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Vor 50 Jahren: Sputnik piepst

Der Startschuss für das Wettrennen im Weltall war ein Piepsen. Als die Sowjetunion am 4. Oktober 1957 um 22:28 Uhr mit dem Sputnik den ersten künstlichen Satelliten in eine Erdumlaufbahn schoss, besaß dieser nichts weiter als einen robusten Radiosender. "Erster!", signalisierte das Piepsen den Amerikanern.

Drei Wochen lang funkte der Radiosender im Sputnik sein 4 Sekunden langes Piepsen auf den Frequenzen von 20 und 40 MHz. Dann waren die ihn in Form einer Mutter umgebenden Silber-Zink-Batterien leer und die kleine, 83,6 Kilogramm schwere Kugel mit vier Antennen sauste um die Erde, bis sie am 4. Januar 1958 beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte. Als Reaktion auf den Sputnik starteten die USA ein insgesamt 25,4 Milliarden Dollar teures Forschungsprogramm, das die "Schmach des Sputniks" (so Präsident John F. Kennedy) erst mit der Mondlandung von Neil Armstrong am 21. Juli 1969 ausgleichen konnte.

Passend zum Sputnik-Jubiläum gibt es neue Forschungsberichte zum Weltraumwettrennen. Sie rütteln an der Annahme, dass der Sputnik-Flug für die USA wirklich, wie hier vor fünf Jahren behauptet, ein Schock des Jahrhunderts war, Vieles spricht für die Annahme, dass der "Schock" von den Medien inszeniert wurde. Bereits 1955 hatte US-Präsident Eisenhower eine erdumkreisende "Sonde" angekündigt, die als Beitrag zum internationalen geophysikalischen Jahr 1957/58 fliegen sollte. Die 1,36 Kilogramm schwere Messsonde sollte im Dezember 1957 mit einer Vanguard-Rakete in eine Erdumlaufbahn geschossen werden.

Prompt reagierte man in Moskau und kündigte eine eigene Messsonde an. In Ost wie West wurden diesen Sonden wahre Wunderdinge zugeschrieben. Sie sollten das Wetter erkennen und dabei helfen, den Getreideertrag zu berechnen oder von oben herab Ölreserven finden. Sie sollten Dürrekatastrophen vohersagen, "damit der Mensch rechtzeitig das Vieh verkaufen und wegziehen kann", wie es in einem zeitgenössischen Bericht zu den Sonden für das geophysikalische Jahr hieß – vom heutigen ökologischen Denken war das meilenweit entfernt.

Unter dem geophysikalischen Schirmchen arbeiteten indes die beiden Leitmächte des Kalten Krieges an ihren militärischen Optionen. Viel wichtiger als der Flug des Sputniks war für die Sowjetunion der erfolgreiche Flug der Semjorka getauften Interkontinentalrakete R-7 am 21. August 1957, bei dem allerdings der Gefechtskopf verglühte. Weil das Militär neue Gefechtsköpfe konstruieren musste, weitere Raketenversuche aber im Plan standen, ließ der R-7-Konstrukteur Sergej Pawlowitsch Koroljow in Windeseile einen "Primitiv-Sputnik" bauen, der hochgeschossen werden konnte. Denn auch das seit 1955 geplante Weltraumlabor mit dem Namen "Objekt D" war noch nicht einsatzbereit (es wurde erst am 16. Mai 1958 in eine Umlaufbahn geschossen). Streng genommen wurde auch der Sputnik niemals fertig: Wie der russische Raumfahrtchronist in der FAZ (auf kostenpflichtigem ePaper) berichtet, wollte Koroljow, dass der Satellit irgendein Wort piepst.

Mit der Taufe des ersten Piepsers auf den Namen Sputniks ehrten die Russen Konstantin E. Ziolkowski, den Pionier der Weltraumfahrt. In seinem 1903 erschienenen Buch "Die Erforschung des Weltraums mit Raketenkörpern" hatte Ziolkowski mit der Raketengrundgleichung die theoretischen Grundlagen der raketenbasierten Raumfahrt gelegt. Auf diesen Grundlagen fußten die "Wunderwaffen" der Nationalsozialisten, deren Wissenschaftler später in Ost wie in West das eigentliche Kapitel der Raumfahrt aufschlugen. Heute ist von Ziolkowski wenig mehr als die Inschrift seines Grabsteins bekannt: "Die Erde ist die Wiege des Verstandes, doch der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben".

Was sich wie ein frühes Bekenntnis zu einer bemannten Raumfahrt jenseits der Erdbeobachtung und Mondlandung liest, hat einen vertrackten Hintergrund. Ziolkowski glaubte nicht daran, dass wir Menschen den Weltraum betreten können, sondern dass eine spezielle, biochemisch gezüchtete Elite von Übermenschen geschaffen werden müsste, die er "Engel" nannte (weil der Geschlechtstrieb seiner Ansicht nach die Raumfahrt behindern würde). Diese Überwesen sollten die Erde und ihre unlösbaren Probleme verlassen, nie mehr zu ihr zurückkehren und so die 2. Stufe der Menschheitsentwicklung darstellen. Das Sonnensystem war für Ziolkowski nur ein Kindergarten, den der neue Mensch hinter sich lässt. In seinem Sinne wäre der Sputnik eine erste Wurfübung gewesen und die Biogenetik der nächste Gehversuch.

Zum 50. Jahrestag des Sputnik-Starts gibt es viele Veröffentlichungen und Ausstellungen. In Deutschland muss die Ausstellung der Sternwarte Bochum erwähnt werden. Hier empfing der Hobbyforscher und ehemalige Marinefunker Heinz Kaminski als erster das Piepsen des Sputnik. (Detlef Borchers) / (Detlef Borchers) / (pmz)

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