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Was war. Was wird.

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Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Wenn sich Erdplatten verschieben, rutscht auch ein kleiner Technikticker vom gängigen Pfad der Themen weg. Meldungen mit vielen, vielen Updates künden von einer unübersichtlichen Lage, in der der Glauben an die Kontrollierbarkeit der AKW-Technik endgültig beerdigt wird, wenn die Nuklearkatastrophe droht. Der nicht abreißende Strom der Forums-Kommentare zeigt Anteilnahme und kommt weitgehend ohne dieses sonst so übliche Genörgel "was hat das mit IT zu tun?" aus. Die Zeiten drehen sich und wir drehen mittendrin mit. Dass es ein außen geben kann, etwa einen tsunamifreien Fluid State gegen die Verknöcherungen des Solid State, ist eine nette kleine Illusion im totalen Durchblicksstrudel. Wenn dann die Sommersonne knallt, ist es auch nur Kernenergie, nur dass der Reaktor weit genug entfernt ist. Bis dahin bleibt der Blick auf diese Welt gerichtet.

*** Mark Twain wusste es schon: "Es gibt Lügen, verdammte Lügen und Statistiken." Statistisch gesehen sind unsere Kernkraftwerke sicher, statistisch ist die Karikatur von Manfred Hokusei, Die Rheinflut bei Biblis 2011 künstlerische Imagination und sonst nichts. Aber wir Deutschen haben uns immer gerne in die Taschen gelogen, in denen jetzt links ein Smartphone mit Geigerzähler-App steckt und rechts ein Sixpack Jodtabletten-Röhrchen. Dazu gibt es die Antiatommoratorium-Dumm-Dumm-Geschoss-Propaganda einer Regierung, die allen Ernstes den Sozis und den Grünen vorwirft, den Atomausstieg nur halbherzig versucht zu haben. Die Kernkraft-Debatte in der deutschen Politik macht aus dem japanischen Elend eine deutsche Katastrophe: Die Gehirne der Abgeordneten von CDU und FDP scheinen gewaschen worden zu sein. Ein ausgemauscheltes Moratorium par Ordre de Mutti soll die Wahlchancen retten, auch wenn es juristisch ausgesprochen kipplig aussieht. Doch bitte, das ist Politik, das Bohren dümmster Bretter.

*** Als ich im schönen Hannover das Sonnenlicht der Welt erblickte, war Atomkraft fesch. Damals gab es keine c't und keine iX, wer sich für Technik interessierte, las in der BRD die Geschichten in "Hobby" über das erste Atom-Auto in der Sowjetrepublik oder die über die Firma Siemens, die 1958 einen Kernreaktor für den Hausgebrauch vorstellte. In der DDR lobte Robert Havemann die saubere Atomtechnik, dank derer Wohnblockreaktoren in den Städten Strom und Wärme liefern, ohne die Luft zu verpesten. Doch gerade aus der Perspektive der technisch Interessierten kam früher Widerspruch, wenn es um die Beherrschbarkeit der Technik ging. Man musste gar nicht Robert Jungk lesen oder Friedrich von Weizsäcker, Hobby war da deutlich genug, im Jahre 1960: "Trotz allen Fortschritten in der Raumfahrt gibt es für den Menschen nur einen einzigen Planeten, auf dem er auf die Dauer leben kann: die Erde. Die gilt es sauber zu halten."

*** Als Tschernobyl passierte, gab es ellenlange Diskussionen im Kinderladen, was wir mit der quengelnden Bande unternehmen könnten, die nichts anderes wollte als draußen bei schönstem Wetter im verwilderten Garten zu spielen (den es nicht mehr gibt, von besorgten Eltern 2.0 abgeholzt). An den obligaten Elternabenden wurden Geigerzähler nach Bastelanleitungen wie der in der Elrad 6/86 (Artikel ab Seite 36, Platinenlayout ab Seite 48) und 9/86 (Praxisbericht zur Kalibrierung) zusammengebaut. Besser Verdienende leisteten sich Geiger-Müller-Zähler, bei denen die Röhre über Verstärker und CMOS-Schalter an einen programmierbaren Taschenrechner angeschlossen wurde, der die Umrechnung übernahm. Heute wird China bereit stehen: In spätestens 3 Wochen wird der deutsche Markt überschwemmt sein mit den Geräten.

*** Und noch ein Blick zurück: Heute vor 16 Jahren wurde in Tokyo der Sarin-Giftgasanschlag der Ōmu Shinrikyō verübt, die in den Medien Aum-Sekte genannt wurde. Ihre Religion, ein wildes Gemisch aus Buddhismus, der Psychohistorik des SF-Autors Isaac Asimov und einer japanischen Comicserie prophezeite den drohenden Weltuntergang zum Jahre 1997, beginnend mit gewaltigen Erdbeben im japanischen Raum. Diese Prophezeiungen entbehrten jeder Wissenschaft, ganz anders als die Berechnungen (PDF-Datei), die für 2007 plusminus 3 Jahre ein großes Tokai-Beben mit Tsunami-Wellen annahmen. Wie diszipliniert Japan auf das Sarin-Attentat reagierte, bestimmt bis heute unsere Wahrnehmung. Ob diese Effizienz nur auf Tokio beschränkt ist und die ruinierte Präfektur Fukushima schon ausgegrenzt ist, wie deren Gouverneur recht deutlich zu verstehen gibt, das ist dort die Frage der nächsten Tage, während bei uns der Moment gekommen ist, das Moratorium im eigenen Kopf zu starten.

*** In anderen Köpfen geht es wilder zu. Für die Kämpfer gegen die große HAARP-Verschwörung sind die Ereignisse in Japan nur eine Bestätigung, dass die USA hinter all dem Ungemach stecken. Der Autor dieser Behauptungen vertritt zudem den Standpunkt, dass die geheime Pyramide der Illuminaten im Iran steht und von Deutschen bedient wird, die das heilige römische Reich der Arier restituieren wollen. Schöne Aussichten jedenfalls in Zeiten, in denen das Monströse von der seriösen Wissenschaft untersucht wird. Ganz ohne Monster sollte man den Abschied von der Kernenergie als die IT-Chance schlechthin begreifen, mit dezentralen Energieformen und einem Smart Grid 2.0 der Einspeiser wie Nutzer ernsthaft in Angriff zu nehmen. Mit Gebührenzählern, bei denen die Verbrauchsdetails lokal gespeichert bleiben und damit nicht für irgendeinen Volkszählungsprüfvorgang benutzt werden können. Ob der Strom von einem Wäschetrockner oder einem Vibrator verbraucht wurde, geht niemanden was an. Und ob das nun Gigabyte oder Gigawatt sind, ist eh wurscht. Diese Powerline-Dingsda arbeiten ja auch mit Steckdosen.

*** Nicht nur die beruflich mit der Bundeswehr verbandelte Kommentatoren schämen sich über das multiple Organversagen der deutschen Politik anlässlich der Entscheidung der UNO, einem mörderischen Diktator das Töten seines Volkes zu erschweren. Man mag es einen großen Spaß nennen, dass die derzeitige deutsche Regierung sich so verrenkt. Wenn ausgerechnet der mit Enthaltung stimmende deutsche UN-Botschafter jubelt, dann hat der Kommentator recht: Klappe halten, die Wendewelle hat entschieden.

*** Soldaten müssen schweigen können. Das gilt nicht unbedingt für Außenamtssprecher, die eine Meinung über die menschenwürdige Behandlung von eigenen Soldaten haben können, die im Kontext gesehen plausibel ist. Auch wenn Bradley Manning sich vor einem Militärgericht verantworten muss, ist die Frage berechtigt, ob seine Sonderbehandlung nicht zu einem Geständnis führen kann, das juristisch gesehen wertlos ist. Wie groß der Druck ist, unter dem die Beteiligten stehen, mag das Interview zeigen, das Adrian Lamo Al Jazeera gegeben hat. Der ehemalige "Weltklasse"-Hacker ließ es zu, dass die Kamera seinen Rechner filmte, als ein Chatprogramm lief. Kurz darauf wurde dank der sichtbaren IP-Adresse sein Zufluchtsort enttarnt. So hat auch noch Julian Assange auf seine Weise Recht behalten, der in dieser Woche das Internet als größte Spionage-Maschine, die jemals gebaut wurde, bezeichnet hat.

Was wird.

Wenn diese Wochenschau online ist, spielt sich draußen ein nächtliches Lunageddon ab, wenn die Vorhersagen des Supermondspezialisten Richard Nolle stimmen. Schon das Erdbeben in Neuseeland war nach seinen Angaben ein Mondereignis, nur Japan passte nicht ins Konzept. Sollte dennoch der Tag anbrechen, so beginnen die Wahlen im Land der Schulden und Hoffnungslosen. Sachsen-Anhalt wählt als erstes von drei großen Bundesländern. Angesichts der Schulden liegen Prüfsteine bereit, die Positionen der Parteien zu bestimmen.

Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sollen folgen, mit Prüfsteinen wie mit Wahlen. Angesichts des halbherzig gestarteten Atomausstiegs aller in Landtagen zu wählenden Parteien könnte man darauf hinweisen, dass am kommenden Samstag der erste weltweite Earth Hour Day des World Wildlife Fund begangen wird. Das Stunden-Aus ist eine Aktion gegen den Klimawandel und hat eigentlich nichts mit den Inweschtoren in Baden-Württemberg zu tun. Dort sollen die AKW nach den Vorstellungen von EnBW und Stefan Mappus bis 2040 laufen. (ps)

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