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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Alles bekommt ein Gesicht. "Der Durchbruch einer neuen Technologie der Informationsgesellschaft, Informationen waren schon Ende der 80er, Anfang der 90er klarer zu haben, und was wir jetzt in den letzten 10 Jahren mit dem Siegeszug des Internets erleben, das wird unsere Gesellschaft in einer Art und Weise verändern, wie wir es vielleicht alle nicht genau voraussehen. Twitter, Facebook, die sozialen Netzwerke, es kann sich in dieser Welt keiner mehr sozusagen so einfach, kann in dieser Welt so einfach jemand versteckt werden, sondern alles bekommt jetzt ein Gesicht." Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf der Münchener Sicherheitskonferenz etwas überraschend ein Bekenntnis zu den technischen Bedingungen der Freiheit abgelegt, das als 1:1-Abschrift der Audio-Datei diese Wochenschau einleiten muss. "Wir haben auch Vieles ermöglicht, was heute auf der Welt gang und gäbe ist. Und dass man Facebook und Twitter überall auf der Welt hat, dass es zunehmend schwer wird, das zu sperren, ob es in China ist, in Ägypten, in Tunesien oder sonstwo auf der Welt, das ist auch ein kleines Bisschen unser Verdienst."

*** Ach ja, manchmal ist man ja schon mit wenig zufrieden: "Es muss ja nicht immer die virtuosere Hälfte sein." Doch stopp, jetzt tue ich Gregg Allman unrecht, wenn ich die eigentlich lobend gemeinten Worte durch Vergleiche mit der deutschen Politik ins Gegenteil verkehre. Immer einen Schritt nach dem anderen, bis Du den Weg zurück in die große Show findest? Einigen Leuten kann man nicht genug wünschen, dass es klappt. Im Vergleich dazu haben viele andere nicht einmal die kleinste Schau in der Mehrzweckhalle von Hintertupfingen verdient.

*** Nun, auf welche Wege auch immer Allmans weitere Schritte führen mögen, zurück in die Niederungen: Hoffentlich erinnert sich die Politik an diese pathetischen Worte Merkels, wenn der Unsinn, einen Kill Switch auch in Deutschland zu ermöglichen, diskutiert wird. Wie die Zappelei in Österreich zeigt, sind es Politiker, nicht Techniker, die von Abschalt und Einschaltknopf-Phantasien geplagt sind. Ja, der Kill Switch zieht "Kreise": Ein Knopf für den Atomschlag, ein Ausschaltknopf für das Internet oder zumindest für den europäischen Teil, ein Notfallknopf für jugendliche Surfer: am Ende gilt für all diese Ansätze der berühmte Satz des Journalisten Henry Louis Mencken: "Für jedes Problem gibt es eine Lösung, die einfach, klar und falsch ist."

*** In Ägypten wurde bekanntlich versucht, das Internet und die Mobilfunknetze abzuschalten, um dem Protest eine Koordinationsmöglichkeit zu nehmen. Ganz gelang dies nicht. Länger als andere Provider blieb Noor aktiv, auch konnte via Satellit bei Thuraya weiter gesurft werden. Unter der Woche wurden die "Schalter" zwar wieder umgelegt, doch solange um die Macht gekämpft wird, ist der Zustand unbefriedigend, wie dies die Re-Build-Kampagne deutlich macht, komplett mit Überlegungen zur Zukunft. Lustig ist es dabei schon, wenn Infokrieger eine einzelne Firma wie Narus dafür verantwortlich machen, als Zaubermeister des Kill-Switches den dunklen Mächten zu dienen. Über die Software von Big Mother ist in diesem Newsticker oft berichtet worden, seitdem der Whistleblower Mark Klein aufdeckte, dass das Programm im Auftrag der NSA in zentralen Verteilern bei AT&T installiert war. Wie diese Weltkarte andeutet, ist die urböse, in Israel entwickelte Software auch in Deutschland im Einsatz. Unter den Partnerfirmen wird für Deutschland die mittlerweile wieder aufgelöste Gesellschaft für technische Sonderlösungen geführt. Was die Beamten von BKA und BND wohl im Gemeinsamen Terror-Abwehrzentrum an Software einsetzen? Nur keine Aufregung bitte: In dieser Woche hat dort das große Verschnaufen eingesetzt, nachdem die Terroralarmbereitschaft in Deutschland heruntergefahren wurde.

*** Ja, alles bekommt ein Gesicht, nur die Journalisten nicht. Sie sind die letzten Ärsche, weil sie unzureichend aus Ägypten berichten. Besonders die öffentlich-rechtlichen mussten dieser Tage viel Kritik als Lamestream Media einstecken, weil sie nicht schnell einen "Brennpunkt" oder ein "Extra Spezial" schalteten wie damals bei Ballacks Knöchel oder dem aschewolkenden Vulkan. Da gibt es ein Remake der friedlichen Revolution von 1989 und wir bekommen keine Bilder? Doch die Sache mit der friedlichen Machtübernahme ist ein Trugschluss, der nur noch von den blödsinnigen Formulierungen über die Facebook-Revolution übertroffen wird. Wahlweise geht auch Twitter-Revolution durch, wie unsere Bundeskanzlerin in ihrer Rede angemerkelt hat. Wenigstens der Blogger/Journalist, der sich sonst als Apple-Fanboy wohlfühlt, kann diesen Unsinn dank eigener Beobachtungen korrigieren. Der Glaube an die Technik von Facebook und Twitter ist maßlos übersteigert und wird einen schweren Rückschlag erleiden, wenn das große Töten der Jungen beginnt. Bei uns wird wahrscheinlich der Überbringer der schlechten Nachricht gesteinigt, darum verlinkt dieser Verweis auf Gunnar Heinsohn in die wesentlich bessere Variante.

*** Paris Hilton ist in Deutschland, doch alles spricht nur über Cyberwar, fordert Abwehrkonzepte ein und nach dem GTAZ ein CyTAZ, komplett mit einer Musterungsbehörde für Hacker, die ihrem Land dienen wollen. Die blonde Bombe zieht derweil ihre Kreise. Prosecco aus der Dose klingt wie ein digitaler Molotowcocktail. In den USA wird die neueste Strategie im Cyberwar als Defense in Depth ausgerufen, nicht ohne herzergreifende Töne, dass jeder "Computer Professional" sein Land verteidigen muss. Der Hindukusch ist sowas von strucki, jetzt ist jeder Firewall das Schlachtfeld im kybernetischen Krieg. Schmettern die Trompeten, klirren die Fahnen? Nichts da, hier ertönt ein leises Farewell. Während mit großem Getöse hinter den Guttenbergen der 100. Geburtstag von US-Präsident Ronald Reagan begangen wird, haben wir Grund zum Erinnern an einen aufrechten Menschen, der Vorbild für viele Informatiker war: Im Alter von 58 Jahren starb vor anderthalb Monaten Gary Chapman, der Mitgründer der Computer Professionals for Social Responsibility. Er war der Informatiker, der den wissenschaftlichen Nachweis führte, dass Ronald Reagans "Star Wars" allein wegen der Komplexität der Software nicht funktionieren kann. Im Zeichen des völlig verkorksten FüInfoSys wäre eine Rede über Verantwortung und Informationstechnik eine zeitgemäße Aufgabe für den obersten Befehlshaber. Zu schade, dass man damit nicht bei einer Boulevardzeitung punkten kann.

Was wird.

Alles bekommt ein Gesicht, nur die Denunzianten und Intriganten, die Verfassungsschützer, die einen Rechtsanwalt 38 Jahre lang beobachteten, die bleiben anonym. Eifrig schützt der deutsche Staat seine Schergen und sperrt die Akten dieser Langzeitbeobachtung. So bleibt unbekannt, was dem Rechtsanwalt und Menschenrechtler Rolf Gössner eigentlich zur Last gelegt wurde. Gössner veröffentlichte im Jahre 1982 das Buch "Der Apparat. Ermittlungen in Sachen Polizei" über die Tendenzen, Polizeibefugnisse über ominöse Anforderungsstatistiken auszudehnen.

Schlimmer als ein seine Auftragsgrenzen überschreitender deutscher Polizist ist nur der deutsche Sprachpolizist, der Regeln exekutiert und nicht verstehen will, was für ein formfreudiges Gebilde die deutsche Sprache ist. Wo Sprachknete auf große Knete trifft, hört der Spaß auf und der Justiv fängt an. Das ist der Fall nach dem Akkusativ, erkennbar durch die Frage "wen/was verklage ich heute?". Schuldig ist in diesem Fall der Ba‘al Azabab aller Leistungsschutzrechtler, die Suchmaschine Google und ihre Unfähigkeit, in Text-Snippets (Satire) angemessen zu kennzeichnen. Für jemanden, der die deutsche Sprache schrebergartenvereinsmäßig kleinmäht, ist dies natürlich ein schwerer Affront, ähem, Tort – oder muss es Realinjurie heißen? Ist das nicht gehopfen wie gespringt? Aber nicht doch. Was hier zu sehen ist, was Google als Snippet angeboten hat, nennen die Juristen eine "verkürzte Inhaltswiedergabe", weil der Vermerk Satire fehlt und die Suchmaschine damit zum "Störer" wird. Alles bekommt ein Gesicht, auch unser neues Leistungsschutzrecht, das die Regierung Merkel auf Wunsch der Verleger einführt, auch wenn es noch so mickrig ausfällt.

Wenn diese Kolumne erschienen und längst am vergilben ist, startet in den USA der Superbowl. Spieltechnisch geht es um eine Pille, die hinter die feindlichen Linien gebracht werden oder über ein Tor gedroschen werden muss, das Numerobis entworfen haben könnte. Werbetechnisch geht es um viel mehr. Motorola antwortet auf das berühmteste Werbevideo der Welt mit einem eigenen Werbespot. Dieser erreicht nicht die bildsprachliche Wucht des Originals, das Ridley Scott inszenierte, doch die Nachricht ist dafür umso klarer: 2011 ist Apple der Big Brother und Freiheit beginnt mit einem M, einem X , einem WWWW, ach soll sich doch jeder seinen Buchstaben selbst aussuchen, ohne das Genick zu brechen! (jk)