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Was trägt man im Weltraum?

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Es war vielleicht die meistdiskutierte Frage des Symposiums, die insbesondere in den Kaffeepausen erörtert wurde: Können Männer in der Schwerelosigkeit eine Erektion bekommen? Oder ist das aufgrund der veränderten Blutzirkulation von vornherein ausgeschlossen?

Die britische Medizinerin und Science-Fiction-Autorin Rachel Armstrong hatte die Spekulationen mit ihrem Vortrag über "Human Reproduction in Space" beim zweitägigen Symposium "Less Remote – The Futures of Space Exploration" angeheizt. Die von der Künstlerin Flis Holland in Zusammenarbeit mit Arts Catalyst organisierte Veranstaltung fand parallel zum International Astronautical Congress in Glasgow statt und konzentrierte sich auf künstlerische und geisteswissenschaftliche Aspekte der Raumfahrt.

Armstrongs Ausgangspunkt waren interstellare Migrationen, die in einer fernen Zukunft notwendig sein werden, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Doch die Frage nach der Möglichkeit und den Gefahren von Sex im All stellt sich auch ganz unmittelbar durch den bereits beginnenden Weltraumtourismus. Gleichwohl fand Armstrong erstaunlich wenig Studien, die sich mit dem Thema beschäftigen. Den besten Überblick, so Armstrong, biete ein Aufsatz (PDF-Datei) von Susan Crawford-Young. Demnach sind bei verschiedenen Spezien schädliche Auswirkungen auf die embryonale Entwicklung beobachtet worden. Die Befruchtung von Säugetieren im All ist noch nicht versucht worden, trächtige Ratten, die in den Erdorbit geschickt worden, haben jedoch gesunde Junge geboren. Bei Experimenten mit menschlichen Zellen zeigten sich dagegen negative Veränderungen.

Wenn es demnächst die ersten Hochzeiten im All gibt, dürfte es daher ratsam sein, die Hochzeitsnacht erst nach der Rückkehr zur Erde zu zelebrieren. Die Frage nach der passenden Kleidung für so ein festliches Ereignis sollte dagegen einfacher zu beantworten sein. Mark Timmins von der Heriot-Watt University in Edinburgh arbeitet mit seinen Studenten jedenfalls bereits an der Entwicklung von Weltraummode, die geeignet ist für den Mars oder den Aufenthalt in Weltraumhotels. Zentrales Thema sind auch hier die Auswirkungen der Mikrogravitation auf das Verhalten der Kleidung. Timmins erwartet den Einsatz neuer Materialien, die magnetisch, flüssig oder mithilfe von Nanotechnologie gefertigt werden. Am Ende seines kurzen Vortrags erwähnte er ironisch einen Wettbewerb für Grundschüler, ausgeschrieben von der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Die Aufgabe bestand darin, ein Logo für ein T-Shirt zu entwerfen. "Wir können etwas mehr tun", lautete seine Schlussbemerkung.

Diese Einschätzung, das wurde in den Vorträgen und Diskussionen immer wieder deutlich, kann als Resümee des gesamten Symposiums gelten. Wiederholt beklagten die Referenten die ablehnende Haltung des Raumfahrt-Mainstreams gegenüber kulturellen Fragestellungen. Geetha Narayanan, Leiterin der Srishti School of Art, Design and Technology in Bangalore, die gemeinsam mit der britischen Künstlerin Joanna Griffin von einem Projekt mit Schülern in Indien berichtete, war sichtlich beglückt von der Möglichkeit, sich einmal mit Gleichgesinnten austauschen zu können. "Solche Konferenzen sind ungemein wichtig", betonte sie.

Die schwedische Architektin Catharina Gabrielsson hob hervor, dass mit dem Weltraum häufig das Versprechen eines neuen Anfangs und einer besseren Welt verbunden sei. "Dieses Versprechen wird aber nicht automatisch durch den Flug zum Mars eingelöst", warnte sie. Als Beispiel für den unkritischen, enthusiastischen Diskurs verwies sie auf die Website Red Colony, wo als Gründe für die Besiedelung des roten Planeten unter anderem das ökonomische Potenzial hervorgehoben wird. Tatsächlich beziehen sich die Betreiber dieser Homepage positiv auf den atlantischen Dreieckshandel des 18. Jahrhunderts als Modell für eine interplanetare Ökonomie, ohne zu beachten, dass die größten Profite im Rahmen dieses Konzepts mit Sklavenhandel erzielt wurden.

Um dem Versprechen einer besseren Zukunft im Weltraum eine Chance zu geben, ist etwas mehr Geschichtsbewusstsein und Sensibilität erforderlich. Genau das haben Künstler und Geisteswissenschaftler zu bieten. Es beginnt schon bei der Wortwahl: Mehrfach wurde der Begriff "cultural utilisation of space" (kulturelle Nutzung des Weltraums) kritisiert, da er zu eng an die Terminologie der profitorientierten Wirtschaft angelehnt scheint. Als Alternative wurde "cultural production" (kulturelle Produktion) vorgeschlagen, um zu unterstreichen, dass die kulturellen Dimensionen des Alls durch die menschlichen Aktivitäten überhaupt erst entstehen. Gleichwohl ist es sicherlich ein Fortschritt, dass seit März dieses Jahres im Rahmen der International Astronautical Federation (IAF) mit Itaccus (International Technical Committee on the Cultural Utilisation of Space) eine eigene Abteilung für kulturelle Fragen eingerichtet wurde.

Dass Künstler gelegentlich Großes bewirken können, berichtete Marko Peljhan aus Ljubljana. Dort ging die Initiative zur Gründung einer slowenischen Raumfahrtagentur im Jahr 2001 von Künstlern aus – und stieß zunächst auf ablehnende Reaktionen. Die Wissenschaftlergemeinde sei geschockt gewesen und habe sich über den Vorschlag lustig gemacht, so Peljhan. Sieben Jahre später hat sich die Haltung geändert. Inzwischen denkt das Land über eine ESA-Mitgliedschaft nach und hat darüber auch eine erste Vereinbarung mit der ESA getroffen, die im vergangenen Mai unterschrieben wurde – nach mehreren Verschiebungen und praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie Peljhan ironisch bemerkte. Offenbar sind die Künstler, nachdem sie den Anstoß für die Entwicklung gegeben haben, nicht mehr erwünscht. "Dabei", so Peljhan, "leisten wir immer noch den größten Teil der Arbeit."

Künstler müssen unbequem sein und Fragen aufwerfen, die viele nicht hören wollen. Dazu gehört auch die, wer beim Aufbruch zu anderen Welten die Führung übernehmen soll. Iain Bolton von der University of North Carolina in Charlotte legte in seinem Vortrag dar, warum sich die USA, im Unterschied zu allen anderen Nationen, zur alleinigen Führungsmacht im All erklären. Er führte die Haltung auf das Wechselspiel von Isolationismus und Internationalismus in der US-Politik zurück. Eine Nation, so Bolton, die eigentlich von der Welt um sich herum nichts wissen will, aber gezwungen ist, sich international zu engagieren, kann diese beiden Ansprüche nur durch eine Führungsposition vereinbaren.

Eindrücklich waren die Bilder, die Bolton zeigte. Ein NASA-Bild zeigte zukünftige Astronauten auf dem Mars, die vor ihrem Raumschiff salutieren. Neben ihnen steht eine Flagge der USA, daneben, ebenso groß, eine Fahne, die alle übrigen teilnehmenden Nationen repräsentiert. Im Kontrast dazu steht ein Foto des ersten chinesischen Astronauten Yang Liwei, der in seinem Raumschiff Shenzhou-5 mit einer chinesischen und einer UN-Fahne posierte.

Boltons Ausführungen wurden nach Abschluss des "Less Remote"-Symposiums unterstrichen, als Li Ming von der Chinese Society of Astronautics den Delegierten des IAC von der jüngsten chinesischen Raumfahrtmission und den zukünftigen Plänen berichtete. Auf die Frage eines Zuhörers, ob demnächst auch ein chinesisches Raumschiff an die Internationale Raumstation ISS andocken könne, antwortet Li Ming: "Das müssen Sie die NASA fragen."

Ein anderer Zuhörer nahm die Aufforderung ernst und stellte die Frage noch einmal an die Teilnehmer der sich direkt anschließenden Diskussionsrunde zur Zukunft der ISS. Die verwiesen wiederum an die Politik. Benoit Marcotte von der Canadian Space Agency ließ sich immerhin zu der Bemerkung hinreißen: "Das wäre wundervoll, wie seinerzeit der gemeinsame Flug von Apollo und Sojus."

Daraufhin erhob sich ein weiterer Zuhörer, Tetsuo Yasaka von der Kyushu University in Fukuoka, und erinnerte daran, dass das legendäre Kopplungsmanöver im Jahr 1975, bei dem die beiden Erzrivalen des Kalten Krieges vorübergehend im Erdorbit zusammenarbeiteten, zunächst durch Diskussionen auf einem IAF-Kongress vorbereitet worden sei.

Am Ende entscheiden die Politiker. Aber vorbereitet werden die Entscheidungen woanders. Manchmal – und in Zukunft vielleicht öfter – auch von Künstlern. (Hans-Arthur Marsiske) / (pmz)

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