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WM-Tickets: Bitte nicht knicken ...

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Der Confederations Cup als Testlauf zur Fußball-WM in deutschen Landen ist vorbei -- Brasilien empfahl sich auch als möglicher künftiger Weltmeister, für die deutsche Mannschaft verlief die Veranstaltung nicht ganz so erfolgreich. Der letzte große Test der Technik, der erstmalige Einsatz von RFID-Chips in den Einlasstickets, ging dagegen reibungslos über die Bühne -- sieht man einmal davon ab, dass die Fußballfans angesichts eines heranziehenden Gewitters auch abseits der Hightech-Schranken wie gewohnt mit Kartenabriss ins Stadion geschickt wurden. Als größtes Problem entpuppte sich dabei die Neigung der Fans, Tickets an eine Pinwand zu heften. Wurde dabei der Chip des WM-Sponsors Philips getroffen oder die eingedruckten Antennenbahnen beschädigt, so gab es an der Einlassschranke ein Problem. "Ticket beinhaltet Chip -- nicht knicken" muss darum für die WM um eine Warnung vor Pinwänden ergänzt werden.

Welchen Vorteil die RFID-Technik bringen soll, wurde allerdings nicht so recht deutlich. Auch Barcodes oder Magnetstreifen können beim Einlass mit vergleichbarer Geschwindigkeit im Bruchteil einer Sekunde gelesen werden. Nennen wir es also die Macht der Sponsoren: Sie bewirkt, dass Tickets zunächst nur mit der Mastercard bestellt werden konnten; sie bewirkt auch, dass die AOL-Arena zum Wettstreit der Nationen zum antik anmutenden Volksparkstadion umgetauft wird, damit die Rechte von Yahoo gewahrt bleiben. Sie bewirkt, dass ahnungslose Audis, Phaetons und Mercedesse vollgepflastert mit Werbung für Hyundai durch die Gegend fahren, weil es einfach nicht genug Hyundai-Fahrzeuge gab. Sie bewirkt vor allem einen Aufschwung der Klebemittel-Branche: Der Aufwand, mit welchem auf Kühlfahrzeugen und Schenken Namen sowie Logos der lokalen Brauererien abgedeckt werden müssen, damit die amerikanische Marke Anheuser-Busch zum Tragen kommen kann, grenzt an Wahnsinn.

Betroffen sind möglicherweise auch Journalisten ohne Toshiba-Laptops, wenn der Computer-Sponsor der WM ähnlich rabiat wie die anderen Sponsoren vorgehen sollte. Vorbilder gibt es ja: Zu den olympischen Spielen zeigte Hauptsponsor IBM, wie man unerwünschte Dell- oder Apple-Logos auf Laptops unter IBM-Stickern verschwinden lässt. Zur WM-Vorbereitung wartete Toshiba mit einem batteriebetriebenen LED-Projektor von der Größe eines Big Mäc auf (um noch einen Sponsor zu nennen), mit dem Journalisten oder Geschäftsreisende ihre Bilder "on the fly" in Postergröße auf die nächstgelegene Wand oder Decke projizieren können.

Die beim Confed Cup akkreditierten Sport-Journalisten klagten eher über die beengten Räumlichkeiten der Pressekonferenzen denn über verklebte Laptops und nicht funktionierende Technik. Erstmals gab es eigens für sie innerhalb des Stadions ein eigenes WLAN mit schnellen Servern in Spielfeldnähe und mehreren Gigabit-Switches von Extreme Networks -- das Netz wurde dann besonders von den Fotografen genutzt. Innerhalb von zwei Minuten soll ein hochauflösendes Foto verschickt werden können, so die Minimalanforderung an die Techniker von Avaya Tenovis. Das Ziel sei erreicht worden, erklärte Cheftechniker Doug Gardner in seinem Blog. 8 Terabyte Daten wurden aus den Stadien verschickt.

Avaya stellte bereits bei letzten WM 2002 in Korea und Japan für 50 Millionen Dollar die Kommunikationstechnik der FIFA. Beim Confederations Cup versorgte die Firma lediglich 5000 Journalisten mit Telefonanschlüssen. Dennoch registrierte man stattliche 50.000 Anrufe, die via IP-Telefonie abgewickelt wurden. Zur WM 2006 werden 115.000 Journalisten erwartet. Insgesamt soll das Datenaufkommen auf 200 Terabyte ansteigen, verursacht durch Webservices, die zur WM 2002 praktisch keine Rolle gespielt hätten, erklärte Gardner vor Journalisten. Neu sei auch der große Bedarf an Videokonferenzen, etwa zwischen Sportstätten und den FIFA-Hotels. Wer früher ins Stadion fuhr, um eine Frage zu klären, melde heute lieber eine Videokonferenz an.

Nicht alles, was zur WM versprochen worden ist, funktionierte schon beim Confederations Cup. Das zeigte sich gerade in Frankfurt, das zum Endspiel mit einem Wolkenbruch überraschte, der den Verkehr fast zum Erliegen brachte. Da wünschte man sich schon die "innerstädtische Dynamisierung" herbei, wie der neue WM-Verkehrslenkfunk genannt wird, der von Navi-Geräten und Radios der neuesten Generation unterstüzt werden soll. Doch dieser Service geht erst im nächsten Jahr auf Sendung. So blieb es beim Stau auf allen Wegen: Die Deutsche Bahn AG, als "nationaler Förderer der WM 2006" ein weiterer Großsponsor der Balltreter, zeigte sich solidarisch und ließ die Züge wegen eines Stellwerkschadens nur mit großer Verspätung fahren.

Zur Technik, zu Sicherheitsvorhaben und zum Datenschutz rund um die WM 2006 siehe auch:

(Detlef Borchers) / (jk)