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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Lehmann! Lehmann! Da haben selbst die schärfste Tortengrafikfälschung und die kaiserlichen Brabbeleien nichts geholfen. "Maßlos enttäuscht" soll Oliver Kahn sein. Wahrscheinlich ist er rot angelaufen, genau so, wie das seine Heimat kann, die Allianz-Arena, deren Lichttechnik von einem Suse Linux Server gesteuert wird. Nun aber Lehmann! Lehmann! Endlich wird der Keeper für sein Engagement gegen die Zwangsprostitution geehrt, meint die Fußballexpertin der Grünen, Claudia Roth. Ja, nun hat Mad Jens seine Verrichtungsbox ganz für sich und Kahn wird fast freiwillig die WM aus anderer Perspektive erleben.

*** Etwa so, wie normale Menschen sie erleben, als eine vollkommen in Werbung und Sponsoring ertränkte Idee, bei der das Kotzen mal von rechts und mal von links kommt. Als Event, bei dem die gängelnden Veranstalter Fußball als Operette inszenieren, komplett mit einer Justiz-Operette, in der das Grundgesetz etwas blatterhaft interpretiert wird. Mit der Terror-Plattwalze argumentiert die schriftliche Urteilsbegründung zu den abverlangten Ausweisnummern der Käufer von WM-Tickets: "Die Gefahr terroristischer Anschläge, insbesondere aus dem islamischen Kreis, ist bei solchen Massenveranstaltungen mit mehreren tausend Personen auf engem Raum weit größer als bei Bundesligaspielen." Besonders dann, wenn ein ungebetener Fan kommt, aus einem Land, gegen das die USA Krieg führen möchte. Nein, gemeint ist nicht Osama Bin Laden, der erklärte Fan von Arsenal London.

*** Achja, die Ausweisnummern und der Frankfurter Richter, der Evangelium und Grundgesetz verwechselte: Diese sind "auch erforderlich, da die weiteren gespeicherten Daten hierzu nicht geeignet sind. Der Namen und das Geburtsdatum des Besuchers sind nicht geeignet, da es durchaus verschiedene Schreibweisen geben kann und hierdurch Verwechslungen möglich sind. Insbesondere bei Namen aus dem ostslawischen, ostasiatischen und arabischen Raum sind viele Schreibweisen denkbar." Schön, dass hier die sonst gerne zitierten britischen Hooligans nicht erwähnt werden, weil sie ja noch ohne die zwangsverordneten ID-Karten reisen können, die schick als universal entitlement cards einherkommen. Noch schöner ist allerdings die an Hooligans gerichtete Werbung für Germany: "You can't beat it for a short break". Aber hallo, wie das geschlagen werden kann: "ten german bombers in the air". Das hat schon eine andere Qualität als die Spässekens mit den Kaasköppekens und die Verzweiflung des Oleguer Presas.

*** Bleiben wir international orientiert in vielen Schreibweisen. In Frankreich protestieren Jugendliche gegen den Ersteinstellungsvertrag, den "Contrat première embauche", auch CPE abgekürzt und besser als "Contrat pour L'Enfer" bekannt. Bei uns gibt es keine Verträge für die Hölle, aber die Hölle gibt es schon, vorher, hier vorgestellt von der taz. Hier muss eigentlich kein großartiger Kommentar her und schon gar kein Statement von übergschnappten Politikern, die Kinder mit mangelhaften Deutschkenntnissen nach Hinteranatolien deportieren wollen. Es gibt aber einen großartigen Kommentar, der in 10 einfachen Regeln erklärt, warum es in Deutschland so kalt wird, wenn die Hauptschule zum Sicherheitstrakt erklärt wird. Und merke, lieber Schüler: Unser Bildungssystem bietet jedem eine Chance, also nutze sie. Jeder sein eigener Chancenjäger, und jedem nur eine Chance, präsentiert von den Dönertieren Erkan und Stefan, die der höchste bayerische Politiker als Integrationsfiguren ausgelobt hat, die jungen Türken die Wirklichkeit erklären können. Ja, die Hölle ist für junge Menschen näher als der Himmel für die Rentner.

*** In der EDV sind Hölle und Himmel (oder Fegefeuer?) in dieser Woche zusammengekommen. Der Name ist Programm: Boot Camp, ein Erziehungslager für ungezogene Rechner, in dem Apple zeigt, wie Windows domestiziert werden kann. Natürlich ist die ganze Aktion nur eine Fahrt ins Blaue, bis Apple das Gegenstück nachlegt, ein OS X für 99 Dollar für Windows-Rechner. Der Kampf um den Desktop ist eröffnet, weil Microsoft schwächelt und seinen nächsten Zug verschieben musste. Zu schade, dass der Linux-Desktop diesmal nicht beim Geharke und Gehacke dabei sein kann. Aber seine Enkel fechten es besser aus, natürlich. Und dann haben wir endlich die Rechner, die wir uns schon so lange gewünscht haben und nie bekamen, die Rechner, die die Bedürfnisse des armen Nutzers erfüllen und noch seinen geheimsten Wünschen zu Diensten sind statt den Herren Jobs und Gates. Wirklich? Ach, man darf doch wohl noch mal einen Spaß machen ...

Was wird.

Politisch korrekt wäre heute der Geburtstag von Hugh Hefner zu begehen. Leider habe ich keinen Zugang zu dieser verdrucksten Lebensform, die 16 Titten um sich braucht. Viel eher wäre Yip Harburg zu gedenken, der gestern vor 110 Jahren geboren wurde. Er hat den Zauberer von Oz geschrieben und die Freedom From Religion Foundation gegründet, die heute noch vielen jungen Leuten dabei hilft, den Absprung aus vertrottelten Religionen zu wagen. Deswegen sind die Geburts- und Gedenktage in die Folgewoche abgewandert. Zu erinnern ist an Matthias Domaschk, der vor 25 Jahren in einem Gefängnis der ostdeutschen Staatssicherheit ums Leben kam, unter bis heute ungeklärten Umständen. Wir konnten in den Siebzigern ungehindert durch Europa trampen und erstaunlicherweise ziemlich weit in den Osten. Einmal erklärte ich auf einem hoffnungslos überfüllten Campingplatz in Budapest gegenüber DDR-Hippies, dass der Kapitalismus ohnehin zusammenbrechen wird. Sie fanden das gar nicht lustig. Entschuldigung, nachträglich.

Das bringt uns in diesen flatterhaften Tagen vor der WM zum größten und lustigsten Fachmann – wohl nicht für funktionierende, jobs- und gatesfreie Computer, das Warten auf Godot ist schließlich kein gottschauendes Freudenfest, in dem Wladimir und Estragon der absurden Hölle der Buffer Overflows entrinnen. Kommen wir zum Fachmann für Endspiele, zum Widerstandskämpfer Samuel Beckett. Die anschwellenden Gesänge des Feuilletons könnten hier verlinkt werden, doch was soll's, "was braucht man mehr? Ein Herz an Stelle des Herzens?" (Mercier und Camier). Weil über 30.200.000 deutschamerikanische Blogger sich einfach nicht irren können, halte ich es mit eben diesem Becketts Molloy: "Nicht sagen wollen, nicht wissen, was man sagen möchte, nicht herausbringen, was man sagen zu wollen glaubt, und immerzu sprechen – oder doch beinahe." Bei der Eingabe von Beckett in das Elyseum der Blogger, Technorati genannt und, Hölle nochmal, verteufelt, führt mich Beckett zum Fahrradkolletiv Kreuzberg und erinnert uns alle daran, dass es Frühling wird, wenn man weit genug vom jährlichen Jahrhunderthochwasser entfernt wohnt. Das ist doch was, was war, was wird und woran man immerdar glauben kann, "Zeit und Leid und Selbst das sogenannte Oh alles enden". "Time and grief and self so-called. Oh to all end." (Hal Faber) / (jk)