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Wahlkampf 2.0: Von Obama lernen?

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Die vielfach für ihre technische Innovationskraft gelobte Kampagne von Barack Obama, die dem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten durch die Mobilisierung vor allem junger Wählergruppen über soziale Netzwerke und neue Medien zum Sieg in den Vorwahlen verhalf, sehen Medienexperten hierzulande kritisch. Der Schwarzamerikaner habe sich zwar an der klaren Favoritin Hillary Clinton vorbei "zum Hoffnungsträger" hochstilisiert, sagte Hans-Ulrich Jörges aus dem Berliner Büro des Stern am heutigen Dienstag auf dem Kongress der Medienwoche Berlin-Brandenburg. Er "grusele" sich aber vor der "manipulativen Seite" des Wahlkampfs Obamas. Es sei insgesamt wohl rund eine Milliarde US-Dollar durch Spenden akquiriert worden. Aber "das Interaktive" an der Kampagne sei "unterentwickelt" gewesen und die Menschen "an den traditionellen Medien vorbei" gleichsam "verführt" worden.

Hauptkritikpunkt des Politikjournalisten war, dass auf diese Weise "die Kommentierung und Einordnung" des Geschehens durch Presse, Fernsehen und Radio weitgehend gefehlt habe. Ulrich Deppendorf, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, sah die Sache ähnlich und spürte ebenfalls eine "ungeheure manipulative Kraft" hinter der Mobilisierungsmacht des vergleichsweise jungen Senators aus Chicago. Bis auf das Wort "Change" habe Obama bislang letztlich aber noch wenig Inhalte verkündet, sodass der Herausforderer der Republikaner, John McCain, mit seiner frisch nominierten jungen Vizekandidatin Sarah Palin – die ihre ganz eigenen Probleme zu haben scheint – noch "keineswegs verloren" habe.

John Della Volpe vom Institute of Politics an der Harvard-Universität hatte zuvor herausgestellt, wie geschickt Obama junge US-Amerikaner angesprochen und etwa für die Spendenakquise eingespannt habe. Videos des Aufsteigers bei YouTube seien bis zu 17 Millionen mal abgerufen worden. Der Manipulationsthese wollte sich der Politologe denn auch nicht anschließen. Die Kampagnenmitstreiter hätten das Gefühl, Bestandteil des Wahlkampfs zu sein mit speziellen Aufgaben wie dem Klinkenputzen oder der Beobachtung des politischen Gegners. Es sei "brillant", wie die Obama-Manager dabei einen Top-Down-Ansatz mit einem von der Basis entstehenden "Grassroots"-Gefühl verbinden würden.

"Bei Obama funktioniert der Rückkanal", ergriff auch Mercedes Bunz, Chefredakteurin von Tagesspiegel Online, Partei für den Demokraten. Insgesamt habe sein Ansatz das Gefühl, "wer den Präsidenten macht, vom Kopf auf die Füße gestellt". Das beziehe sich nicht nur auf das Sammeln des Wahlkampfgeldes, dank dem im Gegensatz zu bisher nicht nur reiche Leite eine Chance auf den Präsidentschaftsposten hätten. Die einbezogenen Aktivisten würden insgesamt das Gefühl entwickeln, "das ist mein Kandidat". Die Politik müsse auch hierzulande zusehen, wie sie derart nah an die Bürger herankomme.

Die Kritik an der Nutzung des Internet im Wahlkampf und im Politikalltag in Deutschland einte die Runde wieder. "Es fehlen Partizipationsmöglichkeiten und Angebote der Parteien, sich politisch zu engagieren", klagte Markus Beckedahl, Blogger bei Netzpolitik.org. Der Video-Podcast von Bundeskanzlerin Angela Merkel etwa weise "Null Interaktivität" auf, die halbe Ministerriege lasse sich das Internet vermutlich noch ausdrucken. Generell müsse die auf Soundbites konzentrierte "Talkshow-Kultur" richtigen übers Internet mit geführten Debatten weichen. Auch Deppendorf sah die hiesigen Parteien zu stark in ihren "festen Strukturen" verhaftet, in denen man immer noch "die Ochsentour" nach oben machen müsse.

Die klassischen politischen Institutionen "fürchten sich vor den Usern", meinte Jörges gar festgestellt zu haben. "Sie reden von oben herunter, lassen nicht zu, dass sich von unten etwas entwickelt." Als Negativbeispiel führte er das CSU-Portal an, auf dem man sich gerade noch das Lied "Stolz auf Bayern" anhören, Flipper spielen und sich den Wecker für den Wahltag stellen lassen könne. Mehrwert würde es dagegen bieten, wenn die Parteimitglieder ihren Spitzenkandidaten für die nächste Wahl übers Internet selbst auswählen könnten. Dies hätten die Sozialisten in Frankreich bereits vorexerziert.

Oliver Röseler, Online-Stratege der CDU, hielt den Vorschlägen entgegen, dass man die Christdemokraten im Netz nicht "in Viva-Qualität" zeigen könne. Auch die Nutzer der Online-Angebote der CDU seien in der Mehrzahl über 50 Jahre alt. Wenn sich über 200.000 Leute einen Podcast ansehen und sich mit der vermittelten Politik auseinandersetzen, sei das auch eine gute Sache. "Wenn ein 54-jähriger Politiker plötzlich was ins Internet stellt, kommt das teilweise unglaubwürdig rüber", räumte auch Björn Böhning von der SPD ein. Aber so seien die Spitzenpolitiker der Volksparteien eben einmal. Die Breitenwirkung von Seiten wie meinespd.net sei jedenfalls noch ausbaubar. Letztlich würden sich an dortigen Debatten derzeit immer nur die gleichen Leute beteiligen. Trotzdem sprach Della Volpe die Hoffnung aus, dass es bald schon nicht mehr allein um den Wahlkampf 2.0, sondern um "Regierung 2.0" gehen werde. (Stefan Krempl) / (Stefan Krempl) / (jk)

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