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Was war. Was wird.

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Liebe Kinder, ihr kennt ja den Jesus. Der hat nächste Woche Geburtstag und deshalb gibt es viele Geschenke. Für euch, nicht für ihn. Jesus ist arm, so war es bei seiner Geburt, so ist es heute. Deshalb haben die an Jesus Glaubenden richtige Probleme an seinem Geburtstag, an dem sie mit der Orgel im Chor Lieder singen wollen. Das geht nicht, weil die Orgel krächzt. Darum verkaufen sie euch christliche Klingeltöne für Handys, damit die Orgel bald wieder gesund ist. Ist das nicht mögig? Ein polyphones "Macht hoch die Tür" für Papas Business-Handy ist doch eine gute Idee, oder? Ach, ihr habt schon Jamba? Das, liebe Kinder, sind der Marc, der Oliver und der Alexander. Übrigens: Die Kinder, die nicht an den Weihnachtsmann glauben, wollen auch keine Frösche, keine Ratten und keine Titten auf den Mobiltelefonen.

*** Am Weihnachtsbaume, die Lichtlein brennen, bimmelt das Handy. Freuen wir uns mit den Kindern über die ur-heidnischen Bräuche und natürlich über den Frieden auf Erden, der von der kleinen Hütte in Bethlehem ausging und immer wieder eindrucksvoll bestätigt wurde. Erinnern wir uns nur an die Operation Linebacker II, die gestern Abend vor über 30 Jahren bekann und Hanoi festlich illuminierte. Ähnlich würde es dem Irak ergehen, lägen da nicht ein paar Ölfelder und Bagdad, das seit 7000 Jahren unter Beschuss steht.

*** Wie friedlich und human geht es dagegen in der weihnachtlich gestimmten IT-Branche zu. Oracle vernascht Peoplesoft, Alexander Falk singt in seiner baumgeschmückten Zelle und bei den Chefs von Biodata werden Glückshormone freigesetzt, gelernt ist gelernt. Ja, es ist Frieden in unserer kleinen Welt, in der sich alle die Hände reichen. Und götterfunkengestimmt die Patente austauschen. Sind wir nicht alle Brüder? Eines Geistes? Den Patentfrieden, wie ihn Microsoft mit Autodesk und Dassault schließt, kann man auch mit christlichen Worten zum neuen Cross-Licensing von Microsoft beschreiben: "Weihnachtlich betrachtet, emulieren Gates und Ballmer den König Herodes, der befahl, alle männlichen Kinder unter drei zu töten." Passend zur Weihnachtszeit ist nunmehr der Agrar- und Fischereirat für die Softwarepatente in der EU zuständig. Das Krippenbild mit Ochs und Esel erfährt eine neue Deutung.

*** Brot für die Welt ist eine sehr anständige Aktion der Kirchen und hat nichts mit "Viagra for Christmas" zu tun, das derzeit meine Inbox verstopft, weil Hal so ungemein dänisch klingt. Brot für die GEZ ist natürlich geschmacklos. Man denke nur an die geschätzten 125.000 Empfänger von Arbeitslosengeld-II, die ihren Internetzugang abmelden müssen, weil das Geld wirklich nicht mehr reicht. Aus diesem Grunde ist es überhaupt nicht lustig, das christlich so besetzte Brot mit Parolen zu verzieren, die eine kirchliche Aktion sofort auf ihren Markenkern reduziert. Marken sind schließlich der Stellhebel des Erfolgs. Insofern ist Brot für die GEZ schon gestorben, während andere Marken raketenmäßig funkeln. Man denke nur an den unbehosten Goleo, der unsere Abgeordneten mit WM-Tickets verorgen soll. Oder an Congster, zu dem das Orakel von Google beharrlich den Gangster abfragt, genau wie bei Heiseluegt nur Heißluft hrauskommt. Ja, da wollen wir doch nicht hintanstehen und spendieren dem absolut markenuntauglichen WWWW ein Wörtchen wie Ontom. Oder Onomono, Seiokronto Pafriplo. Biffzi Baffzi Hulalemi, Lalu lalu, lulu lulu: Majorans DOS!

*** Wichtiger als die Namen sollten eigentlich die Inhalte sein. An ihnen reiben sich die Leute, Nehmen wir nur die Wikipedia, die das Wissen der Welt demokratisch verankern und -- schlimmer noch -- kostenlos verteilen will. Das ärgert die Gerechten aus Radehintermwald und anderen geistig verkniffenen Tälern. Darum geht die Rede vom Content-Faschismus. Das ist eine denglische Übelkrähe, bei der Werner Lansburgh im Grabe zu rotieren beginnt. Doch was ist dabei, wenn die Inhalte ihre Exklusivität verlieren? Hohe Wellen schlägt Google Scholar, das wahlweise Markenrechte verletzt oder als Akademiker-Trüffelschwein die Freiheit der Lehre und Forschung bedroht. Dabei ist es nicht einmal ausgemacht, dass diese Software über den Zettelkasten eines Niklas Luhmann oder Arno Schmidt hinausgeht. Dabei ist die Sache genauso einfach wie bei der Wikipedia: Stand on the shoulder of giants, oder lass es bleiben. "Auf den Schultern von Giganten kann man stehen", sagte einst der große Robert Merton im Interview, "man sollte aber nicht pissen."

*** Zum Abschied:

Rollt aus den Teppich, dass das Herz auf Samt geht.
Stille und Kerzen stellt an den Weg.

Herbert Dreilich von Karat gehört zu den Sängern, die uns im Westen nachhaltig irritierten, mit all diesen Gefühlen. Und Peter Maffay machte es schlechter, nicht besser. Da passt es, wenn die große deutsche Stimme des Ostblocks einen fantastischen Nachruf erhalten hat, auf den kein Link geht, denn: "Die Website, die Sie besuchen wollen, hat den von uns eingeräumten Leistungsumfang überschritten und ist vorübergehend nicht erreichbar." Herbert Dreilich war einer der wenigen, der unbeirrt die komplette Ostalgia abzog, während die anderen Gruppen und Sänger sich von ihrer Vergangenheit absetzten. Zu den Toten der Woche gehört auch Gary Webb, ein großer Journalist, der das Pech hatte, an einer schlimme Ehe zu zerbrechen.

Was wird.

Was wird noch aus den Einnahmen des CDU-Stromexperten Laurenz Meyer werden, fragt sich die eine Hälfte, während die andere schon beim Furzclub auf Parteirausschmiss drängt. Doch was ist ein Furz gegen die größte Blähung des Ostens? Heute öffnet für die Allgemeinheit, ziemlich genau 50 Jahre nach den im Januar veröffentlichten Tristes Tropiques von Levi-Strauss, das Tropical Island in Brandenburg seine Membrane. Geboren aus der Pleite um den Cargolifter, ist unser Paradies kein überdachtes Hallenbad mit sieben Brücken, auch nicht vier Welten (Regenwald/Südsee/Balinesien/Restaurantdorf), sondern eine einfache Investorrechnung mit vier Buchstaben: BARS, Berlin-Brandenburg, Authenzität, Return of Visits, Segments of Users.

Für die etwas größeren Kinder, die nicht mehr Klingeltöne hacken, sondern dem Papa als Root die Scores löschen, kommen die üblichen Verdächtigen in Berlin zusammen, mittenmang zu Weihnachten. Passend zum Kongress haben sich die Künstler der Sperrtechnik mit den Leihfahrrädern beschäftigt, die die Deutsche Bahn in Großstädten anbietet. Hack a Bike heißt die lustige Aktion, bei der man nur den Kopf darüber schütteln kann, was mit den Programmieren der Deutschen Bahn los ist. Warum werden eigentlich Sicherheits-Bits nicht gesetzt?

Derweil geht das Jahr in seine letzten Atemzüge, Das Neue kommt und soweit ich es heute überblicken kann, wird es ein kombiniertes Marley/Gauss/Einstein-Jahr. Nicht die schlechteste Mischung. Für das alte Jahr bemühen sich derweil die Blogger redlich, einen Platz vor Apple und iTunes zu erreichen. Ich erwähne es heute hier vor Weihnachten, weil auch diese kleine Wochenschau von den Giganten dieser Sportart profitiert hat, allen voran VoWe, IT&W und Bluephod. (Hal Faber) / (Hal Faber) / (jk)

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