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Vor 50 Jahren: "Luna 9" landete als erste Sonde wohlbehalten auf dem Mond

Wenige Jahre nach der Sputnik-Mission und Juri Gagarins Erstflug schrieb die Sowjetunion 1966 erneut Raumfahrtgeschichte. Eine Sonde landete weich auf der narbigen Oberfläche des Mondes. Vorangegangen war eine schmerzhafte Serie von Misserfolgen.

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Das erste Foto vom Mond, mitgeschnitten am Jodrell-Bank-Observatorium

(Bild: Jodrell Bank Centre for Astrophysics, University of Manchester)

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Das Neue Deutschland zur Landung

(Bild: Staatsbibliothek Berlin)

"Zum ersten Male ist es gelungen, ein Gebilde von Menschenhand, einen Kundschafter menschlichen Erkenntnisdrangs nach wohlberechnetem Flug durch das Weltall sicher auf den Mond zu bringen. Es war das Land Lenins, das diese kolumbische Leistung vollbrachte." So verkündete die wichtigste Tageszeitung der DDR, das Neue Deutschland, am 4. Februar 1966 die erste weiche Landung eines Raumfahrzeugs auf dem Mond. "Gewiß, neue und noch kühnere Taten werden folgen. Doch in den Geschichtsbüchern der Zukunft wird zu lesen sein: Am 3. Februar 1966 hat die Sowjetunion einen wichtigen Pfeiler zu der Brücke gesetzt, die den ersten Menschen sicher zum Monde trug. Wir sind glücklich, mit dem Land in engster Freundschaft verbunden zu sein, das solche Leistungen vollbringt."

Die Eroberung des Mondes war davor lange Zeit eine Geschichte von Pannen – nach dem Start explodiert, bei der Landung zerschellt, im Weltraum verschollen. Doch dann setzte am 3. Februar 1966 setzt um 19.45 Uhr MEZ erstmals ein von Menschen gebautes Objekt unbeschädigt und funktionsfähig auf dem Erdtrabanten auf. Als die sowjetische Sonde "Luna-9" wenig später Signale sendete, war in Moskau der Stolz auf das technische Bravourstück groß. "Der Mond spricht jetzt russisch", rief ein Wissenschaftler begeistert. Die Presse des sozialistischen Bruderstaats DDR meint, die Sowjetunion habe gezeigt, dass ihr die USA keineswegs ebenbürtig sei: "Die erste und führende Macht im Weltraum ist nach wie vor unbestritten und ungeschlagen die Sowjetunion."

Bis dahin war der Mond aber vor allem ein Friedhof für Sonden. Rakete um Rakete schossen Amerikaner und Sowjets in einem kosmischen Wettlauf Richtung Orbit. Doch sie detonierten entweder in der Luft, verfehlten den Mond oder zerbrachen bei der zu harten Landung.

Die Sonde Luna 9

(Bild: NASA)

Am 31. Januar 1966 hob dann die insgesamt eineinhalb Tonnen schwere "Luna-9" vom Weltraumbahnhof Baikonur ab. Drei Tage später bremste der Apparat rund 75 Kilometer über dem Mond. Der 99 Kilogramm schwere Landekörper setzte punktgenau im "Ozean der Stürme" auf. Als sich die Antennen entfalteten, stand die 58 Zentimeter große Sonde wie eine exotische Blume in der Kraterlandschaft. 75 Stunden lang sendete das komplizierte Raumgefährt Messwerte, dann ist die Batterie erschöpft.

Vier Monate später landete die US-Sonde "Surveyor-1" auf dem Mond. Doch trotz vieler Messungen und Fotos und inzwischen sechs bemannter Missionen: "Auch ein halbes Jahrhundert nach der historischen Landung von "Luna-9" ist uns der Mond fremd geblieben", sagt der Forscher Iwan Uschakow der Zeitung Argumenty i Fakty. "Wir haben das Rätsel seiner Herkunft noch nicht gelöst. Manche Fragen konnten wir zwar klären, aber jede neue Mission wirft weitere Probleme auf."

Das vielleicht größte Rätsel ist seit der Landung von Luna-9 gelöst: wie tragfähig die Oberfläche ist. Lange fürchteten Experten in Washington und Moskau, dass der Mond von haushohen Staubschichten bedeckt sein könnte, in denen Astronauten und Raumfähren versinken. Doch die sowjetische Sonde blieb auf federnden Teleskop-Beinen stabil stehen und funkte nach kurzer Zeit Fotos von ihrem Landeplatz zur Erde. Obwohl die Bilder nur eine dunkle Steinwüste zeigten, brachten die Aufnahmen die Wissenschaftler zum Schwärmen. "Das sind die sensationellsten Fotos, die wir je hatten", jubelte etwa Bernard Lovell, damals Chef des britischen Jodrell-Bank-Radioobservatoriums.

Doch der Kreml war zunächst weniger begeistert. Lovell fischte nämlich mit der Parabolantenne die Signale von Luna-9 aus dem Äther und gab die Bilder vom Mond an die Zeitung Daily Express, die die Fotos sofort veröffentlichte – noch vor der sowjetischen Parteizeitung Prawda. Dass englische Zeitungsleser die historischen Aufnahmen früher sahen als die von der Landemeldung aufgeregten Russen, schmeckte der kommunistischen Führung gar nicht. Doch als die Bilder um die Welt gingen und Bewunderung auslösten, beruhigte sich der Kreml.

Doch entgegen der euphorischen Einschätzung des Erfolgs in Moskau blieb Luna 9 einer der letzten großen Meilensteine, den die Sowjetunion vor den Konkurrenten der USA erreichen konnte. Nur gut drei Jahre später betrat erstmals ein Mensch den Mond – der US-amerikanische Astronaut Neil Armstrong.

Mehr als 40 Jahre nach der bisher letzten bemannten Mondlandung 1972 ist der Erdtrabant heute wieder stärker in den Fokus gerückt. Schlagzeilen macht vor allem die Idee eines "Dorfes auf dem Mond", als Forschungsstätte und Zwischenlager für eine bemannte Reise zum Mars. Folgt nach dem Ende der Internationalen Raumstation ISS im Jahr 2024 eine Internationale Mondstation? Der Traum von der Kolonie im Kosmos beflügelt derzeit die Fantasie der Forscher in Ost und West.

"Viele sind heiß auf den Mond", fasst Europas Raumfahrtchef Jan Wörner die internationalen Projekte zusammen. Das "Moon Village" könne ein technologisches Sprungbrett für weitere Missionen sein. "Auf der Mondrückseite haben wir die Möglichkeit, tief ins Universum zu schauen mit einem dort aufgebauten Teleskop", meint der Deutsche. Auch China hat den Trabanten ins Auge gefasst und neben der dort noch aktiven Sonde Chang'e 3 auch Pläne für weitere Missionen zum Mond.

Chang'e 3 und Yutu auf dem Mond (35 Bilder)

Chinas ganzer Stolz
(Bild: Chinese Academy of Sciences/China National Space Administration/The Science and Application Center for Moon and Deepspace Exploration)

Kanadische Experten der University of Western Ontario suchen derweil seit Jahren den Mond mit Spezialgeräten ab. Ihr Ziel: Luna-9. Die Sonde gilt seit ihrer historischen Mission als verschollen und konnte bisher auf keinem Foto der Landeregion ausfindig gemacht werden. Geografie-Professor Philip Stooke hofft, dass einmal eine Aufnahme vom heutigen Zustand des Apparats gelingt. "Luna-9 hat einen bedeutenden Beitrag zur Erforschung des Alls geleistet. Sie gehört zum Erbe der Menschheit", betont er. (mit Material der dpa) /

Russischer Fernsehbeitrag zu Luna 9

(mho)