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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** WWW: Dieses Kürzel steht ab sofort nicht mehr für das World Wide Web, erfunden von Tim Berners-Lee, jenem hellwachen Geist, der als kleiner Junge im Garten des Informatikers Dietrich Prinz spielte, der mit seinem Schachprogramm ein Großvater der Künstlichen Intelligenz ist, jedoch uns Nachfahrenden eher noch als Erfinder der Grünen Welle bekannt geblieben ist, deren Plätschern im heißen Dickicht der Städte die letzte Zuckung des alten Menschheitstraums ist, unbegrenzt zu surfen.

*** Ok, das war meine kleine Hommage an einen in dieser Woche beendeten Wettbewerb, der wieder würdige Preisträger gefunden hat, besonders in der Krimi-Kategorie mit einer gekonnten Verbeugung vor Philip Marlowe: "She walked into my office wearing a body that would make a man write bad checks, but in this paperless age you would first have to obtain her ABA Routing Transit Number and Account Number and then disable your own Overdraft Protection in order to do so." "Sie kommt in mein Büro mit einem Körper, dass meine neue Geldkarte spontan per Funk Geld abhebt", klingt zweifellos weit weniger charmant, obwohl es realistischer ist: Nach der Vorstellung des Bundeslagebildes Organisierte Kriminalität (PDF-Datei) in dieser Woche setzen die Banden mit dem Kartenbetrug im Netz erstmals mehr Geld um als mit dem gesamten Rauschgifthandel.

*** WWW steht jedenfalls ab sofort für Wulffs Westerkappelner Wurzeln, denn wir haben einen neuen Bundespräsidenten (aus Osnabrück), der einen der schönsten Orte am Rande der norddeutschen Tiefebene kennt. Hier lagen die Germanen auf ihren Bärenhäuten und tranken Met nach getaner Schlacht. So ein kühlendes Ausruhen kannte unsere Bundesversammlung nicht, die in drei Wahlgängen Wulff wählte. Sie kämpften mit der Hitze, während wir mit der Fassung kämpften: Die Sonderdauersendung zur Präsidentenwahl war der absolute Tiefpunkt des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Da kamen nicht einmal die seltsamen Live-Schalten in dieses komische Twitter-Netz mit. Verglichen mit dem Unsinn, der vor Deppendorfs Mikrofonen geredet wurde, waren die ironischen Wahltweets geradezu ein Hort bürgerlicher Aufklärung. Der falsche Beifall passte bestens und für die Haltung der Linken gibt es das schöne Wort Ostealgie – die schmerzhafte Verknöcherung des Denkgebäudes in preußisch-protestantischer Pflichterfüllung.

*** Mit Wulff soll eine neue Sicht auf Multikulti kommen, seine Ansprache kündet leicht bulwerlytonnesk davon: "Dann wird Neues, Gutes entstehen – aus urdeutscher Disziplin und türkischem Dribbling zum Beispiel, aus preußischem Pflichtgefühl und angelsächsischer Nonchalance, aus schwäbischer Gründlichkeit und italienischer Lebensart – und demnächst vielleicht aus rheinländischer Lebenskunst und chinesischer Bildungsbegeisterung." Urdeutsche Disziplin, auf Bärenhäuten lagernd, verbindet sich mit türkischen Dribblings, für dieses schöne Bild muss man dankbar sein und die rätselhafte Passage über chinesische Bildungsbegeisterung übergehen. Denn wenn es Nachrichten aus China gibt, dann sind sie eher bildungsfern gehalten und erzählen von Foxconn oder Googles Knicksen. Dabei ist gerade die digitale Bildung der Fabrikarbeiter das Problem der chinesischen Junta. Ungelernte Wanderarbeiter sind das nicht. Es ist eine gängige, billige Methode, China abzuwerten, bis zu den chinesischen "Goldfarmen", wo halbnackte Slumbewohner digitale Artefakte scheffeln. Dass sich hochspezialisierte, von gut bezahlten Programmierern entwickelte Bots in den Online-Spielen tummeln, wird systematisch ausgeblendet.

*** Vieles spricht dafür, dass die chinesische Bildungsbegeisterung eine ähnliche Projektion ist wie die Sicht auf Voltaire als Enlightment Media Consultant im ThinkTank von Schloss Wulffenstein. Denn die deutsche Bildungsbegeisterung ist bekanntlich unerreicht, eine Sehnsucht brennt seit Hölderlin. Um Wissen und um Vor-Wissen, um Herrschafts-Wissen geht es, wie eine Einmann-Denkhaubitze treffend diesen Satz unseres Bundespräsidenten analysiert: "Früher war es so, da erfuhren sie nachmittags, dass morgen irgendwas in der Zeitung steht. Da konnten Sie schon richtigstellen, da konnten Sie schon gegenarbeiten. Heute erfahren Sie, dass etwas im Internet steht und Millionen anderer haben gleichen Zugriff auf die gleiche Information. Man hat damit keinen Vorlauf mehr, um Dinge richtigzustellen." Die ungewaschenen Massen ("jeder Dödel") denken selber und dann kommt die Order, was richtig ist und was ganz falsch, zu spät und wird nicht mehr gehört. Auf die zweifellos anstehende Grundsatzrede zur Bildungs- und Netzpolitik darf man gespannter sein als auf die Auflösung der Bedeutung des Tribal Tattoos der Präsidentinnenschaft.

*** Es gibt sie noch, die guten Dinge. Besonders in der Spionage, da hält man etwas auf gute alte Handwerkstradition, die seit dem Einsatz von Mata Hari unverändert sind. Tote Briefkästen, in den Park genagelt, Erkennungsrascheln im Popelinmantel mit der Zeitung von vorgestern, das Morsen von Berichten mit schnelldrehenden Tonbändern. Ist diese absurde Form der Spionage ein vorsätzlicher Witz der Russen, der sich über amerikanische Agentenklamotten lustig macht? Amerika rätselt über den Stilbruch, Steganografie in digitalen Bilddateien zu verwenden, statt ordentlich den Rollbildfilm der Minox einzutüten. Als Erklärung mag Materialmangel gelten. So hat "Mata Hari" offenbar zur roten Minox Miss Germany Edition gegriffen, stilecht mit Miss Germany Logo und Strapshalter. Schwamm drüber? Aber nicht doch: Ein echter amerikanischer Wollmop sollte es schon sein.

Was wird.

Es gibt sie noch, die seltsamen Ideen, natürlich aus dem Land, in dem Ritter ihre Fleischwunden kaum beachten und Fish'n'Chips als gesundes Essen gilt. Das Sunday Times Magazine hat das Rockerwrack Ozzy Osbourne unter Vertrag genommen – für eine Gesundheitskolummne. Leider stecken seine Ratschläge hinter einer Paywall. In seiner ersten Kolumne gab Ozzie Tipps, wie man seinem Kind das Rauchen abgewöhnen kann: "Put your son off cigarettes by making him ill. Throw some fag ash on his cornflakes." Das bringt mich zum Stamm der Bayern, der heute über das Rauchverbot abstimmen kann. 1,4 Millionen Bayern können sich sogar mit einer Karte über die Restaurants informieren, in denen der Aschenbecher über den Cornflakes ausgeleert wird. Zur guten Nachricht gehört die Mitteilung der Presseagentur, dass die politische Karte in enger Zusammenarbeit mit Wikipedia und Wikileaks erstellt wurde, zwei Organisationen, die gegen Vernebelungen aller Art kämpfen.

Nebel, wo sind deine Grenzen? Wenn sich die Welt auf das Endspiel bei der Fußball-WM vorbereitet, tagen die Journalisten des Netzwerks Recherche zum Thema Fakten und Fiktionen. Was bleibt, "wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen" und die Fakten umbringen? Ein Vortrag über Wikileaks dürfte zu den Höhepunkten der Konferenz gehören, weil hier die Nebel besonders dicht wabern und richtig Rauch in der Hütte ist. Seit Wochen schreiben "Weiße Hacker" der Zeitschrift Wired gegen Wikileaks, weil sie Menschenleben in Gefahr sehen. Eine weitere Fraktion um Cryptome ist längst der Meinung, dass Wikileaks zu einer Undercover-Mission amerikanischer Geheimdienste transformiert ist, gewissermaßen als größter Honeypot der Weltgeschichte. Die Auseinandersetzungen in den USA haben ein Ausmaß angenommen, in dem noch der kleinste Furz als Beweis in Windeln herumlaufen muss. Angesichts der Bedeutung, die Wikileaks bei der Aufklärung intransparenter Militär-Missionen hat, ist eine Aufklärung in eigener Sache dringend nötig.

Stell dir vor, es ist Krieg, und alle sitzen vor Bildschirmen, weil Drohnen und Roboter auf dem Schlachtfeld stehen. Das hat natürlich Konsequenzen. Der Operator solcher Systeme, der nach Feierabend seinen Garten bestellt, darf als Kombattant nach der Genfer Konvention betrachtet und in seinem Vorgarten erschossen werden – oder etwa nicht? Deutsche und amerikanische Wissenschaftler haben das International Committee for Robot Arms Control gegründet und laden nach Berlin zu einem interdisziplinären Workshop ein. Sie möchten, dass auch IT-Spezialisten von der Sache erfahren. Was hiermit geschehen ist.

Schland steht im Halbfinale nach einem Sieg gegen die Fussballattrappe Maradona und seine Bestien. Made in Germany verputzte Argentinen. Non pianger più Argentina, ertönt es überall. Der nächste Gegner wird Spanien sein, nach dem bisher Gezeigten eine lösbare Aufgabe. Nach Steak die Paella, das passt. Vieles spricht dafür, dass ein Nachbar im Endspiel wartet, der ein putziges Deutsch spricht. Immerhin, Angstgegner und Schwalbe kennen sie schon, vielleicht kommt das "müllern" noch hinzu. Und Hähnchen mit Apfelmus. Ungerührt arbeitet derweil die Redaktion weiter, Technik ist bei Heise schließlich ein Synonym für Spielfreude. Ansonsten ist der Fußball schwach geworden, sieht man von den Spielen ab, in denen Schweinsteiger es den Messis und Ronaldos dieser Welt zeigte. Wenn diese Viertelfinals das Gesicht des Fußballs gezeigt haben, dann hilft auch nicht mehr, mehr Botox in die Fresse zu spritzen. Der Fussball ist entblattert. Vielleicht ist da das moderne Multitasklng daran schuld. Die elend dummen Diskussionen um den Videobeweis sollten schnellstens abgelöst werden durch Fußball 2.0 mit zwei Bällen im Spiel. (jk)