit Fragen der maschinellen und der künstlichen Intelligenz beschäftigt. Diese Fragen sind nicht nur für ihn als Schachspieler interessant: "Wer sich in meine Lage vor 20 Jahren versetzen will, muss sich einfach in ein autonomes Auto setzen", heißt es an einer Stelle im Buch.

c't 11/96 und 7/97 zu Deep Blue vs. Kasparow (7 Bilder)

In der Nachschau auf seine historische Niederlage gibt sich Kasparow unversöhnlich und nimmt dem glorifizierten IBM-Team übel, das zwischen den einzelnen Partien des Schachturniers der 5 bis 10 Millionen teure Deep Blue kräftig umprogrammiert wurde. In dieser Sicht war das Turnier mehr Kampf Mensch gegen Mensch, als dies die Öffentlichkeit ahnte. Eine herausragende Rolle soll dabei der Chef-Programmierer Feng-Hsiung Hsu gespielt haben, der heute die Rechte an der Deep Blue-Software besitzt, während die Hardware von Deep Blue längst verschrottet wurde.

Denn damit hat Kasparow recht: die Pyramide aus Prozessoren von Deep Blue ist noch lange kein Intelligenz-Beweis gewesen, sondern war mehr eine "brute force"-Methode. Etwas anders sieht es seiner Meinung nach mit IBMs Watson aus, und auch die Künstliche Intelligenz von Google mit neuen, eigenen Zügen im Go-Spiel zeigt Fortschritte. Sein Fazit: "Alles, von dem wir wissen, wie es gemacht wird, können Maschinen irgendwann besser."

Dennoch sei es falsch, nach Notschaltern zu rufen und vor Gefahren der Künstlichen Intelligenz zu warnen. Bekanntlich resignierte Kasparow nicht nach seiner Niederlage, sondern versuchte bereits 1998 mit einer Handvoll von Schachspielern bei einem Turnier im spanischen León das "Zentauren-Schach" zu entwickeln, bei dem jeder Spieler einen PC mit Schachprogrammen seiner Wahl benutzen durfte. Was damals für Empörung sorgte, ist heute die Regel, wenn sich Großmeister duellieren: ihre Adjutanten ziehen Computer zu Rate.

Zwanzig Jahre nach seiner Niederlage ist Kasparow ein politischer Mensch geworden, der vor den Ambitionen des russischen Präsidenten Putin warnt und hier die Bedrohung der maschinellen Intelligenz oder des Cloud Computing sieht. "Es ist bestimmt nicht gut, wenn die Vereinigten Staaten und ihre Dienste unsere Daten haben oder Google. Aber ich bezweifle stark, dass uns das ins Gefängnis bringt. Wenn der KGB die Daten sammelt oder Erdogan, ist das was anderes. Das meine ich, wenn ich sage, wir sollten uns eher darum kümmern, was mit den gesammelten Informationen geschieht."

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(kbe)