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Vor 50 Jahren fing alles an: das erste "Elektronenhirn" in Deutschland

Nimrod und Ludwig Erhard

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(Bild: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 Nr. 0014930, 0014861 / Fotograf: Bert Sass)

Am 6. Oktober 1951 arbeitete zum ersten Mal ein elektronischer Computer auf deutschem Boden. Etwa drei Wochen lang war der "Nimrod" der englischen Firma Ferranti der Star der Berliner Industrieausstellung. Der Nimrod war kein universell programmierbarer Rechner, sondern eineSpezialmaschine mit 480 Vakuumröhren für das Spiel Nim. Nimrod war von Ferranti ursprünglich für das Festival of Britain in London gebaut worden. Nach dem Ende des englischen Festivals wurde das "Elektronen-Gehirn" kurzfristig zur Industrieausstellung auf dem Messegelände Charlottenburg geflogen und dort im Britischen Pavillon aufgestellt. Dort spielten Besucher gegen den Rechner und hatten in der Regel keine Chance, wenn sie die Logik von Nim nicht verstanden. So erging es am Eröffnungstag der Ausstellung, dem 6. Oktober 1951, auch dem damaligen Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, der in drei Spielen drei Mal verlor. Bundeskanzler Konrad Adenauer, der ebenfalls zur Eröffnung anwesend war, spielte nicht: Staatslenker gegen Elektronenhirn, das war unvorstellbar. In den drei Wochen seines Deutschlandbesuches war Nimrod zu jeder Messezeit umlagert und musste ständig von einer Truppe der Schutzpolizei bewacht werden, die entlang der Warteschlangen patrouillierte. Im Britischen Pavillon war neben Nimrod noch eine original englische Bar aufgebaut, die Freigetränke ausschenkte. Zum Erstaunen der Engländer fand das Bier kaum Beachtung.

Nimrod kann als der erste Elektronenrechner in deutschen Landen gelten, weil er mit Röhren arbeitete und quasi eigenständig sein Programm ausführte. Die älteren Zuse-Maschinen Z3 und Z4 hatten nur Relais, und eine 1949 von Walter Sprick gebaute Röhren-Multipliziereinheit, die heute im Deutschen Museum steht, war nur ein Zusatzmodul für eine Lochkartenmaschine. Der erste universelle Elektronenrechner in Deutschland war dann vermutlich die G1 der Uni Göttingen, die Ende 1952 ihren Dienst aufnahm.

Wie Nimrod funktionierte, kann mit einem Simulator erkundet werden, der allerdings nur für BeOS verfügbar ist. Vorbild für Nimrod war das Nimatron, ein "Rechenroboter" für das Nim-Spiel, der von der Firma Westinghouse für die Weltausstellung 1939 in New York konstruiert wurde. Diese Weltausstellung, die Walt Disney die Idee für seine Disneylands eingab, gilt noch heute als die fortschrittlichste ihrer Art. Das Nimatron sollte der amerikanischen Durschnittsfamilie Middleton als Rechenhilfe dienen. Jeder Besucher, der gegen das Nimatron spielte, bekam einen Ansteck-Button "I have seen the Future". Der Computerwissenschaftler David Gelernter, der 1994/95 als Rekonvaleszent eines Unabomber-Attentats mit "1939: The Lost World of the Fair" einen bemerkenswerten 'Tatsachenroman' über die Weltausstellung schrieb, bemerkte zum Nimatron: "Es war eine rechnende Haushaltshilfe, die einem Amerika entsprach, das noch an seine Träume glaubte. Doch danach kam der Krieg." Nimrod, der verbesserte britische Nachfolger, war schon dem Namen nach eine Ecke düsterer geraten: Bewusst wählte man bei Ferranti den Anklang an Nimrod, den Erbauer von Babylon, um den "Spielcomputer" vom "richtigen" Computer Mark 1 abzusetzen, den die Firma zur selben Zeit produzierte. Nimrod stahl jedoch dem Mark 1 die Show und ist damit erster Zeuge der beliebten Produktdiversifikation der Computerindustrie.

Schon das Spiel, mit dem das elektronische Computern in Deutschland seinen Anfang nahm, war eine mundgerechte Fiktion. Nim wurde – mitsamt seiner Lösung – im Jahre 1902 vom Harvard-Mathematiker Charles Bouton vorgestellt. Bouton modifizierte nach eigenen Angaben ein altes chinesisches Spiel namens Fan Tan und taufte es mit dem germanischen Namen Nim, der in unserem "Nimm!" weiter lebt. Bouton, der mit dem Spiel den Vorzug des binären Zahlensystems demonstrieren wollte, fand eine einfache (binäre) Formel, mit der ein auf Gewinn stehender Spieler sofort alle Gewinnzüge ermitteln kann. Noch im selben Jahr wies der deutsche Mathematiker Paul Ahrens in der "Naturwissenschaftlichen Wochenschrift" nach, das der Bezug auf Fan Tan schlicht Humbug ist. (Detlef Borchers) /

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