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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Dort, in den dunklen Wäldern, wo fränkische Wettertannen wachsen, treiben sich unendlich viele Affen herum und tippen unendlich lange Texte aus dem grauen Internet ab. So entstand eine Doktorarbeit, die von den Herren von und zu Waldbesitzern eingereicht wurde und folgerichtig mit summa cum Laub bewertet wurde. Dass ganz gewöhnliche Affen zu dieser Leistung imstande waren und damit Watson ausstachen, die höchstentwickelte Intelligenz auf diesem unseren Planeten, war das Gesprächsthema dieser Woche. Nicht die so gezeigte Verachtung der Politik für die Wissenschaft ist überraschend. Wer die politischen Sonntagsreden mit dümmlichen zum Hightech-Standort als der besonderen Stärke von Deutschland, von "Exzellenz" und "Hochkarätigem" liest oder morgen abend auf der CeBIT wieder hört, kennt diese ganz spezielle Verachtung zur Genüge.

*** Auch die unfeine putschistische Art der Konservativen, sich brutalstmöglich über Recht und Gesetz zu stellen, überrascht nicht, gibt es doch eine langeTradition in Deutschland für diese Legitimitätspfeiferei. Was überrascht, ist die Tatsache, wie spät der akademische Lack vom adeligen Gelberg abgewaschen wurde. Als zu Guttenberg Platon auf Altgriechisch zu seiner Lektüre erklärte, glaubten viele dieser Inszenierung frei nach AC/DC. Jaja, Vorbilder braucht das Volk und der Adel hat seine eigenen:

"Die Haupttriebfeder seiner Handlungen war nicht der Wunsch, Gutes zu schaffen, sondern der Ehrgeiz, als Förderer populärer Bestrebungen bewundert zu werden und als großer Mann auf die Nachwelt zu kommen; der durchgehende Charakterzug seiner Maßregeln war eine nervöse Hast, die unaufhörlich von einer Aufgabe zur anderen eilte, sprunghaft und oft widerspruchsvoll, und dazu eine höchst gefährliche Sucht, alles selbst auszuführen." Ludwig Quidde, Caligula

*** Zweifelsohne wird der Tag kommen, an dem der helle Watson eine perfekt zusammenkopierte Dissertation mit dem Zusatzlob Summa cum Suma vorlegen wird, die von einer menschlich vergeisterten nicht zu unterscheiden ist. Und danach kommt sicher auch "Calculatio ergo sum", die erste eigenständige philosophische Dissertation einer Maschine nach der großen Singulartität. "Bruno, was ist Leben?", auch diese Frage von Hal wird dereinst an einem hübschen Turing-Tag von einer Maschine ausführlicher als mit 42 beantwortet werden, in natürlicher Sprache. Der Mensch, dieser ewige Verlierer, beim Schach, bei Jeopardy und beim Andocken von Raumstationen, wird schweigend danebenstehen und es in Ordnung finden, "arbeitslos zu sein und nicht gebraucht zu werden, weil man dann sein Lebenstempo selbst bestimmen kann".

*** Was das Lebenstempo anbelangt, so geht manchen Politikern vor lauter Tempo die Luft aus. Die Geschwindigkeit, mit der sie vor einem Cyberwar warnen, eine Cyber-Abwehrstrategie basteln und ein Cyber-Abwehrzentrum einrichten oder kritisieren, möchte man bei anderen Vorhaben sehen, wie dem Löschen von Cyber-Kinderpornographie im Netz. Immerhin wird die Cyber-Defense vom BSI angeführt und nicht von einem Verteidigungsministerium, das lebenstempomäßig vollauf damit beschäftigt ist, Fähigkeitslücken in seiner Notes-Installation zu definieren. Auch das Cyber-Abwehrzentrum wird Schwierigkeiten haben, den Begriff Cyberwar ordentlich zu definieren. Immerhin weigern sich die USA und Israel, ihren Stuxnet-Angriff gegen den Iran als solchen zu benennen. Gleiches gilt für die Welle der chinesischen Angriffe. Was McAfee den Angriff der Nachtdrachen (PDF-Datei) nennt, ist McAfees Wortwahl. Spannend wird es erst, wenn China die Nachtdrachen paradieren lässt und zu seinen Netzkämpfern steht. Dann wird man erst die Existenz von amerikanischen Programmierereinheiten vernehmen, die Ziegen in den Arsch schauen und hören, wie sich die entsprechende Cyber-Truppe beim BND nennt. Tutti Gutti? Als 1991 der Begriff Cyberwar auftauchte, war er noch sehr teleologisch besetzt in dem Sinne, dass er ein Kampf rivalisierender künstlicher Intelligenzen sein wird. Immerhin wurde inzwischen diese Ideologie verabschiedet, mit netten Maschinen wie Watson, der Jeopardy! spielt und nie niemals nicht wann auch immer militärisch eingesetzt wird, sondern stux nett bleibt.

*** Tunesien machte es wunderbar touristisch-kompatibel, Ägypten zeigte schon ein anderes Kaliber und kann derzeit noch nicht zu den Gewinnern gerechnet werden, doch in Libyen wird übel gemordet. Wer weit genug zurückschaut, wird Gründe finden. Die internationalen Reaktionen laufen auf eine Flugverbotszone hinaus. Anders als Ägypten wurde in Libyen die Kommunikation via Thuraya systematisch gestört. Auch das hat offenbar nichts genutzt, wenn diese Meldungen stimmen. Wie sieht eigentlich eine Bundesrepublik Deutschland voller Einwanderer aus, die aufsteigen wollen? Genau, wir brauchen helle Köpfe.

Was wird.

Pressebätsch, Partytickets, USB-Stickbeutelchen und bequemes Schuhwerk. Das war's schon, die CeBIT kann beginnen. Es wird eine Erholung sein, eine guttenbergfreie Zone zu betreten: 2009 war Deutschlands fähigster Plagiator in Hannover mit dabei und bestritt mit dem Filmschauspieler Arnold Schwarzenegger einen Breitbandgipfel. So hätten wir Zeit genung, ein bisschen mit Watson zu plauschen, von Schreibprogramm zu Schreibprogramm. Ansonsten wird gesoffen bis zum Abwinken, wie das so ist, wenn sprechende Cocktail-Shaker mit ihren Verbmobilen auf journalistische Flaschen treffen und Watson laufend mit "Was isn Toronto?" dazwischenquatscht. Anschließend ist Partytime, wenn die Gorillagläser in echter Echtzeit gefüllt und in einem Quantensprung ausgetrunken werden. Dazu hört man am besten den Falco-Kracher, der auf der ersten CeBIT vor 25 Jahren zu hören war, auf der Heinz Nixdorf nach einem Tänzchen (zu anderer Musik) tot umfiel. Am nächsten Tag wachen wir dann in der Steinzeit auf.

Steinzeit, Steinzeit, da war doch was? Richtig, am Montag kann als Jubiläum der 50. Geburtstag des Fernseh-Urteils gefeiert werden, als deutsche Gerichte das Adenauer-Fernsehen verhinderten. In der Steinzeit des Fernsehens wollte Bundeskanzler Adenauer, mit den kritischen Berichten des 1. Deutschen Fernsehens unzufrieden, die Freies Fernsehen Gesellschaft durchsetzen. Sehr nett die Idee des Bundeskanzlers, dass das Gegenfernsehen ein ordentlich gemischtes Programm senden wollte: der bekennende Jazz-Fan, Krimiautor und Sexologe Ernest Bornemann war als Programmdirektor einer Anstalt vorgesehen, in der auch die Veteranen des nationalsozialistischen Fernsehens untergebracht werden sollten. Glaubt man der englischsprachigen Wikipedia, so war es Adenauer höchstpersönlich, der den ehemaligen Kommunisten Bornemann zur Rückkehr nach Deutschland bewegte. Bornemann wollte Jazz-Sendungen und Literatur-Diskussionen produzieren, die Wissenschaft sollte Heinz Haber betreuen, als Volks-Aufklärer vom Dienst war Oswalt Kolle im Gespräch. Daneben sollten die Altnazis ihre heroischen Bergfilmchen mit ach so unpolitischen deutschen Burschen produzieren.

Aus alledem wurde nichts, denn das Gericht befand, dass der Bundeskanzler mit einem eigenen Programm seine Kompetenzen überzog und letztlich sogar die Verfassung anrempelte. Staatsfern und nicht durch Parteien kontrolliert sollte das Fernsehen sein. Mit dem Urteil wurde das Fernsehen aufgewertet: War früher von einem Medium der öffentlichen Meinungsbildung die Rede, wurde es vor 50 Jahren zum eminenten Faktor der Meinungsbildung. Diese Rolle des Fernsehens übernimmt gerade ein neueres Medium, das Internet. Auch hier wird mit neuen Sendeformen experimentiert, auch hier wird um den Informationsbegriff gerungen. Auch wenn wir gerade recht geekige Probleme haben, wie Open Data, Liverstreams und https: Wir sind ab sofort der 18. Sachverständige. Und bitte: Wer wird angesichts dieser Bilder mit einem gewissen Openleaks-Touch bezweifeln, dass sich eine andere Instanz installiert? "Wir sind das Volk" hat auch einmal recht überschau- und bespitzelbar angefangen. (jk)