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WWW-Erfinder "zunehmend besorgt" über Kontrollverlust und Fake News

Tim Berners-Lee hat zum "28. WWW-Geburtstag" drei große Herausforderungen für das Hypertext-Medium skizziert. Vor allem die Datensammelwut und die Verbreitung von Falschinformationen machen dem Physiker Sorgen.

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Tim Berners-Lee

(Bild: dpa, Martial Trezzini/Archiv)

Vor 28 Jahren hat Tim Berners-Lee am Genfer Kernforschungsinstitut CERN seine Grundidee für das World Wide Web (WWW) umrissen. Er habe sich das Hypertext-Medium als offene Plattform vorgestellt, über die alle Informationen grenzüberschreitend austauschen und zusammenarbeiten könnten, schreibt der Leiter des World Wide Consortium (W3C) in einem Rück- und Ausblick. In vielerlei Hinsicht habe das Web diese Vision verwirklicht. In den vergangenen zwölf Monaten sei er aber "zunehmend besorgt" geworden, dass die Entwicklung insbesondere an drei Punkten nicht mehr richtig verlaufe.

"Wir haben die Kontrolle über unsere persönlichen Daten verloren", beklagt der Physiker und Informatiker an erster Stelle. Schuld daran sei vor allem das gegenwärtig gängige Modell, Gratisdienste im Web zu nutzen im Austausch für die eigenen personenbezogenen Informationen. Die damit einhergehende Datensammelei habe dazu geführt, dass Firmen und Regierungen "verstärkt jede unserer Handlungen online beobachten". Dazu kämen oft "extreme Gesetze, die unser Recht auf Privatheit mit Füßen treten". Diese brisante Mischung gefährde nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern könne in autoritären Regimes auch dazu führen, dass Blogger verhaftet oder getötet und politische Gegner überwacht würden.

Der Web-Begründer reibt sich weiter daran, dass immer mehr Nutzer Nachrichten und Informationen "nur noch über eine Handvoll Social-Media-Seiten" und große Suchmaschinen bezögen, auch wenn Forscher dies zumindest für Deutschland in Frage stellen. Dazu kämen Algorithmen, die persönliche Daten auswerteten und darauf ausgerichtete Inhalte anzeigten. Krude Big-Data-Analysten und ihre Thesen sowie "Armeen von Bots" täten das Übrige, sodass sich Falschmeldungen teils "wie ein Buschfeuer" ausbreiten könnten. Vor allem die Werbe- und Lobbybranche habe gelernt, das auszunutzen, was sich etwa im US-Wahlkampf 2016 gezeigt habe.

Angesichts derlei "komplexer Probleme" sieht Berners-Lee zunächst vor allem große Plattformbetreiber wie Google oder Facebook gefordert. Diese müssten ihre Bemühungen gegen Klickhascherei verstärken sowie ihre Algorithmen transparenter machen und entlang zu rechenbarer Prinzipien ausrichten. Nur so könnten Wahrheitsministerien vermieden werden. Übers Ziel hinausschießende Überwachungsgesetze müssten notfalls gerichtlich bekämpft, mehr alternative Geschäftsmodelle wie Abonnements und Micropayments getestet werden. Die von dem Briten 2009 ins Leben gerufene Web Foundation werde gemeinsam mit dem W3C an weiteren Lösungen im Rahmen ihrer neuen 5-Jahres-Strategie arbeiten. (vbr)

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