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WOS 4: Citizendium soll bessere Wikipedia werden

Larry Sanger, einer der Gründer der Wikipedia, hat aus Frust über die "Amateurausrichtung" der Netz-Enzyklopädie eine Abspaltung vorgeschlagen, die klassische Redaktionsprozesse und mehr Akademiker in das Projekt einbinden soll. In der Wikipedia gebe es zahlreiche gute Artikel, betonte Sanger auf der Wizard of OS 4 (WOS 4) in Berlin am heutigen Freitag. Das Experiment zur Wissenssammlung funktioniere aber nicht mehr, woran vor allem "politische", dem System innewohnende Probleme Schuld seien. "Es ist daher besser, eine neue Gemeinschaft zu gründen", gab der Philosoph auf der Konferenz als Parole aus. Der von ihm angestoßene Ableger, in dem ein anonymes Verfassen von Beiträgen nicht mehr gestattet ist, soll auf den Titel "Citizendium" hören und ein "Kompendium von Allem" darstellen. Der Betatest startet laut Sanger Ende des Monats.

Sanger kam gemeinsam mit Jimmy Wales im Jahr 2000 nach eigenen Angaben auf die Idee, "den Millionen Intellektuellen im Internet" Anstöße und technische Mittel für die Erstellung eines großen Online-Nachschlagewerks auf Basis des "Open-Source-Hackerprinzips" zu liefern. Sie arbeiteten dabei zunächst an dem Enzyklopädie-Projekt Nupedia. Ziel war es, mit Hilfe eines aufwendigen "Peer Review"-Verfahrens über den Einbezug ausgewiesener Fachleute ein qualitativ sehr hochwertiges Wissensverzeichnis zu schaffen. Mehr zum Spaß, wie Sanger betonte, setzten die beiden Vordenker parallel die Wikipedia auf, die "dem Hackergeist stärker entsprach" und keine Restriktionen bei der Beteiligung an der Artikelerstellung vorsah. Doch während das "Nebenprodukt" wuchs und gedieh, fanden sich kaum Autoren für Nupedia. 2003 endete das Vorzeigeprojekt im digitalen Nirvana.

Aufgrund von Streitigkeiten mit Wales über den Kurs von Wikipedia, kehrte Sanger dem wuchernden Testballon den Rücken zu. Gleichzeitig verwandelte er sich in einen der größten Kritiker des Projekts, in dem er "nur die Hälfte meiner Konzeption bewahrt" sieht. Hauptproblem bei Wikipedia ist seiner Ansicht nach die Anonymität. Diese "ziehe Leute an, die das Projekt unterlaufen wollen", beschrieb er in Berlin das in einen "unendlichen Missbrauchskreis" mündende "Troll-Problem". Viele Akademiker könnten sich daher nicht für eine Mitarbeit bei Wikipedia erwärmen. Die jetzigen Macher der Kollaborationsplattform würden den "Amateurismus" sogar unterstützen, was für eine Enzyklopädie der falsche Ansatz sei. Es gebe zwar Reformansätze, streifte Sanger kurz die Bemühungen um die Markierungen "exzellenter" und "guter" Artikel oder die geplante Etablierung "stabiler Versionen". Die Kernprobleme würden aber damit nicht aus dem Weg geräumt, nicht einmal offen zugegeben. Ein "Fork" sei daher nicht nur "rechtlich erlaubt", sondern auch "moralisch empfohlen".

Beim Citizendium will Sanger nun "die Tugenden der Wikipedia bewahren" und die Hürden für eine Mitarbeit möglichst gering halten. Gleichzeitig hofft der unzufriedene Geist jedoch, etwa über die Editierbarkeit der eingestellten Beiträge nur bei Angabe eines Klarnamens nebst funktionaler E-Mail-Adresse eine "Verantwortungskultur" zu etablieren. Redakteure sollen zudem Streitigkeiten zwischen "normalen Autoren" schlichten und verhindern, dass einzelne Artikel zu persönlichen Spielplätzen einzelner Antagonisten oder Protagonisten werden. Dafür können sie Beiträge in eine Kategorie "verbesserter Qualität" bringen, führte Sanger das neue Konzept aus. Auseinandersetzungen darüber müssten in gesonderten Arbeitsgruppen behandelt werden. Eine reine "Expertpedia" strebe er aber keineswegs an. Redakteursstatus kann dem Plan nach jeder erhalten, der "gewisse Anforderungen erfüllt und Zeugnisse dafür auf seiner Nutzerseite dokumentiert".

Darüber hinaus soll das Citizendium laut Sanger eine Charta erhalten, die "kurz und recht vage" die wichtigsten Regeln für die Mitarbeit beschreibt. "Wachtmeister" sollen auf die Einhaltung der Grundprinzipien achten, bezeugte Sanger seine Ordnungsliebe für den "experimentellen Arbeitsraum". Zur Neuausrichtung gehöre auch die Einberufung eines Beirats. Mit großem Interesse an dem Bürgerkompendium bei Individuen, Forschern, Stiftungen und Unternehmen sei auf jeden Fall zu rechnen. Das Projekt selbst will Sanger genauso wie Wikipedia von einer unabhängigen Stiftung betrieben wissen. Ob textbasierte Sponsorenhinweise in Beiträge eingebaut werden, müsse die Gemeinschaft entscheiden.

Konkret sollen in einem ersten Schritt nun die gesamten Artikel des direkten englischsprachigen Vorläufers unter Beibehaltung der GNU Free Documentation License (FDL) in das Citizendium überführt und nach und nach überarbeitet werden. Der Prozess soll von monatlichen persönlichen Treffen in einem halben Dutzend US-Städten begleitet werden. Darüber hinaus will Sanger auch so schnell wie möglich die Internationalisierung des Projekts vorantreiben. Daher habe er die WOS als Ort für seine Ankündigung gewählt, um sogleich direkt die zweitgrößte Wikipedia-Community mit seinem Ansinnen zu konfrontieren. Vertreter der deutschen Gemeinde zeigten sich in ersten Reaktionen aber skeptisch. "Es ist besser, an der Verbesserung des Bestehenden zu arbeiten", erklärte Martin Haase, Linguistikprofessor in Bamberg und Vorstandmitglied im Verein Wikimedia Deutschland, der die deutsche Ausgabe der Wikipedia betreut. Studien würden auch belegen, dass die meisten Autoren der freien Enzyklopädie schon über einen hohen Bildungsabschluss verfügen würden. Die Ausgangsvoraussetzungen für eine weitere Blüte des Projekts seien gut.

Zur Wizards of OS 4 siehe auch

(Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (pmz)

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