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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die CeBIT ist gerade vorüber, das blutrot des Heisetickers verblasst, ein paar tanzende W künden vom Alltag in den nebeligen kalten Ebenen, von wegen strahlendes Wetter. Am letzten Tag der Messe feierten einige Unentwegte, nein, nicht diesen bescheuerten Karneval, sondern das erste Treffen des Homebrew Computer Club vor 36 Jahren. Und sonst so? Die Türken sind abgereist und die Hyperboräer greifen in warmen Zimmern zu einem guten Buch und verschnaufen. Wie wäre es mit Tolstoi und Anna Karenina?

"Ich bin schwach, ich bin vernichtet, ich habe nichts vorausgesehen und begreife jetzt auch nichts", sagte er. "Mein Freund", wiederholte Kristina Schröderowa.

"Ich beklage nicht meinen Verlust, aber meine Stellung ist tief beschämend."

"Nicht Sie haben großmütig Verzeihung gewährt, sondern er, der in unserem Herzen wohnt", sagte die Gräfin mit einem Blick nach oben, "und darum können Sie keine Beschämung empfinden."

Guttemins Miene verdüsterte sich. "Man muß alle Einzelheiten kennen", sagte er mit seiner dünnen Stimme, "ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht, Gräfin, den ganzen Tag muß ich Anordnungen treffen über die Haushaltung, mich um die Dienerschaft, die Gouvernante, die Abrechnungen kümmern, es ist, als ob man auf kleinem Feuer langsam geröstet wird."

*** Ein kleines, feines Plagiat, das von den Fallen eines Summa-cum-laude-Lebens kündet, auf dass selbst die ach so alternative taz mit ihren Kräften am Ende ist. Wenn allerdings die üble Plagiatsgeschichte infamerweise mit dem Tod und der Verwundung von Soldaten vermischt wird, muss noch der größte Verehrer des Adels den mehrfachen Schwindel begreifen, den kein Hochstapler, sondern eine Art Zustapler da weiterhin ganz ungeniert betreibt. Auf kleinem Feuer langsam rösten, das wäre eine prima Alternative zu den Geschichten, die sich bereits mit dem Comeback des "politischen Talents" beschäftigen.

*** So war es eine CeBIT, auf der die angeschlagene Angela Merkel keine Fleißpünktchen fürs Technikgucken sammeln konnte, sondern viel telefonieren musste, weil ihre vordemokratische Idee mit den "zwei Körpern des oberfränkischen Barons" (Ernst Kantorowicz) bei aufgebrachten Wissenschaftlern nicht ankam. Es war eine CeBIT, auf der ein glücklich lächelnder Innenminister zur Bundeswehrreform abkommandiert wurde. Wünschen wir dem netzdialogisch aufgeschlossenen Herrn de Maizière, dass sein Marschbefehl sich anders angehört hat als der Werbemüll für Muttersöhnchen, den seine neue Truppe da für den Hörfunk produziert hat. Die Nachwuchswerbung erscheint mindestens genauso reformbedürftig.

*** Dass die CeBIT manchem vollkommen unspannend vorkam, hatte nicht nur mit dem politischen Verwerfungen zu tun. Das wichtigste Produkt, das neue iPad für die moderne Großmutter, wurde in Kalifornien präsentiert, dort wo laut David Gelernter die Technologiegötter in einem Tal leben. Es hatte auch mit den CeBIT-Managern zu tun, die das Thema Cloud Computing unter das Volk bringen wollten. Entsprechend dümmlich die Artikel über Supercomputer, die die Größe von Fußballfeldern haben sollen – wie wäre die Umrechnung in die 2568,65 km² Standardeinheit des Saarlandes? Unwidersprochen auch der von IBM behauptete Blödsinn, dass ein wirbelnder Watson die gesamte Menschheit voranbringen wird. Wo es doch nur darum geht, mit der Smart Agenda den eigenen Profit ordentlich zu steigern, wie dies der achte IBM-Präsident in 100 Jahren IBM-Geschichte demonstriert.

*** Vielleicht sollte man bei diesem Supercomputerschmarrn in Anlehnung an Kantorowicz von den "zwei Körpern des Computers" sprechen und die Differenz zwischen der öffentlichen Funktion dieser Clouds und den Rechnern, die die Wolke bilden, näher beleuchten. Dann würde auch enttarnt, wenn Fernsehleute vom Tod des PC reden, wo bestimmte Realweltinkarnationen des Computers den Dodo machen. Der bereits erwähnte Artikel von David Gelernter "Unser neues Bauhaus", den die Frankfurter Allgemeine Zeitung zum Abschluss der CeBIT veröffentlicht, zeigt das Problem in einem grellen Licht. Es wird von Benutzeroberflächen geredet, wo wir Informationsoberflächen brauchen, es werden furchtbar programmierte und schwer zu bedienende MP3-Player gelobt, wo doch viel mehr möglich sein könnte. Statt all dem iconifizierten Müll der Schmalspur-Apps könnte ein an den Menschen im Bauhaus-Stil angepasstes Musiksystem Musik erlebbar machen. Kunst und Technik müssen eine neue Einheit eingehen. Doch welche Kunst, welche Musik ist hier gemeint?

"Musiktitel müssen zusammen mit elementaren Informationen über die Darbietenden und die Aufführung geladen werden. Es muss leicht möglich sein, die Noten herunterzuladen. Es muss leicht möglich sein, die Partitur mit Anmerkungen zu versehen und diese mit anderen Personen auszutauschen. Man muss verschiedene Aufführungen eines Stücks Satz für Satz bequem miteinander vergleichen und bei Bedarf zusätzliche Informationen aus der Cloud beziehen können. Man drückt einen Knopf, und solange man ihn drückt, strömen weitere Informationen herein - über die Instrumentierung, die Aufführungsgeschichte, das Leben des Komponisten. Natürlich sollte man den Player an ein größeres Audiosystem anschließen und dabei den Fernsehbildschirm als Display benutzen können.

Mit einem PC, wie er immer noch allzu röhrend neben oder auf vielen Tischen in Büros und Wohnungen steht, hat das allerdings wirklich nichts mehr zu tun. So erleben wir ihn, nicht nur durch das Aufkommen neuer Gerätschaften, hoffentlich wirklich, den Anfang vom Ende des PC. Das mag der gestandene Informatiker unserer Tage so unmöglich finden wie der Römer die Eroberung seiner Stadt durch die Vandalen. Oder der in Erinnerungen an die Liebe in den Zeiten des kalten Krieges Schwelgende das Ende des Mixtapes. Hilft aber alles nichts. Das Unbekannte ist der Feind des Gewohnten.

*** Es gibt noch eine andere Welt der Software. Weit abseits vom CeBIT-Trubel hat das Bundeskriminalamt seine Sirup-Studie veröffentlicht. Sirup (PDF-Datei) ist ein Akronym und steht für "Sicherheitsrisiken für Computeranwender im häuslichen Umfeld durch kindliche und jugendliche PC-Nutzer". Befragt wurden 1.171 rheinland-pfälzische Schüler und Schülerinnen der 7. bis 10. Klassen aus allen Schulformen darüber, wie sie Familien-PCs nutzen. Über die Hälfte (54%) hatten eigene Rechner, dennoch ging es darum, wie surfende Kinder die Familie in digitale Bedrohungslagen bringen. Wer den Aussagen "Ich weiß genau, wie ich an gefälschte Seriennummern für meine Software gelange" und "Ich habe mich schon einmal dabei erwischt, wie ich im Internet gezielt nach Seiten mit illegalen Inhalten gesucht habe" zustimmte, kam in die Risikogruppe "Besuch illegaler Seiten und Software-Piraterie", die in der Studie laufend auftaucht. Der Gimmick zum Schluss: Die Schüler, die technisch die besten Kenntnisse über Computersicherheit, Firewalls und obskure Dateianhänge hatten, besuchen am häufigsten illegale Seiten. Die Proto-Hacker lassen grüßen.

*** Nach diversen gescheiterten Anschlägen hat Deutschland in dieser Woche erstmals ein islamistisch motivierten Terroranschlag erlebt. Dass der "home-grown" Terrorist nicht schlimmer zuschlug, ist einer Ladehemmung der schlecht gewarteten Schusswaffe zu verdanken. Nun sind sie da, die Forderungen nach umfassender Vorratsdatenspeicherung und Verbot von Ego-Shootern, passend ergänzt durch Bestrebungen des neuen Innenministers, eine neue Vorratsdatenspeicherung einzuführen. Dass niemand auf den offenkundigen Widerspruch hinweist, dass ein selbstradikalisierter Einzeltäter nicht durch solche Datensammlungen entdeckt werden kann, wenn er gutnachbarschaftliche Beziehungen mit anderen potenziellen Tätern unterhält, verweist darauf, wie sich Überwacher und Belauscher insgeheim freuen können. Gekrönt wird das Ganze durch eine bornierte Ministermeinung darüber, wo der Islam hingehört. Dieser Sprengsatz ist gelegt.

Was wird.

Die CeBIT ist vorbei, der internationale Frauentag bald auch. So richtet sich der Blick auf den Welttag gegen Internetzensur, an dem die "Feinde des Internet" enttarnt werden und Preise für die weltbesten Netizen in Paris vergeben werden. Ein heißer Kandidat kommt aus Tunesien, doch leider wird man nicht die findigen Chinesen ehren können, die Lächeln als subversives Zeichen des Widerstandes besetzten. Nun wird vor Träumen gewarnt.

Wie sieht es bei uns mit den Träumen aus? Sie liegen nicht unter dem Pflaster, sondern in einer Enquête-Kommission namens Friede, Freude, Adhocracy. Was sie erreichen kann, ist unklar, die Mühen der Ebene sind groß. Das Gegenstück zu dieser neuen Beteiligungsplattform ist das Bürgerforum 2011, das von der Bertelsmann-Stiftung aufgesetzt wurde. Am nächsten Samstag eröffnet das Bürgerforum seinen Dialog mit einer Rede von Bundespräsident Christian Wulff, die von Naila aus in die 25 Städte und Landkreise übertragen wird, die partizipieren dürfen. Jeweils 400 Bürger sind nach dem Zufallsprinzip ausgewählt dabei und diskutieren die Frage: "Wie kann der Zusammenhalt der Gesellschaft gestärkt werden?" Gegenfrage: Fliegt denn etwas auseinander? Und warum wird in Naila diskutiert, der Stadt unseres neuen Innenministers? Kann das mal die Sendung mit der Maus klären? (jk)