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Vor 60 Jahren: In Kiel arbeitet ein "künstliches Gehirn"

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Das genaue Datum ist unbekannt, und die Lokalzeitung berichtete darüber erst Wochen später, am 3. März 1951 ("Kiel besitzt ein 'künstliches Gehirn' "). Sicher ist aber, dass im Januar 1951 in der Landesbrandkasse Schleswig-Holstein, einer großen Feuerversicherung, das erste in Deutschland gebaute elektronische Rechengerät in Dienst ging. Das Kieler "Gehirn" war noch kein Computer, denn es konnte weder Programme noch Zahlen speichern und lief auch nicht im Dualsystem; seine Leistung bestand im schnellen und störungsfreien Multiplizieren zweier fünfstelliger Dezimalzahlen mit Hilfe von 200 Elektronenröhren.

Spricks Maschine im Deutschen Museum

(Bild: Ralf Bülow)

Das Gerät war 132 cm lang und 50 cm breit und mit Kabeln an eine ältere Lochkarten-Tabelliermaschine angeschlossen, die nur Addition und Subtraktion beherrschte. Die Maschine tastete im Sekundentakt die Karten für die versicherten Gebäude ab und gab die Zahl für den Gebäudewert an den Elektronenrechner weiter. Der multiplizierte sie mit dem amtlichen Index für die Wertsteigerung – das dauerte 1 Hundertstelsekunde – und schickte das Resultat an den Drucker der Tabelliermaschine, der es noch im selben Arbeitstakt zu Papier brachte.

Urheber des Rechners war ein Physiker, der an der Kieler Universität seinen Doktor machte. Er wurde 1909 als Sohn eines Buchhändler in Breslau geboren. Er studierte Mathematik und Physik. 1934 brach er das Studium aus Geldmangel ab; nach einem halben Jahr in einem Hüttenwerk wechselt er zum Nürnberger Radiohersteller TeKaDe, in dessen Fernsehabteilung er bis 1938 tätig war. Danach arbeitete er in Berlin als Patentingenieur und nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs bei der Firma Askania, wo er sich wieder mit Fernsehtechnik befasste.

Walter Sprick

(Bild: HNF Paderborn)

Dort traf Sprick vermutlich den Physiker Werner Rambauske, der von einem Zielverfolgungsgerät für Gleitbomben träumte, das eine TV-Kamera verwendete. Ab Juni 1944 leitete Rambauske das Institut für physikalische Forschung in Bayreuth, und Walter Sprick unterstand das Fernsehlabor. Das Institut war eine Gründung des umtriebigen Nazi-Managers Bodo Lafferentz, es belegte das Nebengebäude einer großen Baumwollspinnerei. Außerdem war es eines der vielen Außenlager des KZ Flossenbürg.

Im Herbst 1944 soll ein Test des Zielgeräts mit Motorbooten geglückt sein, im Krieg wurde es nie eingesetzt. Von den 85 KZ-Häftlingen, die Zwangsarbeit leisteten, kam niemand in Bayreuth zu Tode, 11 starben aber außerhalb des Lagers, vor allem nach seiner Auflösung im April 1945. Nach allem, was man weiß, hat sich Walter Sprick nichts zuschulden kommen lassen, er war auch kein Mitglied der Nazipartei. Während sich Rambauske (NSDAP-Mitglied Nr. 6431406) in die USA absetzte, wo er es bis zum Physikprofessor brachte, kehrte Sprick nach Westfalen zurück und arbeitete als technischer Berater.

1947 erschien sein 92 Seiten starkes "Austausch-Röhren-Lexikon" in Bielefeld. Im Herbst des gleichen Jahres trat Sprick eine Assistentenstelle in der Kieler Uni an. Spätestens im Sommer 1949 begann er die Entwicklung des Rechners für die Landesbrandkasse, und zusammen mit dem Physikstudenten Hans Hoffmann stellte er ihn im Januar 1951 fertig. Vom Einsatzprinzip erinnert die Sprick-Maschine an den fünf Jahre älteren elektronischen Multiplizierer IBM 603, der ebenfalls Lochkarten-Hardware beim Rechnen half.

1952 nahm die Landesbrandkasse eine Zweitversion der Maschine in Betrieb, die Schüler und Studenten nach den Sprickschen Schaltplänen zusammenbauten. In den frühen 1960er-Jahren mietete sie eine IBM 1401 und schenkte den alten Elektronenrechner dem Deutschen Museum in München, wo er seit 1988 in der Informatikabteilung steht. Den Nachbau kaufte eine Kieler Heizungsfirma, die ihn nach einigen Jahren entsorgte.

Anfang 1951 erhielt Walter Sprick einen Vertrag von der Frankfurter Filiale des US-Technologiekonzerns Remington Rand, um auch hier einen Rechner zu entwickeln. Die Beziehung endete vor Jahresfrist, im Januar 1952 zog Sprick nach Böblingen um und fing bei der IBM Deutschland GmbH an. In seiner kurzen Frankfurter Zeit beschäftigte er als Hilfskraft den jungen Heinz Nixdorf, der ab 1952 – aus der Ferne von Sprick unterstützt – seinen ersten elektronischen Rechenapparat für die RWE baute.

1953 fand Walter Sprick seine Lebensstellung im neu gegründeten IBM-Entwicklungslabor. Hier befasste er sich unter anderem mit der Erkennung handgeschriebener Ziffern und Buchstaben. Am Ende gab die IBM einem in den USA erfundenen Verfahren den Vorzug. In den 1960er-Jahren brachte sie meterlange Geräte heraus, die Papiere im A4-Format lesen konnten. Nach 22 IBM-Jahren ging Walter Sprick 1974 in den Ruhestand. 1989 starb er in Sindelfingen. (anw)

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