Menü
4W

Was war. Was wird.

vorlesen Drucken Kommentare lesen 86 Beiträge

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Er gab wohl den schönsten und zärtlichsten Tod, nun hat der ihn selbst geholt: Dennis Hopper starb mit 74 Jahren an Krebs. Er war nicht nur born to be wild und zeigte einer ganzen Generation, was eine coole Sau ist, er war auch Tom Ripley, nachdem der schon weit mehr als talentiert und zum amerikanischen Freund mutiert war. Er war ein großer Dialektiker in Vietnam. Und er war, ja, er war alles und nichts. Querulant und grandioser Schauspieler, der in unzähligen miesen Filmen mitspielte. Sturkopf und trauriger Komödiant, der in zahllosen grandiosen Filmen mitspielte. Er wird uns sehr fehlen.

*** Anders wird uns weniger fehlen. "Frauen regier'n die Welt" sang unser Mann Roger Cicero auf dem europäischen Schlagerwettbewerb und wurde damit in Deutschland für das einfühlige Arrangement von Musik und Lyrik gelobt, die so besche'rt reimt:

Als ich erfuhr, dass sie auf Umweltschutz steht
Hab ich "nein danke!“ auf mein' Parka genäht
Das hat sie damals alles nicht in'tressiert
Doch seitdem weiß ich wer die Welt regiert.

Frauen reagieren die Welt, nicht der Staat oder das Mafiageld, und das mit langen Beinen und lasziven Blicken. Wahrscheinlich waren es auch Frauen, die den Song gar nicht gut fanden und ihn auf Platz 19 bugsierten. Damit genug der Lenamanie. Es lebe Johanna! Heute vor 579 Jahren wurde La Pucelle im Alter von 19 Jahren verbrannt und dafür vor 90 Jahren heilig gesprochen, wie die Katholopedia ordentlich verlinkt berichtet. Wie wäre es mit einer lustigen Vertonung dieser Zeilen einer leicht modernisierten Fassung eines großen Gedankens?

Darum, wer unten sagt, daß es einen Gott gibt
Und ist keiner sichtbar
Und kann sein unsichtbar und hülfe ihnen doch
Den soll man mit dem Kopf aufs Pflaster schlagen
Bis er verreckt ist.

*** Ja, Frauen regieren die Welt und darum hat der gestaltungsmachtlose Roland Koch in Hessen angekündigt, das Handtuch zu werfen, das Tischtuch zu zerschneiden und die Schnuppe zu machen. Man mag es eine erschütternde politische Bilanz nennen, dass jemand, der als 68er-Fresser gestartet ist, an einer Regierungsfrau scheitert, die sich nicht um die Kulturkämpfe scherte. Doch halt, noch regiert Koch und freut sich für sein geliebtes Bundesland über den DE-CIX-Knoten, denn Hessens Wohlstand hängt vom Verkehr ab. Was auch den Datenverkehr meint, den wir natürlich Konrad Zuse verdanken, der die Kraft der Idee hatte, womit die ersten Umrisse des Philosophen Roland Koch erkennbar werden "Für Zuse waren die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern so, wie sie bisher waren.". Dass hinter diesem schönen Satz die Forderung nach neuen Datenschutzgesetzen folgt, muss man einfach Zuse anlasten. Der wollte den Rechnenden Raum zellulärer Automaten, doch heraus kam ein rechtsfreier Raum namens Internet. Sind wir nicht alle etwas schwerhörig?

*** Glückliches Hessen! Mit einer 400er-Schlange sicherte sich Frankfurt den deutschen Rekord beim deutschen Lauf auf das iPad, diesem bewußtseinserweiternden Stück Hardware, vor dem die Börse in großer Andacht döpfnert. Hach, und bezahlte Inhalte wird es auch noch geben, nach dem Motto Pferdeäpfel sind wieder etwas wert. Nur logisch, dass es die von Koch so bekämpften Leser der Altbauwohnungseigentümerzeitung taz ganz schwer betroffen von der dunklen Seite des iPad schwadronieren. Nun fertigen die Arbeiter von Foxconn für alle Großen der Branche, ohne dass dort das Dunkle großartig Thema war. Nicht von ungefähr wird das Quartal für Quartal enorme Profite abliefernde Foxconn mit seinen 900.000 Arbeitern auf chinesisch "Fabrik der Welt" genannt.

*** Neun chinesische Professoren haben Foxconn in einem offenen Brief dazu aufgerufen, das Konzept der Weltfabrik zu überdenken: "Die neue Generation von Arbeitern ist besser denn je ausgebildet, hat anspruchsvollere Träume und tiefere Gedanken und leidet daher ungleich mehr als die einfachen Wanderarbeiter." Die Antwort von Foxconn ist auch ein offener Brief, einer, in dem die Arbeiter unterschreiben müssen, dass sie für ihre Taten selbst verantwortlich sind. Wie war das noch in den Schlachthöfen Chicagos mit der Hebung der Moral derer, die nichts haben? "Meine Herren, es gibt auch eine moralische Kaufkraft. Heben Sie die moralische Kaufkraft, dann haben Sie auch die Moral. Und ich meine mit Kaufkraft etwas ganz Einfaches und Natürliches, nämlich Geld, Lohn." Extra für Apple-Jünger, die in Schlangen jauchzend stehen, gibt es dazu die prickelnde Shenzen-App: "Finde heraus, welcher Selbstmörder dein iPad zusammenbaute!"

*** Begrüßen wir nach dieser ordentlichen Schippe Kapitalismuskritik den Beschreiber von denen da unten unter uns. Bis jetzt hat Günter Wallraf sein ganzes Büro immer mit sich getragen, eine dicke Tasche voller Papier, mit Notizen, Manuskripten und Briefen von Informanten. Nun ist ihm diese Tasche in einem Café in Barcelona gestohlen worden und damit seine Arbeitsgrundlage weg. Das Telefonregister, der Terminkalender. Wen anrufen? Zahllos die Termine, die Wallraf nun nicht einhalten kann. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat einen Hilferuf und Appell veröffentlicht, stilgerecht nur auf Papier zu lesen. Vielleicht lesen spanische Straßendiebe diese Zeitung, man will es nicht ausschließen, kluge Köpfe gibt es überall. Nun sattelt Wallraff um: "Ich hatte ohnehin schon vor, mir irgendwann mal einen Laptop anzuschaffen, um damit notgedrungen Anschluss an die entsinnlichte Computerwelt zu finden. Jetzt ist es wohl nicht mehr zu verhindern." Entsinnlichte Computerwelt? Wo wir uns längst mit allen Sinnen dem Computer hingeben, genau wie die Nav'i ihre Schwänze mit allem zusammenknoten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist? Günter Wallraf hat zu viele Bild-Geschichten über das iPad gelesen und zieht die falschen Schlüsse.

*** Nach kurzem Prozess ist der ehemalige Bundestagsabgeordnete Jörg Tauss zu einer milden Bewährungsstrafe verurteilt worden, was unter anderem bedeutet, dass seine Pensionsansprüche nicht gefährdet sind. Es gibt zahllose Kommentare und Analysen, nicht nur im Heise-Forum, es gibt auch eine persönliche Erklärung. Die schlimmsten Kommentare sind diejenigen, die den Besitz der Bilder herunterspielen und damit die Brisanz verharmlosen. Nicht von ungefähr lassen Journalisten, die im pädophilen Milieu recherchieren, ihre Arbeit durch eine anwaltliche Begleitung dokumentieren. Dass ein Abgeordneter diese Vorsichtsmaßnahme und Beratung nicht für nötig hielt, ist gewählte Arroganz. Sprachlos macht, unabhängig von diesem Prozess, auch die allgemeine Praxis der Behörden, dass, werden Dateien gefunden, diese nicht analysiert werden, das bestraft und nicht durch Analyse der Bilder versucht wird, eine Sozialprognose zu erstellen.

Was wird.

Tralala, tralala, die Frauen regier'n die Welt, Lenangela rummsbumms: Das weibliche Jahrzehnt bricht an, besser gesagt die Female Decade unter der Schirmherrschaft von Dr. Maria Burda-Furtwängler. Das heißeste 2.0-Standout voller Vordenkerinnen und Querdenkerinnen bringt als Women-Only-2.0-Conference sogenannte High Acts wie Doris Dörrie, Silvana Koch-Mehrin und Catherine Millet zusammen – und als Top Act, ähem, Paul Coelho. Wahrscheinlich verscherze ich mir jetzt auf alle Ewigkeiten mein überschaubares weibliches WWWW-Lesepublikum, aber es muss sein: Ich könnte meiner Frau wohl alle Ehebrüche dieser Welt in diesem Leben verzeihen, aber wenn sie ein Buch dieses Weichspülers lesen würde, wäre meine Grenze des guten Miteinanders erreicht. Wahrscheinlich hat der Mann schon die Presseerklärung geschrieben, in der es in deutscher Übersetzung heißt: "In den mehr als 15 Panels reicht die thematische Vielfalt von Business-Initiativen für mehr Frauen in Führungspositionen über den Einfluss der Hormone auf Kreativität und Führungsstärke bis hin zum erotischen Kapital der Menschen." Das Ganze wird begleitet von der Präsentation des Superbuchs zur weiblichen Dekade, Zielgruppe Frau. Darf ich vollkommen hormongesteuert mit lasziven Blicken Alternativen zu dieser Präsentation von Frau 2.0 anbieten? Wie wäre es mit annalistigen Analysen, den Reisenotizen aus der Realität oder schlicht ein Häppchen Twister? Nein, die Sache mit der Super-Zukunftsministerin ist nicht gemeint. Dieser Abschnitt der Wochenschau wurde von Orgasm Inc bezahlt.

Bleibt zum guten Schluss der Wochenschau noch ein Blick auf eine der teuersten Veranstaltungen des Jahres, die im Juni stattfindet. Nein, nicht das Gekicke bei den Blatter-Festspielen, auf das sich deutsche Balltreter vorbereiten. Da gibt es immerhin Einnahmen aus Tausendundeiner Vermarktung. Gemeint sind die unmittelbar aufeinanderfolgenden Regierungstreffen der G8- und G20-Länder in Kanada. Dafür muss Ausrüstung in großem Stil angeschafft, die Ausbildung und Versorgung der Sicherheitskräfte gewährleistet werden. Zur Zeit summieren sich diese Kosten auf 833 Millionen kanadische Dollar, was darum als besonders günstig angesehen wird, weil beide Konferenzen unmittelbar aufeinander folgen. Das nennt sich dann eine Piggyback-Solution. (jk)