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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Nein, diese kleine Wochenschau beschäftigt sich nicht mit Julian Assange und seinen Wikileaks wie die letzte, dafür kritisierte Ausgabe. Nein, auch zum Dr. plag. zu Guttenberg von der achtbaren Universität Bayreuth findet sich nichts in diesem Rückblick. Seine endgültige Titelniederlegung am Grabmal des unbekannten Plagiaten ist erst für die kommende Woche vorgesehen. Scheiß auf den Doktortitel, der nichts anderes ist als ein knackiger Busen und eine Straffung des Popos, weiß ein fleißiger Briefschreiber von den Guten! zu berichten. Bemerkenswert an der ganzen Geschichte bleibt, wie präzise das GuttenPlag-Wiki arbeitet. Derzeit stammen 247 Seiten der Dissertation nachweisbar aus fremden Federn, eine beachtliche Quote vom 62,8%. Wer mitverfolgt, was dieses Wiki leistet, kann sich in Ansätzen vorstellen, was Wikileaks als aufklärerisches Wiki-Projekt erreichen könnte. So aber bleibt es vorerst bei der abgedrehten Einmann-Show eines angeblichen schwedischen Staatsfeindes, der sich für "untouchable" hält und zum Auslöser der maghrebinischen Revolution stilisiert.

*** Viel interessanter ist es da, sich mit dem Cyberwar zu beschäftigen, der nach Aussagen des NSA-Kommandanten Keith Alexander unmittelbar bevorsteht. Auf der RSA-Konferenz zeichnete er ein düsteres Bild, bemängelte auch die Art und Weise, wie unordentlich dieser Krieg geführt wird. Nicht mal eine ordentliche Kriegserklärung ist Standard, ganz zu schweigen vom Digitalen Roten Kreuz, das in der Erweiterung der Genfer Convention vorgeschlagen wird. Fehlt die Kriegserklärung, bleibt eine feige Cyber-Attacke übrig, mit der sich die Innenminister herumschlagen müssen. Die reichen den Auftrag an ihre Polizeien weiter, die an Crimeleaks-Seiten basteln und darauf hoffen, dass der Hacker als Bürger mithilft, seinen Staat zu verteidigen. Dass ein hoher Polizeibeamter auf dem "europäischen" Polizeikongress über die Hacker-Ethik referiert und dabei auf den "deutschen Hacker-Club e.V." verweist, zeigt den blühenden Unsinn der Sehnsucht nach irgendeiner Art von Cyber-Ordnung. Was ist an der CCC-Aussage "nur bedingt einheitlich definiert" eigentlich so schwer zu verstehen? Es sei daran erinnert, dass dieses Gespinst einer Hacker-Ethik entwickelt wurde, als Menschen aus dem Umfeld des CCC sich beim KGB-Hack "unethisch" verhielten. Dass es eine andere Sicht der Dinge gibt, dass Ethik geschält, halbiert und bei Geschmack frittiert werden kann, wird gerne vergessen. Hacker können ohne Ethik leben und ohne den Imperativ, einen Staat zu verteidigen, der ihre Programmierwerkzeuge kriminalisiert hat, ganz ohne Cyberwar-Gemurmel.

*** Bekanntlich haben die bösen Buben von Anonymous die beiden Firmen HBGary und HBGary Federal nach allen Regeln der Hackerkunst zerlegt. Das wurde gemeldet, doch sollte jeder, der von Cyberwar redet, auch die Erzählung lesen. Firmenchefs eines Spezialisten, der NSA und andere Geheimkramsläden beliefert, die überall das gleiche einfache Passwort benutzen, ein CMS mit SQL-Injection, die "Absicherung" mit MD5 und als Krönung "social Engineering" vom Feinsten, als Personation von Superhacker Greg Hoglund: als Drehbuch kann es dieser vollkommen unglaubwürdige Plot mit Swordfish aufnehmen, wo ein Hacker per Fellatio ein Passwort entschlüsselt. Die Krönung der Aktion ist natürlich die Flut von Dokumenten und E-Mails, besonders die Analysen dieser Firma, die für teures Geld an interessierte Dienste verkauft wurden. Wer will, kann diese Analysen bei Cryptome lesen, einer ganz unspektakulär funktionierenden öffentlichen Hacker-Bibliothek. Auch die Enttarnung von Anonymous findet sich dort: /b/ von 4chan.org und die Encyclopedia Dramatica sollen die Plätze sein, an denen sich die bösen Buben vor dem Chat-gesteuerten Angriff sammeln. Dieser Lulz soll passiert sein, nachdem die Firma wegen Lebensgefahr ihren Stand auf der RSA-Konferenz räumte.

*** Gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit gibt es keine App, so Hilary Clinton in ihrer neues Grundsatzrede zur Internetfreiheit. Sollte es aber doch einen Kill Switch geben, so will sie 25 Millionen Dollar für Programme ausgeben, die die Internetzensur unterlaufen. Mit dem ersten Anlauf namens Haystack hat man im letzten Jahr bereits 20 Millionen Dollar in den Sand gesetzt. Was die enorme Summe anbelangt, so steht uns Deutschen keine Kritik zu. Wir zahlen lieber in schwer kontrollierbare Demokratiefonds ein und schwärmen vom Bloggen und diesem Internetdings. Bleibt mir daher nur übrig, die ätzende amerikanische Kritik wiederzugeben: "WHAT? Dictators $10 billion, Democracy lovers $25 million, hypocrisy priceless." Dann wäre da noch Bahrein, dieses wunderschöne Land, bekanntlich ideal für eine Fußball-Weltmeisterschaft geeignet. Beschämend ist, dass der Österreicher Niki Lauda für seine einfachen Sätze ausgebuht wird: "Wenn Menschen für Demokratie kämpfen, kann man da nicht Formel 1 fahren. Das ist nicht vereinbar." Keine Klickstrecke für die schönsten Boxenluder der Formel 1. Und die IT-Branche? Scheich Achmed freut sich über die Gespräche mit Google, ein Rechenzentrum aufzubauen. Cisco ist auch schon da. Wem das alles zu schnell geht, wird lieber in den Demokratiebremsefonds einzahlen: Von China lernen heißt blockieren lernen.

*** Bekanntlich hat Watson die Quizshow Jeopardy! gewonnen und damit die Philoso-Viehtreiber schwer erschüttert, die dem um die Ecke denkenden Menschen eine besondere Qualität andichten, statt ihn in einem simplen Turing-Test als eine von vielen möglichen Maschinen zu sehen. Watson machte Fehler und soll dennoch eine große Zukunft in der Anamnese vor sich haben. Ich freue mich auf den Tag, wenn ich meinem Arztprogramm erzähle, wie schlapp und elend ich mich fühle, das prompt mit : "Was ist Toronto?" reagiert. Spaß! Spaß! Längst haben die Programmierer den Fehler gefunden: Gott sei Dank glauben sie nicht daran, dass Irren menschlich ist.. So kommen wir Stück für Stück der Singularität näher, dem Punkt, an dem wir Menschen als hübsch lastbare Esel und Eselinnen stehen bleiben und uns auszahlen lassen. Dass Watson mit "What is eminent domain?" (Was ist eine Enteignung?) Watson beim Wetten auf das Daily Double gewann, ist einer dieser Kellerwitze der Philosophie. Die Vorgabe war weise: "This two-word phrase means the power to take private property for public use as long as there is just compensation." Open Source und Open Knowledge, das freie Wissen für freie Maschinen, wir arbeiten dran.

Was wird.

Kokolores ist eine sprachliche Verballhornung des mittelalterlichen Mummenschanzes, wenn die Gaukler Einzug halten in die Stadt. Kokolores hoch drei spielte sich bekanntlich in der Bundespressekonferenz ab, komplett mit einer Auflistung der Karnevalstermine, die Angela Merkel hat. Die tollen Tage haben begonnen, da schadet es gewiss nicht, wenn unsere Kanzlerin zum Vergleich mit den eigenen Leuten "Jecken aus allen Ecken Deutschlands" empfängt. Kurz vor der CeBIT sollte man seinen Spaß haben, ehe es in die lustigste Stadt Deutschlands geht. Frau Merkel setzt noch eins drauf und begibt sich in die T-City Friedrichshafen zum T-City Tag, den sie mit Mister 1000 Volt Stefan Mappus und René Obermann nach Besuchen bei mit dem Verkauf von Anteilen bröckelnden "deutsch-französischen" Firma EADS und ZF Friedrichshafen begeht. Dann geht es im Kanzlerinnengalopp zur Familie Mustermann, die in der an einem Teich gelegenen T-City zünftig Bachmann heißt und in die Freuden des Smart Metering einführt. Die vernetzte Intelligenz ist etwas für die härtesten Jecken, denn das Ausweichen beim Stromverbrauch auf Nebenzeiten bedeutet, dass diese Nebenzeiten vorab definiert werden können und der smarte Zähler vom Verbraucher programmiert werden kann. Na, dann gaukle ich auch ein wenig und sage den Tag voraus, an dem der Staat im Kampf gegen den Terrorismus die Vorratsdatenspeicherung unserer Duschdaten als notwendig erachtet: ein erster April. Manchmal beglückt wirklich nur eines: Konzentration aufs Wesentliche. (jk)