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Was Computer nicht können – zum Tode von Hubert Dreyfus

Der Philosoph Hubert Dreyfus wurde 87 Jahre alt. Der bekannte KI-Kritiker wurde mehrfach für seine Lehrtätigkeit ausgezeichnet.

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Was Computer nicht können – zum Tode von Hubert Dreyfus

(Bild: berkeley.edu)

Berichte von meinem Ableben sind nicht übertrieben, twitterte der Philosoph Hubert Dreyfus am Ende seines Lebens. Der wohl bekannteste Kritiker der künstlichen Intelligenz (KI) verstarb im Alter von 87 Jahren am 22. April an den Folgen einer Krebserkrankung. Basierend auf den Vorarbeiten von Martin Heidegger und Maurice Merleau-Ponty zeigte Dreyfus, dass die philosophischen Annahmen der KI-Forscher der ersten Generation falsch waren. Dreyfus war der einzige Philosoph, der in der großen KI-Debatte des Institute of Electrical and Electronics Engineers seine Kritik veröffentlichen konnte.

Dreyfus wurde am 15. Oktober 1929 in Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana in der Mitte von Nichts als Sohn eines Geflügelhändlers und einer Hausfrau geboren. In der Schule zeigte sich der begeisterte Bombenbastler als glänzender Debattierer und wurde deshalb mit einem Stipendium zur Universität Harvard geschickt, wo er zunächst Physik studierte. Sein Philosophiestudium beendete er mit einer Arbeit über Edmund Husserl. Ein Reisestipendium brachte Dreyfus nach Europa, wo er unter anderem Karl Jaspers und Maurice Merleau-Ponty hörte. Zusammen mit dem kanadischen Philosophen Charles Taylor gehörte Dreyfus zu einer Gruppe von Graduierten, die Martin Heidegger übersetzten.

Während Dreyfus in den 60er Jahren am Massachussetts Institute of Technology (MIT) lehrte, wurde er mit den Arbeiten der KI-Forscher wie Herbert A. Simon und Marvin Minsky konfrontiert. In seiner Fundamentalkritik der Künstlichen Intelligenz bezeichnete er die KI-Forschung als Alchemie. Basierend auf seinem Verständnis von Heidegger war es für Dreyfus ausgeschlossen, dass über die Manipulation von Symbolen durch einen Computer so etwas wie ein intelligentes Weltverständnis entstehen könnte.

Professor Hubert Farnsworth

(Bild: Comedy Central)

In seinem bekanntesten Werk "Was Computer nicht können" von 1972 (Neuauflage 1992: Was Computer immer noch nicht können) zerlegte er die drei Thesen der zeitgenössischen KI-Forschung von Simon: 1. Computer können Schach spielen, 2. Computer können ein mathematisches Theorem lösen und 3. Alle Fragen der menschlichen Psychologie können als Computerprogramm dargestellt werden. Auf Initiative von Seymour Papert trat Dreyfus gegen das Schachprogramm Mac Hack des Minsky-Schülers Richard Greenblatt an und verlor. In den anderen beiden Kritikpunkten gewann dagegen Dreyfus. Von der KI-Forschung wurde er deswegen auf Jahre hinaus ignoriert, bedingt auch durch die Schärfe seiner Kritik. Heute werden seine Ansätze bei der Arbeit mit neuronalen Netzwerken und besonders bei den evolutionären Algorithmen wieder geschätzt.

Das Internet und besonders iPod und iPad zum Nachhören seiner Vorlesungen wurden von Dreyfus genutzt. Dennoch bestand er darauf, dass das Körperliche in der Anwesenheit von Stimme und Bild etwa beim Skypen den eigentlichen Wert der Vernetzungstechnik ausmachen. Neben seiner Philosophie war er ein ausgewiesener Fachmann für Karman-Ghia-Automobile. In der Gestalt des Professors Hubert Farnsworth von der Mars-Universität in der Fernsehserie Futurama setzte ihm der Dreyfus-Schüler Eric Kaplan ein popkulturelles Denkmal. (Detlef Borchers) / (anw)

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