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Warhol als Retter der Musikindustrie

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Wie stellt man im Zeitalter der digitalen Kopien, in dem das Original nicht mehr unter den Vervielfältigungen auszumachen ist, sicher, dass Kunstwerke oder Musikstücke nicht wahllos kopiert werden können, ohne dass der Künstler dafür entlohnt wird? Bisher setzte die Musikindustrie relativ erfolglos auf digitales Rechtemanagement, das den Nutzer aber allzu oft zu sehr einschränkt und die Werke kaum davor bewahrt, dass sie in Tauschbörsen gehandelt werden. Nun hat die Firma TrustMedia ein neues Produktions- und Vervielfältigungsverfahren für Musik entwickelt, bei dem jede verkaufte Kopie vom Hörer individuell zusammengestellt werden kann.

Ähnlich wie Andy Warhol in den 60er Jahren verschiedenfarbige Drucke von Marylin-Monroe-Fotos verkaufte, bei dem jede Kopie durch seine Farbgebung und Druckabweichungen trotz Massenproduktion immer noch ein Original blieb, sollen bei dem Verfahren von TrustMedia die Songs aus unterschiedlichen Elementen zusammengefügt werden, sodass sich mit wenigen Parametern Hunderte verschiedener Abmischungen kombinieren lassen. Dies hat zum einen für den Kunden den Vorteil, dass er eine individuelle Kopie des Songs erhält. Zum anderen lässt sich die Kopie aber auch dem Kunden besser zuordnen, sollte er auf die Idee kommen, sie in Tauschbörsen zum Download anzubieten. Trotzdem könnte es im Streitfall schwierig sein, einem Hörer tatsächlich die illegale Weitergabe juristisch nachzuweisen, denn TrustMedia verzichtet auf eindeutige digitale Wasserzeichen, da sie die Klangqualität beeinträchtigen könnten.

Als erste Probe dieses neuen Konzepts startete die britische Band The Prodigy den Verkauf ihres Songs Memphis Bells. Nachdem ein erster Ansturm den Download-Server blockierte und die Fans entweder die Meldung "Connection Error" oder "Version Sold Out" bekamen, war es einige Stunden später problemlos möglich, den Song zu kaufen. Dabei kam es jedoch zu einigen Unstimmigkeiten. So berechnete TrustMedia auch Kunden in Deutschland 3,66 US-Dollar über PayPal statt der angekündigten 3 Euro. Und auf den ausdruckbaren Covern, die sich lediglich in der Farbgebung unterscheiden, war keine durchlaufende Nummerierung zu finden.

Trotz des limitierten Angebots von 5000 Downloads war das Stück am Dienstagvormittag immer noch nicht ausverkauft. Dies mag zum einen an dem sehr hohen Verkaufspreis liegen, zum anderen eventuell auch an der musikalischen Qualität des viereinhalb-minütigen Intrumentalstücks, das einige Fans als Mischung zwischen Handy-Klingelton und Musikmaker-Demo bezeichneten. So unterscheiden sich die letztendlichen Download-Versionen kaum von den Endlosschleifen, die man sich über das Flash-Plugin auf der Webseite zusammenstellen kann.

TrustMedia ist weiterhin auf der Suche nach Künstlern, die ihr Konzept nutzen wollen. Prädestiniert ist dafür naturgemäß eher elektronische Musik wie Trance, House oder Techno. So bietet TrustMedia zum Abmischen der unterschiedlichen Bausteine ein kostenloses VST-Pluggin für den Cubase-Sequencer von Steinberg an. Der Erfolg von TrustMedia wird nicht zuletzt daran zu messen sein, wie viele Versionen von "Memphis Bells" demnächst in Internet-Tauschbörsen auftauchen werden. (hag)