4W

Was war. Was wird.

Vom Welttag des Buches über den Tag des Bieres zum Girls'Day ist nur eine kurze Spanne, bemerkt Hal Faber: Ja, wir brauchen nicht nur ein alternatives Ulster, über das heute meist vergessene Bands einstmals sangen.

Lesezeit: 4 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 146 Beiträge
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

Why is my verse so barren of new pride,
So far from variation or quick change?
Why with the time do I not glance aside
To new-found methods and to compounds strange?
Why write I still all one, ever the same,
And keep invention in a noted weed,
That every word doth almost tell my name,
Showing their birth and where they did proceed?

*** Am vermuteten Geburtstag des großen Barden muss ein kleines Sonett über die Einfallslosigkeit der Wortschmiede her. Immer wieder dieselben langweiligen Wochenrückblicke! Wie quicklebendig geht es dagegen vor Gericht zu, wenn SCO von der Richterin gefragt wird, ob das alles ist, wenn ein neuer Experte eine Märchengeschichte über den Diebstahl der Methoden und Konzepte erzählen kann? Für diese unendlich unerquickliche Geschichten wie diese hatte Shakespeare ein Wort kreiert, das heute noch gebräuchlich ist: "foul play". Was übrigens auch auf die ehrenwerten Investoren in die ehrenwerte SCO Group gemünzt werden kann.

*** Aber ach, drei Seelen wohnen in meiner Brust: Heute ist der "UNESCO Welttag des Buches und des Urheberrechts", außerdem der Tag des Bieres, weil vor 490 Jahren das deutsche Reinheitsgebot verordnet wurde. Ganz zu schweigen davon, dass heute auch noch der Geburtstag des Punks gefeiert werden muss. Am 23. April 1976 erschien das erste Album der Ramones. 30 Jahre und ein Museum weiter ist der Blitzkrieg Bop immer noch das Beste, was man seinen Ohren antun kann. Und mit I'm a Nazi Schatzi (Today your Love, Tomorrow the World) kann man immer noch die Gemüter schocken. Seltsam, nicht, was mögen die so Geschockten dann zu den U.K. Subs, Black Flag, den Stiff Little Fingers oder den Dead Kennedys sagen? Ob Sigmar Gabriel als offizieller Rock-Beauftragter der SPD Nazi Schatzi, Let's Lynch the Landlord, Alternative Ulster oder Violent City mitsingen kann?

*** Eher nicht. Diese SPD meint bestimmt, Arctic Monkeys und Green Day wären irgendetwas, was sich Punk-Revival schimpfen dürfte, diese SPD kann noch nicht einmal den Mund aufmachen, wenn ein "Bündnis für Erziehung" von der Leyenspielerschar der Pfaffen und Priesterlein als Reconquista der christlichen Werte ausgerufen wird. Wenn die Regierung Merkel die Trennung von Staat und Kirche angeht, müsste die Partei aufstehen, die unter dem Sozialistengesetz als "sozialdemokratische Freidenker-Gesellschaft" agierte. Abschreckend und abstoßend ist es auch, wie sich prompt Vertreter anderer Religionen anschleimen, die Indoktrination durch höhere Wesen in der Erziehung zu verankern. Bald werden auch sie hinzugezogen, nur die Resttruppe der Freidenker von der Humanistischen Union müssen draußen bleiben. Und natürlich diese schlimmen Menschen aus Ostdeutschland, Albtraum jedes Innenministers, sind sie doch bar jeder Religion aufgewachsen und damit auf einer niedrigen Entwicklungsstufe des Lebens stecken geblieben sind. Die dann aufgrund dieser erschröcklichen Lebensgeschichte zuschlagen müssen, wie in Potsdam.

*** Derzeit rollt die "Mystery Shopping Tour" durch Deutschland. Das ist kein Seeleneinkaufstripp der Scientologen, sondern eine Aktion von Microsoft in deutschen Ländern, illegale Windows-Installationen ausfindig zu machen. Die Basis bildet das absolut anonyme TÜV-IT zertifizierte Prüfprogramm Windows Genuine Advantage zum Betriebssystem mit den kontinuierlichen Verbesserungen. Die Pressemeldung erläutert: "Aus den etwa 8 Millionen Prüfungen, die bis heute durchgeführt wurden, ergab sich eine Quote von mehr als 20 Prozent fehlgeschlagener Validierungen alleine in Deutschland." Also wird man tätig, und zwar in den "Regionen mit einer überdurchschnittlichen Rate an fehlgeschlagenen Echtheitsüberprüfungen". Das allerdings ist die wahre Mystery an dem, was Microsoft Mystery Shopping nennt: Wie findet ein absolut anonymes System heraus, aus welchen Regionen die illegalen Installateure kommen? Wäre es da nicht ehrlicher, von relativer Anonymität zu sprechen?

*** Anlässlich der Unterzeichnung eines Milliardenvertrages der chinesischen Firma Lenovo mit Microsoft hielt der chinesische Präsident Hu Jintao beim Bankett im Haus von Bill Gates eine Rede, in der er Gates als "Freund Chinas" bezeichnete und betonte, dass er täglich einen Lenovo-Computer mit Windows benutze. Das Dankeschön von Microsoft liest sich so: "Microsoft empfiehlt Lenovo für die Erkenntnis der Bedeutung der geistigen Eigentumsrechte und des Wertes originaler Software." Und China ist eine originale Volksrepublik. Apropos Orginalsoftware: Bei der Entwicklung des UMPC mussten die Ingenieure von Samsung lange mit dem unoriginellen Linux arbeiten, ehe Microsoft sein angepasstes Betriebssystem schicken konnte. Dementsprechend gingen die ersten Powerpoint-Paraden in die Hose.

Was wird.

Momentan bastelt die Politik nicht nur an einem Bündnis für Erziehung komplett mit Hölle und Vorhölle. Auch die Kernkraft wird von ölpreisgeschockten Politikern wieder salonfähig gemacht. In dieser Situation ist es bitter nötig, an den 26. April 1986 und die Katastrophe von Tschernobyl zu erinnern, in der wir von den Regierungen in West und Ost nach Strich und Faden belogen wurden. Damals war die Lektüre des Strahlenkompasses in der taz wichtiger als jeder Wetterbericht, obwohl wir bei Regen sofort die spielenden Kinder hineinholen mussten. Heute ist Tschernobyl weit weg, genau so weit wie die Grünen von der Regierungsverantwortung. Während diese kleine Wochenschau entsteht, wurde nicht nur ein Klitschko einmal nicht verkloppt wurde, sondern auch der Earth Day gefeiert. Viele IT-Firmen haben Meldungen geschickt, wie vorbildlich sie sich für Mutter Erde einsetzen, darunter so rührende Meldungen, wie alte Handys zurückgenommen und in der Dritten Welt wieder ausgegeben werden. Wie Fernsehen via IP die globale Erwärmung bekämpft. Wie Microsoft zum Earth Day die größte Solaranlage im Silicon Valley in Betrieb nimmt. Tschernobyl wird kein einziges Mal erwähnt: "Auf lange Sicht sind wir alle tot", lautete das Urteil von John Maynard Keynes über blindes Vertrauen in die positiven Effekte einer Selbstregulierung der Märkte. Aber der ist nun auch schon 60 Jahre tot und seine "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" ist ein 70 Jahre altes, vergessenes Buch, während der Keynesianismus den Wirtschaftsliberalen, Konservativen und Freier-Markt-Fetischisten als wohlfeiler Popanz dient.

Am Welttag der Bücher und Biere an den Girls'Day nächste Woche zu erinnern, das hat was. Im WWWW wurde die Veranstaltung schon mehrmals bekrittelt, weil Mädchen für doof gehalten werden: Vor allem dürfen sie den Schraubenzieher selbst in die Hand nehmen. Mir graust vor solchen Sätzen, erst recht, wenn Girls zum Marketing missbraucht werden. "Neben einer Orientierungsrallye wird den Teilnehmerinnen die Möglichkeit gegeben, in Form einer Gruppenarbeit eine Werbung für ein Produkt von Fujitsu Siemens Computers zu erstellen."

Vor 25 Jahren gab es noch keinen Girls'Day in Deutschland, auch keinen Girls' Day oder Girls Day oder Girl's Day. Dafür kam an einem 27. April das Internet nach Deutschland, was Grund genug ist, eine kleine Party im Haus der Geschichte steigen zu lassen. Zwar sind bei der Veranstaltung erstaunlich viele deutsche Internet-Pioniere nicht eingeladen, doch das soll der Feier keinen Abbruch tun. Das Datum selber ist schließlich auch falsch: Der 27. April ist schlicht der Tag, an dem das Haus der Geschichte einen freien Termin hatte. Denn wann das Internet nach Deutschland oder ob es nur bis Dortmund kam, darüber streiten sich die Experten.

Wie mächtig das Internet und besonders das World Wide Web und natürlich auch das WWWW aus der norddeutschen Tiefebene ist, zeigt die Aufnahme des kompletten Buchstabens W in die schwedische Sprache, weil ausgerechnet "Web" und "Wannabee" ins offizielle Wörterbuch der schwedischen Akademie Eingang fanden. Genau wie "Blogg", "Cookie", "Interface" und "Pesto". In Schweden heißt der neue Buchstabe genau wie im Englischen Double-V und erinnert damit praktischerweise gleich mit daran, dass die Vorfahren von George W. Bush aus Schweden stammten. Das Ganze läuft unter dem ebenfalls neu aufgenommenen franzschwedischem Wort "miljöanpassa", der Anpassung an das Milieu. Früh krümmt sich, was ein Häkchen werden will, schrieb einstmals Jerzy Lec.

In diesem Sinne wünsche ich eine möglichst unangepasste Woche. (Hal Faber) / (jk)