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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Diese Kolumne leidet unter der Passivität der Leser. Ehrlich. Abgeschlafft nach dem CSD herumklicken, das reicht einfach nicht. Immer nur "gääähn" und "was soll das?" schreiben, das ist einfach nicht genug. Darum rufe ich jetzt zur Äktschn/Sätisfäktschn auf: Jeder Leser, jede Leserin stelle jetzt den Nachttrunk beiseite und schiebe sich ein Kaugummi in den Mund. Wenn es geht, Wrigley's Juicy Fruit, wie das Päckchen im Smithsonian National Museum of American History. Kauend feiern wir dann, dass heute vor 30 Jahren der Barcode in das geschäftliche Leben eingeführt wurde, 25 Jahre nach seiner Erfindung und 24 Jahre nach seiner Patentierung. Tja, so lange kann es dauern, möchte man den RFID-Träumern wie den Kritikern der kleinen Funkchips zurufen. Zusammen mit dem System des Electronic Product Code soll RFID den ollen Barcode ablösen, weil der nur ein paar Bytes Informationen preisgibt, wenn der Scanner kommt. Nun stellt sich heraus, dass EPC mit einem Patent belastet ist. Sollte sich die Sache bewahrheiten, wird es nichts mit billigen Funketiketten und der Barcode kann locker seine 60 Jahre feiern. "Mach mich an", bettelt der Chip am Frischkäse, doch dagegen gibt es, ähem, Bewegungsarbeit.

*** Kauen wir weiter auf dem Gummi und nennen das ganz cool und sehr aktiv "Denkarbeit gegen Denkfaulheit". Bubble Gum soll den Verstand anregen, hat die US-Armee schon im 1. Weltkrieg herausgefunden. Und der ist bei den Patenten wirklich gefragt. Etwa dann, wenn Patent-Lobbyist Hödl trötet: "Vielen Wissenschaftlern fehlt das Bewusstsein, dass Wissen ein wertvolles Gut und damit handelbar ist." Wenn sie erst einmal dieses Bewusstsein haben, dann brechen goldene Zeiten bei unseren Universitäten an und sie werden reich, so reich, dass die leidigen Studiengebühren entfallen können. Und wieder einmal muss das Max-Planck-Institut für Kohleforschung herhalten, das sich dank einiger Patente von 1955 bis 1994 praktisch selbst finanzierte und heute noch vom Verkauf biologisch abbaubarer Waschmittel zehrt. Was natürlich zur Folge hätte, dass wir unrentierliche Wissenschaften ohne handelbares Gut abschaffen. Denn wer, bitte, hat sich das Patent auf den Panoptismus gesichert, die Überwachung vieler durch wenige im Netz der Macht? 20 Jahre nach dem Tod von Michel Foucault ist daraus doch ein veritables Business-Modell geworden und niemand zahlt Lizenzen. Wie gut, dass wenigstens Multimedia in all ihren Formen und Darreichungen kurz davor steht, mit einer Antidot-Lizenz abgezockt zu werden, wie dies schon einmal Comptons Patent versuchte.

*** Wo das Verkehrte wächst, da wächst auch der Widerstand, meinte sinngemäß dereinst Geheimrat Goethe. Darum muss an dieser Stelle von einer Demonstration gegen Softwarepatente berichtet werden, die anlässlich des spendablen Linuxtages in Karlsruhe zu einem Aufmarsch der tapferen Tausend führte. Nicht zu aller Freude: Einzelnen unter den Linuxtag-Organisatoren war schon im Vorfeld die Ankündigung der Demo gar nicht recht, befürchtete man doch abschreckende Wirkung auf mit Patenten gesegnete Firmen, die man auf der Veranstaltung mit dem Motto "Business finds Community -- where .com meets .org" dann doch gerne als zahlende Aussteller gesehen hätte. So ist das eben -- wo das Ermutigende da ist, schütte ich das Traurige gleich hinterher: Patente sind ja keine Spezialität der Softwarebranche. Nehmen wir nur Fender, wo man den von Gibson mit der Les Paul gemachten Versuch wiederholen und die Bauform 50 Jahre nach der ersten Stratocaster patentieren will. Ich könnte einfach "Yamaha rulez" rufen, aber wenn ich in meinen Lieblings-Gitarrenladen gehe, hängen da ein paar hundert Stücke, bei denen das Strat-Erbe voll durchschlägt. Und schließlich ist da noch der Chef des härtesten "Rock-Überfallkommandos" (FAZ) der Welt, der vorgestern 60 geworden ist: Kann sich jemand Jeff "Guitar Shop" Beck ohne eine Stratocaster vorstellen? Ok, das ist eine unfaire Frage über jemanden, der noch im April den von Fender gestifteten Lifetime Achivement Award erhielt. Und einem der besten Gitarristen der Welt macht das ebensowenig was aus wie seine 60 Lenze: Cry me a river!

*** Bleib ich einfach mal bei der FAZ, die den amerikanischen Digital Millennium Copyright Act als das "lächerliche, intellektuell korrupte und verheerend konfuse Gesetz" bezeichnet, weil die Hehler der Sore nur eine "untätige Leistung" feilbieten. Wie lächerlich manche Ideen hinter dem Digital Rights Management sind, fällt vielen Menschen erst dann auf, wenn sie direkt betroffen sind. Man nehme etwa die frei verfügbare amerikanische Verfassung, bei Amazon im Angebot für lumpige 2,99 Dollar: Format: Microsoft Reader. Printable: This title cannot be printed. Mac OS Compatible: No. Windows Compatible: Yes. Das Ganze kann man natürlich noch mit verschiedenen Vorschriften erweitern. Wie wäre es denn damit, wenn unser Grundgesetz nur in einer sicheren Umgebung gelesen werden darf, die nach den 21 Regeln von Microsoft entwickelt wurde, in der es folglich keine trojanischen Pferde gibt und Warnungen völlig überflüssig sind.

*** Wo wir beim Grundgesetz sind: Kleines Quiz ohne Dritthilfe, nur Kaugummi ist erlaubt: Artikel 5 Absatz 1? "Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern...." Achja, und wenn jeder das im Intranet tut, und das wohlgemerkt nicht das Intranet einer Firma ist, sondern das abgeschottete Intranet der IG Metall, in dem 800 Gerwekschafter posten und lesen können? Dann stört er den Betriebsfrieden und kann gefeuert werden, meinte die Firma Danfoss. Die Geschichte, protokolliert von Chefduzen, ist gerade vom 2. Senat des Erfurter Bundesarbeitsgerichts ungefähr so entschieden worden: "Jeder hat das Recht, seine Meinung in seinem Intranet frei zu äußern." Das Traurige an der Sache ist dabei, dass überhaupt prozessiert werden musste. Wenn in einem Gewerkschafts-Intranet nicht mehr diskutiert werden darf, können wir gleich wieder den FDGB einführen. Die 40-Stunden-Woche ohne jeglichen Lohnausgleich zur Plansollerfüllung haben wir ja bereits: 1/8 Lohnverzicht und eine Leistungszulage, die nur von den Managern abhängt, erinnern stark an die andere Seite der Sonnenallee, wo der Betriebs-Bonus bekanntlich eine Kaderfrage war.

*** In dieser Woche wurde bekannt, dass die einstmals einflussreiche Computermesse Comdex von Las Vegas nach /dev/null verlegt wird. Besorgte Stimmen fragten prompt, was mit der nicht minder einflussreichen obligaten Comdex-Keynote von Bill Gates wird. Seit mehreren Jahren ist dieser Redetermin das Vehikel, über das der Tablet PC, der mit dem verfassungskompatiblem MS-Reader, als geschnittenes Brot verkauft wird. Microsoft hat kurz und scharf nachgedacht und prompt die Antwort gefunden: Bill Gates wird Blogger und alle intelligenten Menschen in der Blogosphäre jubeln (die anders Gesinnten spucken jetzt ihr Kaugummi aus). Aus der Perspektive von Bill Gates hat Bloggen wirklich den Vorteil, dass Microsoft als Firma transparent agieren kann. Man nehme nur die Mail "PeopleSoft and SAP and us??", die Gates an seinen Leutnant Steve Ballmer schickte. Diese Frage, in einem Blog gestellt, dürfte viel präziser und schneller beantwortet werden. Vor allem von Larry Ellison, in Larry's Leisure Blog natürlich.

*** An dieser Stelle müsste natürlich etwas über Fußball stehen und das schlimme Pech der deutschen Rumpelfüßler gegen die tschechische B-Ausgabe. Doch eigentlich hat nur Völler imponiert, auch wenn er mit Martin Max auf den einzigen intelligenten Stürmer dieser Republik verzichtet hat. Um es in Blogger-kompatiblen Worten zu sagen Format, Scheffe!. Dann verzeiht man Scheffe auch seine Fehler und macht ihn zum Volkshelden. Wenn's der nächste dann doch besser kann -- ha, wer's glaubt...., aber gesetzt den Fall, dann darf man die Geschichte ja gerne nochmal umschreiben. Mit der These Völler=Schröder habe ich wiederum meine Probleme, und dass nicht nur verschwörungstechnisch. Unter anderem deshalb, weil es zu Fußballern vom Schlage eines Schneider keine Alternative gibt. Und nun? Lang lebe das Poldermodell?

Was wird.

Homokulturell und multisexuell soll unsere Gesellschaft werden, so die Forderungen des Christopher Street Day. Nichts spricht dagegen, wiewohl die Trendsetter längst den Weg besetzt haben. Auch die härtesten Fans des Tastatur-Sex werden in die Realität entlassen. Derweil wird es, uff, uff, endlich Sommer und die Edel-Blogger und Mailinglisten-Betrieber bereiten sich darauf vor, auf einem Schiff durch die Ostsee zu treiben. Ein Glück, dass für uns dagegen alles gut wird, denn schön ists, wenn das Livin' easy daherkommt und man Fish beim jumpin' zusehen kann: You're gonna spread your wings and take to the sky.

Ja, es wird alles gut, weil es Sommer wird. In Israel hat man den Laptop wiedergefunden, der die Daten aller V-Leute enthielt und gestohlen wurde. Und alle Meldungen über künstliches Leben haben sich als Trugschluss herausgestellt. Die selbstreplizierenden Nanoroboter sind völlig unnötig und wollen keine Nanorobobabys in die Welt setzen, wie es Bill Joy schwante. Das wollen nur Menschen, vor allem, wenn es wirklich Sommer wird. In the summertime, tralala (aber vorher Kaugummi aus dem Mund nehmen). (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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