Vor 75 Jahren: Der Volksempfänger VE301 wird vorgestellt

Mit dem vergleichsweise billigen Radiogerät wurde eines der ersten Ziele der nationalsozialistischen Diktatur proklamiert, demzufolge jeder Volksgenosse ein Rundfunkgerät besitzen müsse, um die Worte des Führers hören zu können.

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  • Detlef Borchers

Heute vor 75 Jahren wurde auf der 10. Berliner Funkausstellung der Volksempfänger VE301 der breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Mit dem vergleichsweise billigen Radiogerät wurde eines der ersten Ziele der nationalsozialistischen Diktatur proklamiert, demzufolge jeder Volksgenosse ein Rundfunkgerät besitzen müsse, um die Worte des Führers hören zu können.

Der bereits in der Weimarer Republik von Otto Griessing entwickelte Volksempfänger, der den Tag der Machtergreifung als Seriennummer 301 feierte, war ein einfaches Rundfunkgerät, das für den staatlich festgelegten Preis von 76 Reichsmark verkauft werden sollte. Am 28. April 1933 schlossen 28 Radioempfänger produzierende Firmen einen Vertrag zum Absatz von Rundfunkgeräten und verpflichteten sich zur Produktion des Volksempfängers, wobei die meisten jüdische Firmen ausgeschlossen wurden. (Diese Firmen wurden mit einem Gesetz am 1. September 1939 enteignet, das Juden den Besitz von Radiogeräten und allen Deutschen das absichtliche Abhören ausländischer Sender verbot). Zusammen mit der Selbstverpflichtung der Firmen wurde der Selbstbau von Radiogeräten verboten, wie er vor allem in der Arbeiterrundfunkbewegung propagiert wurde.

In den ersten beiden Produktionsjahren verkaufte sich der Volksempfänger sehr gut, da er weniger als die Hälfte eines handelsüblichen Modells kostete. Die Zahl der Rundfunkhörer stieg von 4,2 Millionen im Jahr 1932 (als der Rundfunk noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten "gleichgeschaltet" wurde) auf 12,5 Millionen im Jahr 1939. Danach schwächelte der Verkauf. Radiohändler, die ihren Kunden leistungsfähigere Empfangsgeräte empfahlen, konnten von nationalsozialistischen Testkäufern angezeigt werden. Insgesamt wurden 830.000 Volksempfänger der ersten Serie produziert.

Die deutsche Rundfunkgeschichte begann bereits am 29. Oktober 1923 als "Radio on Demand", als um 20:00 Uhr die erste Sendung des "Wirtschaftsrundspruchdienstes" ausgestrahlt wurde. Die ersten Rundfunkgeräte kosteten 500 Reichsmark und waren auf die Frequenz dieses Spruchdienstes eingestellt und plombiert, das Verstellen war verboten. Die monatliche Abonnementsgebühren begannen bei 75 Mark. Parallel zu diesem Demand-System begannen findige Bastler in ganz Deutschland, Sende- und Empfangsgeräte zu bauen, mussten sich aber in Vereinen zusammenschließen, die eine "Audion-Versuchserlaubnis" bekamen und zunächst auch senden durften. Der Dichter Bertolt Brecht spöttelte über die damalige Situation: "Nicht Rohstoff wartete aufgrund eines öffentlichen Interesses auf Methoden der Herstellung, sondern Herstellungsmethoden sahen sich angstvoll nach einem Rohstoff um. Man hatte plötzlich die Möglichkeit, allen alles zu sagen, aber man hatte, wenn man sich überlegte, nichts zu sagen. Und wer waren alle?"

In der Anfangsphase des Rundfunks wurde er nicht als Propagandainstrument gesehen. 1925 erklärte ein kommunistischer Abgeordneter einem sympathisierenden Radiohändler im Reichstag "Deinen Radioladen werden wir zerschlagen, du hältst die Genossen nur von der Parteiarbeit ab." Ähnlich rabiat gingen die Nationalsoziaalisten gegen Radioläden und den "Systemrundfunk" vor. Die Situation änderte sich erst 1930, als die staatliche Reichsrundfunkgesellschaft RRG gegründet wurde und diese durch einen Erlass die "Stunde der Reichsregierung" installierte, bei jeden Abend ein Minister der Reichsregierung zum Volke reden durfte, was alle Radiosender pflichtgemäß übertragen mussten. Joseph Goebbels gehörte zu den ersten, der die Chancen erkannte und die systematische Ausbildung nationalsozialistischer Radiojockeys forderte. "Nur nicht langweilig werden. Nur keine Öde. Nur nicht die Gesinnung auf den Präsentierteller legen. Nur nicht glauben, man könne sich im Dienste der nationalen Regierung am besten betätigen, wenn man Abend für Abend schmetternde Märsche ertönen lässt."

Der von den Nationalsozialisten geförderte Volksempfänger VE301 machte aus dem Volk ein Volk der Radiohörer, aber auch ein Volk der Hörer und Denunzianten. Wer den bis 1939 sendenden "Freiheitssender 29,8" aus Madrid hörte, wer Beromünster eingestellt hatte oder Londons BBC mit ihrem "Deutschen Dienst", der übte sich im passiven Widerstand. Ab 1939 musste ein roter Zettel an jedem Volksempfänger, jedem Radiogerät kleben: "Denke daran: Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes." Bis zum Ende der Diktatur sollen (je nach Quellenlage) 4000 bis 5000 Menschen wegen des Abhörens von Feindessendern verurteilt worden sein, darunter 11 Todesstrafen, die verhängt wurden, wenn das Verfahren von Radio-Sondergerichten zu Volkskammergerichten abgegeben wurden. (Detlef Borchers) / (jk)