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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Dieser Wochenrückblick ist den Online-Journalisten Alexander Pomitkin und Konstantin Sidorenko gewidmet. Nicht alles, was online erscheint, ist ein heiteres Geplauder über Alles und Nichts.

Was war.

*** Heute -- zählen wir die Tage und Jahre wie bei uns seit längerem üblich -- ist der 205. Geburtstag des großen Alexander Puschkin, mit dem die russische Literatur begann, russisch zu werden. Puschkin schrieb russisch, als russisch verpönt war und sympathisierte mit den Dekabristen. Puschkin, das ist der Dichter, den Russland mit dem größten Bildhauerwettbewerb aller Zeiten ehrte. Es gewann die Komposition "Stalin, ein Buch Puschkins lesend". Es hat natürlich seinen Grund, heute nicht trällernd mit dem 160. Geburtstag des CVJM anzufangen und auch den Medienlärm zu dem Jahrestag etwas leiser zu stellen, als die Befreiung Europas vom Faschismus einen entscheidenden Schritt vorwärts kam. Der Grund heißt Amazon, ein Internet-Startup, das von vielen als Online-Buchhändler tituliert wird, aber doch nur ein normaler Online-Versandhändler ist, der halt mit logistisch einfachen Dingen wie Büchern begann. Nun fährt Amazon die harte Tour, wie sie kein Buchhändler ausdenken kann: Bei Amazon gibt es ab sofort keine Bücher von Diogenes mehr, einem Verlag, der zum Beispiel Puschkins Meistererzählungen verlegte. Dafür kann man bei Amazon andere Sachen kaufen. Für 7500 Euro kann dort der Titel Autor des Monats gekauft werden, 5000 Euro kostet die Neuheit der Woche. Wer sich gerne hübsche Bücher ins Regal stellt oder auch nur Bände über die Kunst des Programmierens durchackern muss, sollte sich überlegen, ob nicht Bookzilla der bessere Weg ist, die Freiheit der Kultur zu fördern.

*** Ein Buch kann man weder bei Amazon noch bei Bookzilla bestellen. Selbst bei Booksurge, wo das Werk gelistet ist, laufen Bestellungen auf Halde. Die Rede ist von Samizdat, dem Buch der Alexis de Toqueville Institution, die auf seltsame Weise die Idee der Hybrid Source popularisieren will und sich damit reichlich Ärger und Spott einhandelt. Noch jeder Protagonist, der für dieses Buch interviewt wurde, hat Widerspruch gegen die verfälschende Wiedergabe der Interviews eingelegt. Nun gibt es Zeitgenossen, die sich fragen, warum eine ehrbare Institution mit fluidem Borderline-Journalismus den guten Namen ruiniert. Die Antwort ist einfach die, dass die Institution mit dem großen Namen keine ehrbare Institution ist, sondern ein käufliches Propagandainstitut, das etwa für Philip Morris im Kampf gegen den Gesundheitsplan vom damaligen Präsidenten Clinton engagiert wurde. Die Alexis de Toqueville Institution steht damit ganz in der Tradition von Edward L. Bernays, des Vaters der Public Relation. Der organisierte im Auftrag von American Tobacco die "frauenbewegten" Torches of Freedom, damit Frauen endlich das Rauchen anfangen. Bleibt nur die Frage, wer von dem Begriff Hybrid Source profitieren kann. Vielleicht eine Firma, die mit dem Begriff Shared Source nicht wirklich punkten konnte und in der kommenden Woche eine Charm-Offensive startet?

*** Kehren wir noch einmal zu Charme zurück -- und das ausgerechnet anlässlich des D-Day. Was die CSU unter einer Charm-Offensive versteht, weiß ich nicht. Aber vielleicht sollte sie einmal jemanden fragen, der sich damit auskennt. Vielleicht auch sollte man dem Geschäftsführer ihrer Landesgruppe im Bundestag einmal erklären, dass ein deutscher Bundeskanzler sehr wohl derjeniger Soldaten gedenken sollte, die Europa und damit auch Deutschland von den Nazis befreien wollten, und nicht nur derjenigen, die genau dies zu verhindern trachteten. Obwohl: Ein Bundeskanzler, der die Nachkriegszeit für endgültig beendet erklärt, der würde auch wieder einmal auf den Soldatenfriedhof Bitburg passen -- beim ersten Mal wurde der damalige Kanzler Kohl übrigens von Ronald Reagan begleitet, der gestern gestorben ist. Aber lassen wir den D-Day erst einmal D-Day sein, mit allen seinen schwer zu verdauenden Nicklichkeiten und Geschichtsklitterungen eines Wir-sind-wieder-wer-Landes, das sich mittlerweile ohne schlechtes Gewissen in unter die Sieger einzureihen sucht. Mag die Befreiung von den Nazis auch unzweifelhaft ein Sieg für Deutschland gewesen sein, so errangen die Deutschen diesen Sieg keineswegs aus eigenem Verdienst. Solange dies in Vergessenheit zu geraten droht, ist die Nachkriegszeit noch lange nicht vorbei.

*** Muss ich jetzt einen Anschluss finden? Nein, einen guten gibt es in diesem Fall nicht, daher gehen wir ganz unvermittelt zu ganz anderen Unverdaulichkeiten über. Denn in dieser Woche hatten auch unsere ach so geliebten Computer in einigen Fällen mächtige Schwierigkeiten, ihre Sourcen zu verdauen. In England brach der Flugverkehr nach einem missglückten Reboot zusammen. In Kanada verrechnete sich das Computersystem des ehemaligen SCO-Investors Royal Bank of Canada so gewaltig, dass noch 5 Tage später geschätzte 10 Millionen Kunden nicht wissen, was auf ihren Konten los ist. Hier dürfen wir also dem obersten SAP-Entwickler Lutz Heuser Recht geben, der in dieser Woche befand, dass die Softwareentwicklung noch im Steinzeitalter steckt: "Wenn Architekten so arbeiten würden wie Softwareingenieure, könnte man keine Messehallen oder Tagungszentren bauen." Wer sagt dem Mann die bittere Wahrheit, dass Softwareingenieure wie Architeken arbeiten? Was heißt es denn sonst, wenn nicht mehr ganz so jugendliche Firmenlenker den Titel eines "Chief Software Architect" führen? Oder denken wir nur an den Informations-Architekten für Websites, der natürlich Architektur studiert haben muss, um all die Verästelungen zu überblicken. Programmierer können doch nur Klauen und rückwärts proggen.

*** Bleiben wir bei der Firma eines der bekanntesten Architekten, weil sie in dieser Woche viel Staub mit einem angeblichen Doppelklick-Patent aufwirbeln konnte. Obwohl das Patent nur für bestimmte Buttons bei Handhelds, Fernbedienungen und Mobiltelefonen gilt, wurde bereits der Untergang des Abendlandes vorher gesagt. So schlimm ist es zwar nicht, doch ein Zeichen, was bei den Patenten passieren kann, ist gesetzt. Vielleicht verzichtet Microsoft auf sein Patent wie seinerzeit IBM, als es die Toilette in Beschlag nahm. Dabei gedeiht auf dem stillen Örtchen die Vielfalt, das weiß selbst Mikro-Soft.

*** Wie vom unermüdlichen Ticker gemeldet, hat China das schwedische Hearts of Iron verboten, weil Tibet auf der Spielkarte abgebildet ist. Dieser Platz dagegen darf abgebildet werden, seine mordsmäßige Geschichte vor 15 Jahren nicht. Das Tor zum Himmlischen Frieden ist verbeult, bis sich China seiner Geschichte stellt. Und dies, um es allen OS-Proselyten einmal ins Stammbuch zu schreiben, ganz unabhängig davon, ob China mit Suns Hilfe ein Linux-Land wird oder mit Microsoft die Fenster öffnet.

*** Überhaupt ist es gefährlich, Länder und Software in eine Beziehung zu setzen. Die demokratiefördernden Wirkungen von Bloggern und Chats gibt es im arabischen Raum nicht. Oder nehmen wir Finnland, aus dem eine ausgesprochen beschattete Telefon-Idee gemeldet wird. Das Linus-Land der Seen, Mücken und Schnappsleichen ist das Land, in dem Peer-to-Peer gedeiht, mit allen Konsequenzen, auch für die Musik. Gleich daneben liegt Schweden, auch ein Linus-Land, ein Abba-Land und Heimat der ersten Versuche, Musik und Videos biometrisch abzusichern. Nur mit dem richtigen Fingerabdruck soll man Musik hören. Wer diesen Schwachsinn glaubt und goutiert, der wird kein Blick für die noch lebenden Jubilare haben. Gestern wurde Whitfield Diffie 60 Jahre, der vom unermüdlichen Ticker als Westernheld geschildert wird, obwohl er besser in eine Country-Rock-Band wie die von Programmierern gebildete Flying Other Brothers passen würde. Nah dran am Outfit, bloß etwas dicker ist Edgar Froese von Tangerine Dream, der heute 60 Jahre alt wird. Wie kein Zweiter hat Edgar Froese Programmierer beeinflusst, allen voran natürlich Kai Krause, auf dessen Byteburg Tag und Nacht Tangerine Dream auf den Rhein heruntergeduldet wird.

Was wird.

Mit Propaganda-Aktionen wie denen der Toqueville Institution ist das widerständige Wort vom Samisdat, dem Selbstverlag als Gegensatz zum Staatsverlag a.k.a Gosisdat etwas in Verruf gekommen. Natürlich gibt es dann Gegenstimmen, die unter dem seltsamen Titel "Wrong time, Wrong place" am 10. Juni eine Antwort bieten. Mit Vertretern des Open Source-Projektes Samizdat.net, ganz ohne die Toqueville Institution, die in Person von Gregory Fossedal sonst voll des Lobes über die Schweizer Demokratie ist -- im Auftrag der Schweizer natürlich.

Zum dritten Mal steigt in Berlin das Treffen der Wizards of OS. Die Zauberer sind zwar nicht hauptamtsmäßige Programmierer, doch lohnt es sich, die gräuslich-militärisch-grün gehaltenen Seiten zu studieren. Geboten wird ein Launch, indische Simputer und viele Wiki-Jünger, die nicht nur angeregt diskutieren können. Manchmal liefern Wikipädisten wirklich hübsche Einsichten zu den Jungs, die Mädels latürnich nicht zu vergessen.

Und da ich mit einer außerordentlichen Widmung begonnen habe, will ich mit einer außerordentlichen Erinnerung schließen. Am Montag jährt sich zum 50. Mal der Todestag Alan Mathison Turings. 1952 war der große Mathematiker, Kryptographieexperte und Philosoph wegen seiner Homosexualität in die Mühlen der britischen Justiz geraten -- um der Haft zu entgehen, unterwarf er sich einer Hormontherapie, durch die er depressiv wurde. Dies und die anhaltenden Anfeindungen sind wohl mit Auslöser für seinen Selbstmord am 7. Juni 1954 gewesen. Um gar nicht erst vom Entscheidungsproblem anzufangen: Nicht nur der Turing-Test und der Turing-Award werden in für immer in unserer ehrenden Erinnerung halten. (Hal Faber) / (jk)