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Vor 60 Jahren: Ur-Computer Harvard Mark I offiziell gestartet

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Am heutigen Samstag vor 60 Jahren wurde IBMs Automatic Sequence Controlled Calculator (ASCC), besser bekannt unter dem Namen Harvard Mark I, offiziell in den Betrieb genommen. IBM-Präsident Thomas Watson schenkte den Rechner, dessen Entwicklung 500.000 Dollar gekostet hatte, der Harvard-Universität mit der Hoffnung, dass beide Seiten vom Projekt profitieren. Für IBM machte sich die Schenkung bezahlt, konnte die Firma doch basierend auf den Erfahrungen mit Mark I und den Folgemodellen den Umbau vom Lochkarten-Systemhaus zum Computerkonzern einleiten.

Zum Zeitpunkt der Übergabe rechnete das 15 Meter lange und 2,50 Meter hohe Ungetüm aus 760.000 Einzelteilen bereits rund um die Uhr für die US Navy, die Feuer- und Flugtabellen brauchte. Der Computer beschäftigte sich vor allem mit sphärischen Bessel- und Hankel-Funktionen. Seine berühmteste Berechnung war wohl die Flugbahn und der Zündzeitpunkt der Atombombe, die am 9. August 1945 Nagasaki traf. Mit wenigen Tagen Standzeit lief der Harvard Mark I ununterbrochen bis zur Abschaltung und Verschrottung im Juli 1959.

Der Harvard Mark I wurde vom Physiker Howard Aiken konstruiert, der damals bei der US-Marine diente und später Professor für angewandte Mathematik in Harvard wurde. Aiken beschäftigte sich mit maschinellen Lösungen von Differentialgleichungen und durfte bei der IBM ein Rechenwerk unter der Bedingung bauen, nur Standardbauteile der Lochkartentechnik zu verwenden. Er experimentierte unterstützt von IBMs Superhirm James Bryce mit dekadischen Zahlrädern, elektrischen Kupplungen und Lochkartensteuerungen. Der Mark I rechnete am Ende parallel-dezimal mit 72 Addierwerken, die 23 Dezimalstellen hatten. Sie speicherten und addierten die Zahlen, für Multiplikation und Division gab es zusätzliche Einheiten. Als Kurzzeitspeicher dienten Relaisketten, die Ausgabe erfolgte über Lochkarten und elektronische Schreibmaschinen. Für die Programmeingabe wurde ein Lochstreifen mit 24 Spuren eingesetzt.

Der Harvard Mark I war damit ein mechanisch-elektrischer Computer, nicht unähnlich dem Gewerk, das Konrad Zuse als Z1 zusammen baute. Eine andere Gemeinsamkeit: Zuse wie Aiken erfuhren beide erst nach der Fertigstellung ihrer Rechner von der analytischen Maschine des Charles Babbage, die mit 8000 Teilen auskam. Beide Pioniere erkannten die Maschine als ihren Erfindungen überlegen an, auch wenn sie erst in jüngster Zeit gebaut werden konnte.

Programmiert wurde Mark I zunächst von drei Personen, von denen die erste Programmiererin, Grace Hopper später (als Erfinderin des Compilers und Entwicklerin des Cobol-Vorläufers Flow-Matic) Berühmtheit erlangte. Hopper wurde als Mathematik-Professorin im Rahmen des WAVES-Programm (Women Accepted for Voluntary Emergency Service) in die US-Marine aufgenommen, obwohl sie mit 34 Jahren eigentlich -- anders als der sechs Jahre ältere Aiken -- von den Musterungsbehörden abgelehnt wurde. Computer, so wurden damals junge Typistinnen genannt und gesucht, die an Rechenmaschinen endlose Zahlenkolonnen für die Marine interpolierten. Hopper schrieb zusammen mit der 21-jährigen Ruth Brendel die Programme für Berechnungen, die die Navy brauchte und verfasste – gegen ihren Willen auf Befehl von Aiken – die Bedienungsanleitung des Harvard Mark I, die aus 561 eng beschriebenen Seiten besteht.

Im Jahre 1947 irrte sich Howard Aiken gründlich, als er in einer Rede über Harvard Mark I und die Zukunft der Computer den berühmten Satz von sich gab: "Only six electronic digital computers would be required to satisfy the computing needs of the entire United States." (Detlef Borchers) / (mw)