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Vor 40 Jahren: Ein Kunstkopf für binaurale Stereophonie

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Ein früher Kunstkopf der Georg Neumann GmbH: Vorderansicht...

(Bild: Ralf Bülow)

...und Rückansicht

(Bild: Ralf Bülow)

Heute vor 40 Jahren, am 31. August 1973, öffnete auf dem Berliner Messegelände die 29. Internationale Funkausstellung ihre Tore. 253 Aussteller zeigten dem neugierigen Publikum – insgesamt sollten 600.000 Menschen kommen – nicht nur analoge Videospiele, Waffeleisen-Plattenspieler und Schlüsselanhänger-Radios, sondern auch diverse Systeme der Audiovision. Während die Presse diese noch misstrauisch beäugte, entwickelte sich eine andere Audio-Technik aber zu einem Hit der Ausstellung: die binaurale oder Kunstkopf-Stereophonie.

In einem verglasten Pavillon, der in einer der Messehallen stand, konnte eine begrenzte Zahl von Interessierten Platz nehmen, Kopfhörer aufsetzen und eine fünf Minuten lange Tonaufzeichnung anhören, deren Lebensechtheit alles übertraf, was man bislang von Stereoaufnahmen kannte. Es handelte sich nur um ein Gespräch zwischen Vater und Sohn, doch ließen sich die Stimmen der beiden exakt orten und ihre Bewegung durch ein Zimmer verfolgen. Daneben gab es ein ähnlich raumfüllendes Programm mit heiterer Barockmusik. Die Wartezeit für einen der Demoplätze betrug 24 Stunden.

Die naturgetreue 3D-Qualität der Töne lieferte ein Kunstkopf-Aufnahmegerät vom Heinrich-Hertz-Institut Berlin. Die Idee, unterschiedlich ausgerichtete Mikrofone zu verkapseln und damit das menschliche Hören nachzuahmen, war nicht ganz neu. Die Hertz-Spezialisten Ralf Kürer, Georg Plenge und Henning Wilkens hatten sie jedoch perfektioniert und 1969 als "Verfahren zur hörrichtigen Aufnahme und Wiedergabe von Schallereignissen und Vorrichtung zu seiner Durchführung" zum Patent angemeldet.

Wilkens fertigte dann 1972 einen Kopf aus Gips an, in dem zwei KM-83-Mikrofone des Berliner Herstellers Neumann steckten; an die Ausgänge der künstlichen Gehörgänge setzte er Ohrmuscheln aus Kautschuk. Später produzierte die Georg Neumann GmbH die serienmäßigen Kunstköpfe KU 80, KU 81i und KU 100; weitere Anbieter folgten. Die Kopfhörerfirma Sennheiser verbreitete auf Schallplatte binaurale Tracks auf Deutsch und Englisch, die zumindest ein Gefühl von den Präsentationen der Funkausstellung vermitteln.

Am 3. September 1973 strahlte der RIAS Berlin das erste binaurale Hörspiel aus, "Demolition" nach einem Science-Fiction-Roman von Alfred Bester. Die Medien verhießen der neuen Technik eine glänzende Zukunft, und auch der Rundfunk der DDR orderte sie. Einziger Schönheitsfehler war die Tatsache, dass man zum vollen Genuss einer Kunstkopf-Sendung unbedingt einen Kopfhörer benötigte.

Nach und nach wurden andere Schwachstellen registriert, so die oft vermisste Vorne-Ortung. Dabei bündeln sich für den Hörer die Schallquellen neben und hinter dem Kopf, während es vorne ruhig bleibt, ein Phänomen, das durch die Verarbeitung des ungewohnten Kunstkopf-Inputs im Gehirn entsteht. Eine politische Kritik kam 1976 aus dem SPD-regierten Nordrhein-Westfalen: Hier unterstellte die Hörspielabteilung des WDR dem Kunstkopf eine "Indoktrination oder Bemächtigung des Hörers durch die hautnahe Berieselung".

Heute laufen kaum noch binaurale Hörspiele im Rundfunk, die Technik ist aber nicht tot, sondern wird für Audio-CDs mit Naturaufnahmen sowie in der Industrie und der Lärmforschung eingesetzt. In letzter Zeit nimmt das Interesse für die Technik zu, und wer Lust auf Superstereo verspürt, findet es auf YouTube mit den Suchworten "Kunstkopf", "dummy head" oder "binaural". Einfach-Kunstköpfe gibt es im Handel schon für 189 Euro, für Profi-Modelle muss man aber rund 7500 Euro zahlen. (Ralf Bülow) / (jk)

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