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Vor 30 Jahren: Erste Internet-Mail erreicht Deutschland

Das Internet hat eigentlich immer Geburtstag. Feiern wir darum die E-Mail, für die einen der Niedergang der Briefkultur, für die anderen die wichtigste Erfindung seit dem Faustkeil.

"Wilkomen in CSNET!", schrieb Laura Breeden am 2. August 1984 in der Betreff-Zeile der ersten Internet-Mail, die Deutschland am 3. August 1984 erreichte. Michael Rotert, der als Techniker im Rechenzentrum der Universität Karlsruhe diese Mail erhielt, schickte sie zum Konsolendrucker. So blieb die erste Internet-Mail erhalten, auf Papier, aufbewahrt im Karlsruher Stadtarchiv. Die Festplatte des Mail-Gateways, eine Fujitsu Supereagle mit 400 MB ist noch erhalten, aber nicht mehr lesbar.

Ein Auszug aus der ersten E-Mail, die in Deutschland ankam.

Der Empfänger Michael Rotert ist inzwischen Vorstandsvorsitzender des Internetwirtschaftsverbands eco.

Vor 30 Jahren erschien William Gibsons Neuromancer und prägte das Wort vom Cyberspace, als die erste Internet-Mail aus dem CSNET ihren Weg nach Karlsruhe fand. Natürlich war es nicht die erste E-Mail, denn Mail-Systeme gab es damals schon zuhauf: In der IBM-Welt wurde PROFS genutzt, auf VAX-Rechnern lief P.S.I.-Mail in Decnet-Systemen, im Rahmen des 1982 gegründeten Eunet-Verbundes betrieb die Universität Dortmund einen Rechner, mit dem Unix-Freaks via uucp Mail verschicken und abholen konnten. Auch Gateways waren damals schon bekannt, so gab es etwa den Übergang ins amerikanische Bitnet über das EARN.

Auf der Seite der Bastler und Hobbyisten gab es seit 1983 den Fidonet-Ansatz der Vernetzung, speziell in Deutschland versuchte der Mail-Pionier Günther Leue mit seiner IMCA-Mailbox seit 1982 ins Geschäft zu kommen.

Dennoch kann der Anschluss von Karlsruhe an das CSNET als erste Internet-Mail gelten, weil hier ohne Umsetzung durch ein Gateway die E-Mail ankam, wie dies Ray Tomlinson im Jahre 1971 "erfand", als er die Programme SNDMSG und CPYNET mit READMAIL kombinierte und das @-Zeichen für die Trennung zwischen User- und Hostname nutzte. Historiker werden jetzt einwenden, dass auch Tomlinson Vorläufer hatte, etwa das für UNIVAC-Rechner entwickelte EMISARI-Programm von Murray Turoff.

Mit diesem Programm ließ der US-Präsident Nixon den Nixon-Schock überwachen, als er eine 90 Tage dauernde Lohn- und Preissperre verkündete. Weil sich jedoch alles auf einem einzigen Rechner und einem Backup-System abspielte, wurde EMISARI als "Chat-Programm" eingeordnet, obwohl es asynchrone Mailfähigkeiten besaß: Mitteilungen für abwesende Teilnehmer konnten in eine spezielle Datenbank geschrieben werden.

Was Tomlinson an seiner DEC PDP-10 als erste Mail schrieb, ist unbekannt. "Es wird so etwas wie 'quertyuiop' oder 'Test 1-2-3' gewesen sein", schrieb Tomlinson später an den Historiker Ian Hardy. Fest steht, dass die E-Mail ein durchschlagender Erfolg wurde. Technisch wohl deshalb, weil damals neun der 24 Rechner des CSNET- und Internet-Vorläufers ARPANET PDP-10 waren und an ihnen Tomlinsons Idee sofort nutzbar war.

Die erste E-Mail vom einem Staatsoberhaupts verschickte Königin Elisabeth II. am 26. März 1976.

Außerdem entwickelten sich die Programme sehr schnell weiter, damit das enorme Mail-Aufkommen handhabbar wurde: Der Betreff beziehungsweise die Subject-Zeile wurde erfunden, das selektive Löschen von E-Mail wurde möglich, die "Carbon Copy" gestattete Rundbriefe. Bereits 1975 entstanden die ersten Mailing-Listen "MsgGrp", "Network-Hackers" und "SF-Lovers", prompt von heftigen Abuse-Diskussionen begleitet: Was haben Diskussionen von Science-Fiction-Liebhabern in einem Forschungsnetzwerk zu suchen? Als 1976 die Ordnerstruktur für die E-Mail-Massen eingeführt wurde, machte Mail 75 Prozent des gesamten Netzverkehrs im ARPANET aus.

In diesem Jahr verschickte Elisabeth, Königin von England, als erstes Staatsoberhaupt eine offizielle Internet-Mail vom Militärstützpunkt Malvern und gratulierte den USA zum 200. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung.

Entscheidend für den Erfolg der E-Mail war, dass sie sich in einem Netz entwickeln konnte, in dem sich an Technik interessierte Forscher abseits jeder akademischen Konvention austauschen konnten. Der Schreibstil war sehr informell, Rechtschreibfehler wurden ignoriert, Höflichkeitsfloskeln ebenso. Auch Namenskonventionen wurden ignoriert. Man schrieb an joe@mit.edu und kümmerte sich wenig darum, dass sich hinter dem Mailnamen ein Professor Weizenbaum versteckte. Und da Speicherplatz chronisch knapp war, wurden ständig E-Mails gelöscht, nur sehr wenige ausgedruckt.

"Weil Mail-Nachrichten von der Festplatte gelöscht werden, ist ihr Inhalt von der Geschichte gelöscht worden. Aufgrund des vorübergehenden Charakters kann man nur hoffen, dass elektronisch geführte Diskussionen im kollektiven Gedächtnis ihrer menschlichen Teilnehmer fortdauern. Dieses Gruppengedächtnis führt zu einer Art Folklore ohne jeden überprüfbaren schriftlichen Niederschlag. E-Mail als historische Quelle ist an der Grenze zwischen Schriftkultur und Oral History angesiedelt. Als solche ist sie ein einzigartiges geschichtswissenschaftliches Problem" schrieb Ian Hardy im Jahre 1996.

Im Zeitalter der Terabyte-Speicherpläne der NSA und der Diskussionen über ein Internet, das "nichts vergessen" will, mag solch eine Aussage befremdlich erscheinen. Noch befremdlicher erschien vor 30 Jahren das Ansinnen der Karlsruher Informatiker, ein Mail-System auf der Basis des damals neu eingeführten TCP/IP-Protokolls einzurichten. Deutschland und das Deutsche Forschungsnetz (DFN) träumte damals den OSI-Traum mit staatlich geförderter Forschung in Millionenhöhe. Statt auf chaotisch
geregelter Internet-Mail via TCP/IP wurde auf X.400 gesetzt. So verbreitete sich die Internet-Mail als Initiative der Basis, der Techniker auf der Suche nach pragmatischen Lösungen. In der ersten Mail, die an rotert%germany@csnet-relay.csnet adressiert war, ging es um T-Shirts und Sticker für die Nerds. (Detlef Borchers) / (axk)

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