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Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

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*** "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt."

*** Mittlerweile scheint nicht die Würde des Menschen durchaus antastbar zu sein, solange dieser Mensch nur anderer Hautfarbe oder anderer Religion als der leitkulturell abgefragte deutsche Durchschnittsmensch ist. Auch die Aufgaben des Staates für seine Bürger scheinen sich immer mehr in Aufgaben der Bürger für den Staat zu verwandeln. Der Staat wird zu einem reinen Abstraktum, das der Bürger zu finanzieren hat, und das es um welchen Preis auch immer zu sichern gilt. Die Würde des Staats unantastbar. Ihre Finanzierung und Absicherung ist Lebensziel aller Bürger. Da freut man sich doch und erwartet eine güldene Zukunft, denn in Deutschland ist man zu Gast bei Optimierern, die Weltklasse in puncto Schnüffelstaatlerei will gehalten werden. Übrigens ist der "erweiterte Dateiabgleich" viel harmloser, als es gemeldet wurde. Es werden ja nur Auslandskonten abgeglichen, beruhigte die Pressestelle. Also Florida-Ralf statt Lausitz-Winfried. Was bleibt, ist ein Staat der aus Kostengründen besser den kleinsten Verdacht ausschnüffelt als jeder Blockwart. Hartz IV ist die ultimative Rache an den zahllosen Wohngemeinschaften, die sich gebildet haben, in denen unbescholtene Bürger nachweisen müssen, dass sie keine Beziehung haben. Derweil wird das Auto via KFZ-Abfrage ermittelt: weh dem, wenn es mehr als ein Prollibonbon namens Opel Corsa ist.

*** Aber gut, was ist schon ein Opel, den fahren eh nur dicke Kinder. Und Deutschland ist nicht der Mittelpunkt der Welt, nicht einmal die Erde ist es. Was soll also all das Gejammere: Der Mensch hat denselben Vorfahren wie der Affe und ist als solcher ein triebgesteuertes Bündel voller schmollender Über-Iche: "Poppen, Perversionen, Penisneid" titelt die taz über das polymorph-perverse Geburtstagskind Freud, der die avancierteste Software des westlichen Lebens entdeckte. Und weil heute der Weltlachtag ist, darf der schönste Witz von Freud nicht fehlen, die Unbedenklichkeitsbescheinigung, die er bei seiner Ausreise aus Wien 1938 erstellen musste: "Ich kann die Gestapo jedermann auf das Beste empfehlen."

*** Mit dem größten Dateiabgleich der deutschen Geschichte, der Zuverlässigkeitsprüfung von Verfassungsschutz, Bundeskriminalamt, Bundesnachrichtendienst, den jeweiligen Landespolizeibehörden vor Ort und der zentralen sportlichen Denunziationsstelle konnten sich bisher 400 Personen nicht für die Arbeit in den Zonen empfehlen, in denen die FIFA regiert. Sie dürfen daher allenfalls dort arbeiten, wo die FIFI ihr Turnier austrägt, am Hamburger Millerntor, wo die freie Republik St. Pauli zu Hause ist. Unter den bislang 400 Ausgeschlossenen finden sich Straftäter und Extremisten, jedoch hat sich noch kein Terrorist zum Dienst in den FIFA-Schutzzonen angemeldet. Unter den Experten gibt es heftige Diskussionen, ob die Luftwaffe der Armen aktiv wird. Die Teilnahme des Irans ist in den Augen einiger Experten der beste Schachzug des organisierten Kegelns, in dem Länder wie Bhutan und Anguilla die Chose schon schaukeln. Wenn die nicht-gouvernementale Korruption in höchster Vollendung ein Turnier ausrichtet, gibt sich Deutschland als guter Gastgeber: Das Geschacher in der offiziellen "serviceorientierten und unbürokratischen" Ticket-Tauschbörse ist ein Lehrstück in angewandter Vorurteilslosigkeit, bei dem die Profis von eBay lachend Pate gestanden haben. Wie wäre es mit Tunesien gegen Saudi-Arabien, komplett mit Gutschein für den Besuch einer Verrichtungsbox? Gemeinereiner ist übrigens die Schweiz, wo das Folio der NZZ eine Art Quartett herausgegeben hat, mit dem der Weltmeister ermittelt wird. Der Quotient aus Pro-Kopf-Bierkonsum, Kinder pro Frau und Nationaltrauma bringt es zutage, dass die Tschechische Republik Weltmeister wird, indem sie Deutschland schlägt.

*** Ich erwähne die Schweiz deshalb, weil sie eine Nationalhymne hat, den Schweizer-Psalm, die sich auf Deutsch, Italienisch, Französisch und Rätoromanisch reimt. Die dümmlichen Argumente von Politikern, warum eine deutsche Hymne nach dem amerikanischen Vorbild nicht auch auf Türkisch gesungen werden kann, erspare ich den Lesern dieser Wochenschau. Es gab mal ein Konzert am Mariannenplatz, bei dem Ton, Steine, Scherben zwei Songs auf Türkisch sangen. Ihre damalige Managerin, das spießig schalumhüllte Gegenstück zu Angela Merkel, schlägt nunmehr vor, die türkische Nationalhymne ins Kurdische zu übersetzen. Doch nur bei der FIFI ist es noch erlaubt Ey Reqib zu singen.

*** Noch weiter als Claudia Roth haben es einige Blogger gebracht – womit wir wieder beim Opel wären. Denn die Blogger dürfen einen Opel mit Tankkarte fahren, vom gähnend langweiligen Medienforum bis nach Frostanistan, wenn sie nur darüber bloggen. Und am Ende fühlen sie sich wie selbst gekocht, während die Nerds, die nicht einmal mit einer Navi den Linuxtag finden können, im Zweifelsfall etwas Besseres als einen Opel finden.

*** Dann gibt es noch den Grimme Online Award, komplett mit dem unbeschreiblich tollen Gefühl, mit einem Nominierten in einem Oberseminar gesessen zu haben. Her mit den Preisen, denn Deutschland räumt ab, im Brüh des Geistes, in dem diese kleine Wochenschau nicht abseits stehen kann: Hal, der Plagiator, meldet sich für den Opal Metha Contest an, der in der kommenden Woche in die Endrunde gehen wird. Es ist alles nur geklaut.

*** Heute hat Jenny Joseph Geburtstag. Als sie im Alter von 28 Jahren das Gedicht "Warning" schrieb, kümmerte sie sich nicht sonderlich um die 20 Pfund, die sie damit verdiente. Dann wurde das Gedicht das meistgedruckte englischsprachige Gedicht der Neuzeit, mit zahlreichen Übersetzungen in andere Sprachen. Es war auf Karten, auf Teetassen, auf T-Shirts und auf Postern zu lesen, jedes Mal mit der Autorenangabe "Volksweisheit". Im Jahre 1997 versuchte Jenny Joseph, eine autorisierte Kopie zu veröffentlichen und von den zahlreichen Nachdruckern Honorare zu verlangen. Dafür gab es reichlich Häme und wie üblich hatten Gegendarstellungen keinen Erfolg.

*** Und manches Mal möchte man den Gegendarstellungen eigentlich gerne glauben, aber, beim besten Willen, es geht einfach nicht. Mag auch Willi Winkler in der Süddeutschen Neil Youngs "Living with War" als möglichen Beginn einer amerikanischen Volksbewegung gegen Washington bezeichnen, mag auch Neil Young aus missionarischem Eifer das komplette Album ins Netz stellen – die Botschaft hör ich wohl, allein, mir fehlt der Glaube. Was für ein langweiliges Machwerk, das hinter Bush-Kritik doch nur Neil Youngs mittlerweile penetrant sich in den Vordergrund drängenden Hurra-Patriotismus transportiert: Bush-Kritik ist wohlfeil, nachdem man mit "Let's Roll" schon einmal den Soundtrack zur Neuordnung der Welt nach US-Vorstellung lieferte und auf "Living with War" dann "America the Beautiful" von einem bombastischen Chor feiern lässt. Ist das schon Alterssenilität eines Musikers, der mehrere Generationen beeinflusste? Es hört sich ganz so an. "Rock'n'Roll will never die"? Mag sein, aber Neil Young trägt derzeit nicht gerade zu lebenserhaltenden Maßnahmen bei.

Was wird.

Am Weltlachtag darf natürlich nicht der Blick auf das Internet fehlen, das sage und schreibe von 321 wichtigen Trends dominiert wird. Und wer Berlin nicht mag, sollte halt mit seinem Opel oder Lada nach Hamburg gurken, wo die Next 10 Years belobhudelt werden, die Jahre mit den interaktiven Frontends im geilen Web 2.0. Wenn man den Blödsinn verkündet, dass Deutschland Weltmeister wird oder das Internet zu sich selbst findet. Wichsen ist nach Dr. Freud eine Kulturleistung, die genossen werden will. Segeln also die Vordenker dahin, vom "read-only zum writable Web", angespornt von einem Eunuchen, der sein Credo verkündet: "Wir wissen nichts, aber wir können es messen."

Wem der Cumshot von Sinner&Schrader nicht den richtigen Kick gibt, der wartet vielleicht auf die E3, wo die dicken Hämmer rausgefahren werden, wo das Business Fun bekommt und Spielen die Geilheit pur bedeutet. Dort, wo die Strapse nur so knallen. Den gleichen Spaß kann man natürlich auch in Osnabrück haben, wenn wieder einmal das EMAF startet und sich mit Security nach Freud 2.0 befasst. Wie sagte es der Eroberer des Unbewussten, der Bewunderer des Es und der Bettler vor dem Über-Ich? Freud hatte Recht: Wo man seinen Schwanz nicht reinstecken kann, davon muss man schweigen.

Dann gibt es frei nach Freud noch die Irren, die laufend Wir holen uns einen Titel runter" deklamieren. Und dabei nur den letzten Schrott-HDTV meinen, komplett mit HDMI-Schnittstelle. Doch dabei ist der Ansturm ausgeblieben, Wo ist bloß die Truppe, die den deutschen Verkäufern auf die Sprünge hilft? (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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