Vor 40 Jahren: Wer lebt in welcher Simulation?

Der Fernsehfilm "Welt am Draht" von Rainer Werner Fassbinder gilt als Meilenstein der Forschungsgeschichte. Vor 40 Jahren wurde der Zweiteiler erstmals in der ARD ausgestrahlt.

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Von
  • Detlef Borchers

Barbara Valentin als Gloria Fromm in "Welt am Draht" (1973).

(Bild: Janus Films)

Am 14. und 16. Oktober 1973 strahlte die ARD den Zweiteiler "Welt am Draht" von Rainer Werner Fassbinder aus. Der Film basiert auf dem Roman "Simulacron-3" von Daniel F. Galouye, den Fassbinder zusammen mit Fritz Müller-Scherz adapierte. Er schildert, wie Identitätseinheiten in einem Computer existieren und sich dennoch für richtige Menschen halten. Einem Kybernetiker, der das Simulacron-Projekt betreut, kommen am Ende Zweifel, ob seine Existenz nicht auch simuliert ist und von einer höheren Ebene geschaltet wird.

Der Kybernetiker Mark Holm sitzt am schicken Siemens 4004-Computer und betreut eine simulierte Welt voll ahnungsloser Identitätseinheiten. Nur die Kontakteinheit Einstein im Rechner weiß, das seine Existenz in einer künstlichen Welt verortet ist. Stiller versucht im Stile eines Krimis, den Tod seines Vorgesetzten zu ermitteln und entdeckt Verbindungen zwischen beiden Welten. Einstein, der kurzzeitig in die Realwelt fliehen kann, glaubt nur an eine weitere Simulation.

Trailer der rekonstruierten Fassung von "Welt am Draht" (1973)

Fassbinders Film hat wenig Action und erzählt die Geschichte im Unterschied zum Remake "The 13th Floor - Bist du was du denkst?" sehr ruhig. Neben Fassbinder-Stars wie Gottfried John (Einstein) und Klaus Löwitsch (Stiller) tritt unter anderem Eddy Constantine auf, der den Lemmy Caution in Godards "Alphaville" spielt.

Als Daniel F. Galouye 1964 die wesentlich düstere Vorlage des Filmes veröffentlichte, reagierte das Science-Fiction-Genre mit philosophisch gehaltenen Werken auf die ersten Forschungsansätze zur Künstlichen Intelligenz. Zeitgleich erschien etwa "Summa technologiae" von Stanislaw Lem, in dem ebenfalls virtuelle Realitäten behandelt wurden.

Fassbinders Film wurde sehr selten im Fernsehen gesendet. Erst im Jahre 2010 erschien eine rekonstruierte Fassung des Films. Den Wissenschaftlern, die sich mit der Frage beschäftigen ob wir in einer Computersimulation leben, gilt Fassbinders Adaption als Meilenstein der Forschungsgeschichte. (jkj)