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Vor 30 Jahren: Die erste Killeranwendung

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Am 26. Januar 1983 begann Lotus Software mit der Auslieferung von 1-2-3 für den IBM PC. Am 26. April erreichte 1-2-3 den ersten Platz der Software-Verkaufscharts und hielt diesen Platz bis Mitte 1987, als insgesamt 3 Millionen Exemplare der Software genutzt wurden. 1983 sorgte 1-2-3 dafür, das Lotus 156 Millionen US-Dollar Gewinn machte. Als Killerapplikation begründete 1-2-3 den überragenden Erfolg des IBM PC, auch wenn die 495 US-Dollar teure Software zwingend eine Speicheraufrüstung von 64 KByte auf 256 KByte RAM erforderte. Mit dem Erscheinen von 1-2-3 vervierfachte sich der Absatz von IBM-PC.

Lotus 1-2-3 war eine Tabellenkalkulation (1) mit einer Datenbank (2) – wobei Lotus den Begriff vermied und nur vom "Information Management Retrieval" sprach – und einer rudimentären Grafikausgabe (3). Der durchschlagende Erfolg der Software beruhte allein auf der Tabellenkalkulation, die der Programmierer Jonathan Sachs in kaum unterbrochener Arbeit in zehn Wochen in Assembler programmierte.

Sachs hatte zuvor eine Tabellenkalkulation für Data General geschrieben, die den Grundstock von 1-2-3 bildete, als er auf Mitch Kapor traf, der zuvor Leiter der Software-Entwicklung bei VisiCorp war. Diese Firma produzierte mit VisiCalc eine sehr erfolgreiche Tabellenkalkulation, die allerdings nicht auf dem IBM PC lief. Kapor und Sachs gründeten Lotus Software mit dem Ziel, für diesen Rechner und für PC-DOS ein vergleichbares Programm auf den Markt zu bringen.

Während Sachs seine Tabellenkalkulation portierte, kümmerte sich ein junger Mathematiker namens Rick Ross (PDF-Datei) um die Berechnungen, für die 1-2-3 berühmt wurde. Kapor wiederum heuerte für eine Million Dollar die Unternehmensberatung Mc Kinsey an, Strategien zu entwickeln, wie die Software an typische Manager verkauft werden kann. Die Berater waren beeindruckt von der Möglichkeit, dass veränderte Werte in der Tabellenkalkulation sofort von der Grafikausgabe angezeigt werden konnten, und kreierten den Werbeslogan "No lag between you and your computer".

Vom Start weg dominierte 1-2-3 den Markt und bescherte Lotus Software satte Gewinne, mit denen Microsoft überholt wurde. VisiCorp schaffte es nicht, gegen 1-2-3 eine DOS-Version ins Rennen zu schicken und wurde für 800.000 Dollar von Lotus aufgekauft. Allen VisiCalc-Kunden wurde ein 1-2-3-Upgrade zum halben Preis angeboten. Im September 1985 erschien die Version 2.0 von 1-2-3.

Zu diesem Zeitpunkt war Lotus Software von 20 Mitarbeitern auf 1050 Mitarbeiter gewachsen und Kapor übergab die Firmenleitung an den McKinsey-Berater Jim Manzi. Dieser begann sofort damit, Konkurrenten wie VP Software (VP Planner) und Borland (Quattro) mit Look-and-Feel-Klagen zu überziehen. Das Gerichtsverfahren dauerte zehn Jahre und wurde von Lotus verloren.

Der Niedergang von 1-2-3 begann mit der Version 3.0, einer kompletten Neuentwicklung, für die Lotus viele Programmierer und Entwicklungsleiter von IBM holte. Die für 1987 angekündigte Version erschien erst 1989. Hatte das erste 1-2-3 noch weniger als 20.000 Codezeilen, so kam Version 3 mit 400.000 Zeilen. Was Anwender als "Bloatware" abkanzelten, war strategisch gemeint: Das neue 1-2-3 war bereits für OS/2 vorbereitet und sollte unter dem neuen Betriebssytem von Microsoft und IBM seine Stärken ausspielen. Als Microsoft sich von der gemeinsamen OS/2-Entwicklung verabschiedete und 1990 Windows 3.0 herausbrachte, dazu gleichzeitig seine Tabellenkalkulation Excel, war die Marktmacht von Lotus gebrochen: Als 1-2-3 für Windows 1991 erschien, hatte Microsoft bei der Tabellenkalkulation einen Marktanteil von 70 Prozent erreicht und Lotus lag unter 20 Prozent. (anw)